1893.
Nr. 73
mm
UntevhaltungsbLatt 311m Gretzenev Anzeigen (Gsneval-Anzeigev)
Samstag, den 24. Juni.
Verschlungene Pfade.
Roman von Max Höchberg.
(Fortsetzung).
In der Friedrichsstraße und anstoßenden Wilhelmstraße promenirte zur selben Zeit Herr von Götz, in der Hoffnung, Asta am Fenster zu sehen und von ihr gesehen zu werden. Er machte eben zum dritten Male am Ende der Wilhelmstraße Kehrt, da bog der wohlbekannte Wagen mit den zwei Rappen um die Ecke. Götz grüßte die beiden Damen im Fond und begab sich dann eiligst nach dem Schönholz'schen Hause.
„Die Herrschaften sind ausgefahren," bedauerte Johann.
„Aber das gnädige Fräulein ist zu Hause. Ich weiß es und werde sie im Salon erwarten!" Er drückte dem schmunzelnden Alten ein Fünfmarkstück in die Hand und schritt an ihm vorbei nach dem grünen Zimmer.
Er brauchte nicht lange allein zu bleiben. Doch kam Asta nicht erröthend, lächelnd, süß befangen, wie er sich's ausgemalt; nein, bleich, müde, gezwungen höflich. Ihm wurde ein sehr formelles Willkommen.
„Sie wollen sicher Ihr Gedicht zurückfordern, Herr von Götz?" begann sie- „Ich kann es Ihnen leider nicht geben, weil Papa es in Verwahrung genommen hat. Sollte ich es vor meiner Abreise zurück erhalten, werde ich es Ihnen zusenden."
„Sie verreisen?" rief er bestürzt. „Hoffentlich nicht auf lange?"
Ihr Mund verzog sich schmerzlich. „Ich soll auf längere Zeit in eine Pension nach Brüffel, es soll heißen, ich bin auf Besuch bei Verwandten."
„Das ist ja mehr als Tollheit! Was sollen Sie denn in Brüffel? Ich werde mit Ihrem Herrn Papa sofort ein ernstes Wort reden!"
„Da richten Sie doch nichts aus! Der ist übrigens vor Ernas Gebelfer davon gelaufen und wird sich wohl vor Tisch nicht sehen lassen."
„Aber sagen Sie mir Eins: weshalb um Himmelswtllen sollen Sie weg?"
„Hauptsächlich wegen des Bouquets gestern!" Nun brach Astas Zorn durch. „Erna hat mich darum ausgelacht und ^behauptet, Sie hätten sich um die Tänzerin in Schulden gestürzt. Und es ist gar nicht wahr, was Sie mir erzählt haben, Fräulein Ehrenberg hat gar keine Eltern! Und Sie müssen ihr Alles geben und Fräulein Ehrenberg ist ein ganz schlechtes Mädchen!"
„Nein, mein gnädiges Fräulein, da sind Sie sehr im Jrrthum," unterbrach er sie fest in einer Weise, die keinen Widerspruch duldete. „Ich kann es Ihnen zur Stelle beweisen: Fräulein Ehrenberg ist kein schlechtes Mädchen und Ihrer Theilnahme nicht unwerth." Er zog einen Brief hervor. „Ich erhielt ihn eben. Sie begehen keine Jndiscretion, wenn Sie ihn lesen- Sie sollen Felicitas Character kennen lernen!"
„Mein edler Wohlthätsr," schrieb die Tänzerin, „Sie sind der Erste, der von meinem Glück Kunde erhält. Tante Lene weiß noch nichts davon. Erst mußte ich Sie benach- richtigen. Ich bin überglücklich! Der Herr Intendant hat gestern noch Gelegenheit gehabt, mit der Frau Fürstin über mich zu sprechen. Ich habe für mein Spiel eine außerordentliche Gratification geschickt erhalten und bin engagirt, denn die Frau Fürstin wünscht Fräulein Eckstädt nicht wieder auf der Bühne zu sehen. Ich trete statt ihrer auf und bekomme für die wenigen Tage des März den vollen Monatsgehalt, den April natürlich auch- Eine zweite gute Nachricht: Herr Belter wird mich für den Sommer beschäftigen. Er hat für Neu» städt die Theaterdirection übernommen. Der Badeort ist sehr besucht; die Verwaltung unterstützt das Unternehmen und geizt nicht mit den Gagen. Mithin bin ich geborgen und bitte Sie herzlichst, es nur nicht anders auszulegen, wenn ich fernere Beweise Ihrer Großmuth und Güte ablehne. Dank Ihrem Edelsinn kann ich jetzt auf eigenen Füßen stehen. Möge des Himmels reichster Segen Sie belohnen! In unendlicher Dankbarkeit Ihre Felicitas Ehrenberg."
Asta war mit dem Brief zu Ende und sah auf.
„Sagen Sie selbst, gnädiges Fräulein, ist dieses Mädchen Ihrer Theilnahme unwerth ? Oder können Sie mich darum verdammen, weil ich der mit den Wellen des Elends Kämpfenden die rettende Hand bot, sich an's Land zu schwingen? Verachten Sie mich darum?"
„Nein — aber —"
„Was denn?" bat er innig.
„Aber — sie ist ja so schrecklich hübsch!"
Ein Glücksgefühl ohne Gleichen durchrieselte den Lieutenant bei diesem naiven Geständniß. „Gewiß, sie ist hübsch, sehr hübsch," betonte er lächelnd, „doch ist sie eine brünette Schönheit und ich — ich liebe eine blonde —"
Er erschrak über die Veränderung, die bei seinen Worten in Astas Zügen vor sich ging. Ihr Blick wurde geradezu feindselig. Schneidenden Tones stieß sie einen Vers seines ihr von Erna früher so schonungslos vorgetragenen „Bekennt- niffes am Malten'schen Buffet" hervor. Felicitas Brief flog dem Lieutenant vor die Füße und Asta stürmte, von Groll und Leid überwältigt, aus dem Zimmer.


