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Es wurde ein kühler Gruß gewechselt, dann wollte der Guts- besttzer das Zimmer des Barons aufsuchen, als ihm plötzlich Ruth entgegentrat. Das junge Mädchen kam aus dem kleinen Salon und hielt mit der Rechten das Taschentuch gegen die Lippen gepreßt. In ihren Augen standen Thränen.
„Herr Wolfram! Gottlob, daß Sie kommen!"
Es war wie im unterdrückten Jubel hervorgestoßen; Ruth streckte beide Hände aus. „Haben Sie eine Viertelstunde für mich übrig?"
„Wann und wo Sie wollen, Fräulein Aßmann."
„Ach — ich danke Ihnen."
Sie öffnete die Thür des Bibliothekzimmers und ging ihm voran. „Meine Seele schrie nach Ihnen, Herr Wolfram, ich dachte während der letzten Stunden nur an Sie und daß Sie mir helfen sollten."
Ruth weinte; sie litt es, daß Erich ihre beide» Hände gefaßt hielt. „Wie unglücklich bin ich!" schluchzte sie.
Er hatte bisher geschwiegen, um den Sturm in seiner Seele gewaltsam niederzukämpfen — das Beben seiner Stimme hätte ihn ja verrathen müssen. Jetzt küßte er die kleine gefangene Hand.
„Was ist Ihnen geschehen, Fräulein Aßmann? Sagen Sie mir Alles; ich bin Ihr Vormund und werde für Sie einstehen, wo es notwendig ist."
„Das wußte ich. Und doch — es handelt sich im Grunde nur um eine Gewiffensfrage. Sie sollen für mich entscheiden, Herr Wolfram, Ihnen vertraue ich wie keinem anderen Menschen."
Er küßte wieder stumm ihre Hand. „Nun — ich bin begierig."
Ruths hübsches, schüchternes Gesicht färbte sich purpurn. „Der Commerzienrath Lissauer hat um meine Hand angehalten," sagte sie halblaut.
„Und Sie gaben ihm hoffentlich sofort einen Korb, nicht wahr?"
Ruth nickte- „Ich that es, aber — war das auch ganz recht? Dieser Mann hält Hans Adams Schicksal in seinen Händen. Er drohte."
„Weiß der Baron, was zwischen Ihnen und dem Com- merzienrathe geschah, Fräulein Aßmann?"
„Er war zugegen und hörte jedes Wort."
„Und?"
„Schwieg durchaus. Hans Adam denkt im tiefsten Herzen, daß ich das Opfer bringen müsse; er spricht es nur nicht aus. Der Commerzienrath sagte, daß er Fristen bewilligen werde — ich verstehe das nicht ganz — und daß er gerade jetzt ein anderes, noch viel bedeutenderes Rittergut gekauft habe. Auf den Erwerb von Moldt, auf Gewaltmaßregeln will er verzichten, wenn ich feinen Antrag annehme. Was soll nun geschehen, Herr Wolfram? O, ich dachte mit solcher Sehnsucht an Sie, alle meine Wünsche riefen nach Ihnen."
Seine Brust hob sich höher, kräftiger, aber dennoch waren es sehr gemischte Gefühle, die ihn bewegten. Ruth brauchte den väterlichen Freund, den Gewissensrath, in einer Angelegenheit, bei der ihr Herz betheiligt war — er durchschaute vollständig, was sie empfand.
„Ein Opfer, Fräulein Aßmann?" sagte er mit gedämpfter Stimme. „War es das, woran Sie dachten?"
„Muß ich nicht? Bin ich nicht ein ganz schlechtes, eigennütziges Geschöpf, wenn ich das Unglück über die Meinigen hereinbrechen lasse, ohne zu helfen?"
„Das glaube ich nimmer. Wollen Sie Ihre ganze Zukunft der Verzweiflung überliefern, nur, um dem Baron eine Galgenfrist zu erwerben? — Hans Adam und ich sind Freunde, ich schätze seine guten Seiten sehr hoch, aber daß er jemals wirthschaften lernt, glaube ich nicht. Hätten Sie ihm und Ihrer Frau Schwester das ungeheure Opfer wirklich gebracht — nach Jahresfrist wäre es vergeblich gewesen."
Ruth senkte den Blick, ein tiefer Seufzer hob ihre Brust. „Ich glaube es auch," gestand sie. „Es wäre vergebens."
„Vollständig, Fräulein Aßmann, besonders da die Zusagen solcher Leute, wie der Commerzienrath einer ist, doch wenig
oder keinen wirklichen Werth besitzen. Er fände später unschwer eine Handhabe, um Alles zurücknehmen zu können."
Ruth sah mit dem Ausdruck eines kindlichen Vertrauens in Erichs Gesicht. „Ich danke Ihnen," sagte sie. „Mir sind Felsenlasten vom Herzen genommen."
„Und Sie geloben mir, sich von keiner Seite überreden, von Niemandem ein Versprechen abtrotzen lassen zu wollen, Fräulein Aßmann?"
„Ja! — O ja, ich gelobe es."
„Geben Sie mir darauf die Hand; Ihre Zusage soll für mich den gleichen Werth besitzen, wie andererseits das Ehrenwort eines Mannes."
Ihre kleine Rechte lag in der seinen. „Sie wissen, ich lüge nie, Herr Wolfram."
„Gottlob, ich weiß es,"' sagte er aus tiefster Brust. „Und nun Adieu für heute, meine ängstliche, kleine Schutzbefohlene. Kommt der Herr Commerzienrath zum zweiten Male, so verweisen Sie ihn an mich."
„Das soll sicherlich geschehen."
Dann führte Ruth ihren Gast in das Zimmer des Barons und ließ die beiden Herren allein. Hans Adam sah das vor zwei Menschenaltern von der Hand seines verstorbenen Vaters aufgesetzte Document, er hörte die Geschichte desselben und sein erster Impuls war, das Geld zurückzuweisen.
„Ich nehme nichts, Wolfram!"
„Du nimmst, was Dein ist und was ich gleich jetzt mit hierher gebracht habe, Hans. Es muß fein, auch für mich selbst, das erkennst Du."
„Dann aber nur als Darlehen," wehrte sich der Baron. „Ich zahle Dir die Summe mit Zins und Zinzeszins zurück."
Ein leichtes Lächeln umspielte Erichs Lippen. „Wir wollen es hoffen," sagte er nur. „Gott gebe es."
Hans Adam ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab; sein Geist war schon jetzt wieder mit den weittragendsten Plänen beschäftigt. „Zwölftausend Thaler," sagte er, „und wie vom Himmel fällt mir die Summe in den Schooß. Der liebe Gott verläßt doch keinen Deutschen."
„Da ist denn zuerst meine arme Cäcilie," fuhr er fort, „sie muß nach Nizza. Ach, Gott sei gepriesen, daß das Geld ausreicht, um ihr den Aufenthalt im Süden zu ermöglichen! — Dann meine Ueberschwemmten. Vor der Hand lasse ich die große Scheuer zu Wohnungen einrichten und im Frühling wird gebaut, lauter massive Häuser natürlich. Ich schenke den Leuten die große Haferkoppel — dahin dringt das Wasser nie. Nach diesen beiden vornehmsten Verpflichtungen kommt ein Plan, den ich schon lange hegte —"
„Hans! Hans! Schon wieder Pläne?"
„Die Bernsteingräberei, Du weißt es ja. Ich habe verschiedene Fischer beauftragt, nach neuen Spuren zu suchen. Ein ganz bedeutendes Lager muß hier ja doch vorhanden sein."
„Weshalb, Hans. Du hast keinen stichhaltigen Grund, das anzunehmen, denke ich."
Der Baron lachte. „Es sind immer ab und zu Stücke Bernstein gefunden worden, Du ängstliche Seele I Woher kommen denn die?"
„Das waren einzelne zerstreute Stückchen ohne Werth."
„Freilich, Die großen Blöcke sind noch mit Sand bedeckt. Du sollst sehen, daß ich Recht habe, Erich."
Und dann, als Jener schwieg, fügte er hinzu: „Ich werde Dich schon überzeugen, alter Junge. Mein Himmel, was gibt es nicht in nächster Zeit Alles zu thun, besonders auch Willibalds Hochzeit. Er ist mein langjähriger Freund und ich will ihm seinen Ehrentag glänzend gestalten. Der erste Eingeladene bist Du, Wolfram."
„Ich danke Dir, Hans, aber —"
„Erlaubst Du mir ein offenes Wort?" unterbrach er sich selbst.
„Ich bitte Dich darum."
„Nun gut. Gibt es nicht Verpflichtungen, Hans, noth- wendige Ausgaben, die allem Uebrigen voranstehen sollten? Hast Du keine Schulden?"
Der Baron lächelte sorglos. „Und vergißt Du ganz die


