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und Denken I Sollte er die flüchtige Aufwallung, zu welcher er sich durch Johannas Gesang hatte hinreißen lasten, mit dem Opfer bezahlen, eine Dame, die er zwar hochachtete und verehrte, aber nicht liebte und niemals lieben konnte, zu seiner Gattin zu machen? Nein! nein! und abermals nein! rief es in Bornstettens Innern. Dabei dünkte es ihn jedoch unschicklich, jedes fernere Zusammentreffen mit Johanna zu vermeiden und es trieb Bornstetten auch seine jetzt fast egoistisch erscheinende künstlerische Neigung, Johannas wundervollen Gesang auch ferner zu hören, wieder in ihre Nähe.
Johanna begrüßte Bornstetten bei diesem ersten Besuch mit unbefangener Herzlichkeit, und die ganze Seligkeit einer ersten Liebe strahlte ihm aus ihren Augen entgegen. Bornstetten schien jedoch dafür kein Verständniß zu haben, sondern seine Blicke hingen wie gebannt an der holdseligen Mädchen- Erscheinung, die da in der tiefen Fensternische stand und mit großen blauen Kinderaugen schüchtern zu ihm aufsah.
„Meine Schwester Helene." Mit diesen Worten stellte Johanna die schöne Schwester dem stattlichen Offizier vor.
„Ich habe Sie schon einmal gesehen, Fräulein," sagte Bornstetten beinahe verlegen, und Helene erwiderte lächelnd: „Damals, als meine Schwester Johanna zum ersten Male in der Oper sang. Sie saßen uns gegenüber in einer Seitenloge."
„Ja, so war es, und Ihre Erscheinung rief schmerzlichschöne Erinnerungen in mir wach, Erinnerungen an ein kurzes, schnell verwehtes Glück."
Und Bornstetten erzählte dann den Damen von der wunderbaren Aehnlichkeit Helenens mit seiner verstorbenen Braut.
Seit diesem Tage war Bornstetten wieder ein häufiger Gast bei den Damen, und zwischen ihm und Helene entspann sich bald, ohne daß die Anderen es merkten, ein zartes Ein- verständniß, welches mit zärtlichen Blicken und leise geflüsterten Worten lebhaft unterhalten wurde.
Johanna wäre die Letzte gewesen, die für Folgen von dergleichen losem Liebesgetändel ein wirkliches Verständniß gehabt hätte. Ihre Liebe umgab Bornstetten mit einem Nimbus von Hoheit und duldete nicht den geringsten Schatten auf dem Bilde des geliebten Mannes. Sie lebte der glücklichen Täuschung, daß er ihre Neigung aufrichtig erwidere und nur aus Rücksicht auf die Trauer der Familie das entscheidende Wort jetzt nicht aussprach.
Oft genug kamen Bornstetten auch Augenblicke, wo Johannas Genie ihn hinriß, wo fle ihm in ihrer künstlerischen Erscheinung hoch erhaben über die Schwester Helene, die nur em schöner Schmetterling war, erschien, und dann kam auch Bornstetten der Gedanke, Johanna doch noch zur Gattin zu wählen. Der Zauber ihrer Stimme, ihr gediegener wahrer Character und ihre tiefe, leidenschaftliche Liebe, Alles dies vermochte ihn nicht gletchgiltig zu lassen. Wäre nur Helene nicht gewesen mit ihrer bestrickenden Schönheit, ihrer Aehnlichkeit mit der verstorbenen Braut und ihrer bezaubernden Koketterie l
Beide Schwestern fesselten Bornstetten aus ganz entgegengesetzten Ursachen und zogen ihn unwiderstehlich in ihre Nähe.
So wanderte er auch heute wieder die stille Straße heraus, die nach ihrer Wohnung führte.
Eine erdrückende Schwüle hatte den Tag über geherrscht, in Staub und Hitze hatte Bornstetten mit seinem Bataillon einen Uebungsmarsch gemacht. Bei dem faden Geplauder seiner Kameraden und bei den derben Gesängen der Soldaten war Bornstettens feiner, künstlerisch angelegter Natur das Erdendasein so unendlich schal und trivial erschienen, und die Sehnsucht nach etwas Höherem, nach Augenblicken der Weihe, der Erhebung, trieb jetzt ihn noch in später Abendstunde zu Johanna. So stand er nun in ihrem kühlen, von Blumen durch- dusteten Zimmer und bat sie um ein Lied.
Einen Moment hielt er ihre schlanken Finger zwischen den seinen, ihr bittend in die treuen Augen schauend.
Helene, die mit einem Buch in der Hand am Fenster stand, verzog schmollend das schöne Mündchen, denn Bornstetten hatte heute nur einen flüchtigen Gruß für sie gehabt, und al» Johanna nun sang, ruhte sein Blick fest und sinnend auf der
jungen Sängerin. Er empfand in diesem Moment einma wieder voll und ganz, wie die Nähe einer solchen gottbegnadeten Künstlerin gerade für ihn von unschätzbarem Werthe sei.
Helene verließ plötzlich ärgerlich das Zimmer, aber draußen im Vorsaale blieb sie sinnend vor dem Spiegel stehen und ein triumphirendes Lächeln spielte um ihre feinen Lippen.--
Bornstetten sollte der häßlichen Schwester da drinnen den Vorzug geben vor so viel Liebreiz, wie der Spiegel hier zurück- gab? Nein, nein, das war nicht möglich! Freilich, Johannas Gesang! Bornstetten war ein solcher großer Kunstkenner, solcher Musikschwärmer, daß er vielleicht aus diesem Grunde allein Johanna heirathen konnte. Dazu machte die Tante auch oft solche geheimnißvollen Andeutungen, als ob zwischen den Beiden schon ein Einverständniß vorhanden sei, das nur der Trauer wegen in die Schleier des Geheimnisses gehüllt war.
Nein, damals vor des Vaters Tod hatte Bornstetten Helene auch noch nicht gekannt — jetzt aber kannte er sie!
Sie trällerte übermüthig eine lustige Tanzweise und ging dann hinaus, um eine Erfrischung für Bornstetten zu besorgen.
Als sie zurückkam und leise in das Zimmer trat, war der Gesang verstummt. Johanna und Bornstetten standen am Fenster und er schien ihre Hand in der seinigen zu halten, aber als Helene näher trat, flog es wie ein befreiendes Aufathmen über sein Gesicht.
„Ich bin nur die Martha," sagte diese lächelnd, „die auch für die materiellen Bedürfnisse ihrer Gäste sorgt."
Mit schelmischer Grazie credenzte sie Bornstetten den erfrischenden Trunk, dabei streifte ihr schneller, prüfender Blick Johannas Gesicht, auf welchem es wie Wiederfchein eines inneren Glücks leuchtete. Bornstetten hatte so warme, schöne Worte zu ihr gesprochen.
Wenn es nun aber doch wahr wäre, was die Tante angedeutet? So fragte sich Helene voll Beforgniß und beschloß, der Sache auf den Grund zu gehen. Aber nicht Johanna wollte sie ausforschen, auch nicht die Tante, sondern Bornstetten selbst.
Die Gelegenheit dazu wußte die kleine, schlaue Person schon in den nächsten Tagen herbeizuführen.
Sie empfing Bornstetten bei einem seiner nächsten Abendbesuche unten an der Treppe und lud ihn ein, ein wenig mit ihr im Garten zu promeniren, der Abend sei so köstlich und Johanna sei noch gar nicht aus der Probe zurück.
Gedankenvoll ging der junge Offizier neben dem schönen Mädchen auf den schmalen Gartenwegen auf und ab.
Die Luft des Spätsommerabends war so weich und lind wie Lenzesluft, einige Theerofen dufteten süß und das blasse Licht des Mondes, welches Helenens blondes Köpfchen so ätherisch beleuchtete, strahlte zauberisch in den Garten.
Wollte die Vergangenheit zurückkehren? Das tobte, längst begrabene Glück noch einmal auferstehen? So fragte sich Bornstetten.
Eben solch' ein Abend war es gewesen voll Rosenduft und Mondesschimmer, wo eben ein solches holdes, blondes Kind an seinem Arm gehangen und mit ihm die ersten süßen Liebes- geständnisse ausgetauscht hatte. Hingerissen von diesen Erinnerungen, die sich mit der Gegenwart verweben wollten, legte Bornstetten den Arm um Helenens feine Taille, aber diese entzog sich sehr energisch dieser Umarmung und sah vorwurfsvoll zu ihm auf.
„Sie treiben falsches Spiel mit mir, Herr Lieutenant," sagte sie verletzt, „da Sie mit Johanna heimlich verlobt sind. Es ist bitteres Unrecht von Ihnen, so mit mir zu spielen! — Ich bin kein Kind mehr — ich — mein Herz" — sie stockte und blickte in süßer Verwirrung zur Erde.
In Bornstettens dunklen Augen flammte es zornig auf und er rief fast laut: „Wer sagt es, daß ich verlobt bin?"
„Nun, die Tante, Johanna — alle Menschen sagen es 1" erwiderte die schöne, kleine Schlange.
„Es ist nicht wahr, sie lügen, wenn sie es sagen, oder es ist nur Klatsch, für dessen Entstehung ein leerer Schein spricht."
Bornstetten war auf'» Höchste empört. Wollte man ihn


