Ausgabe 
23.11.1893
 
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Ich muß sofort nach Gernsheim!" stieß Curt hervor, und nach kaum zehn Minuten jagte er in tollem Ritt die Allee hinab.

(Fortsetzung folgt.)'

Der Kugelblitz.

Von H. Bredrow.

(Schluß.)

Merkwürdig ungleich ist auch die Wirkung der Kugelblitze aus ihre Umgebung. Während sie hier mit explosiver Gewalt wirken, scheinen sie dort jeder Gewaltthätigkeit sorgsam aus dem Wege zu gehen. Bisweilen wirft die heftige Explosion die Betroffenen nur zu Boden, bisweilen genügt schon die bloße Annährung, um den Tod des Menschen herbeizusühren. Besonders gefährlich wirken die Kugelblitze in großen Versamm­lungen. Im Jahre 1871 fiel während der Sonntagspredigt in Solingen eine einer Bombe gleichende Feuerkugel vom Kirch­thurm in die Kirche und explodirte auf halbem Wege zwischen Dach und Pflaster mit schrecklichem Krachen. Die Kirche war plötzlich mit Rauch und Feuer gefüllt, drei Personen wurden sofort getödtet und mehr als 100 wurden verwundet. Etwas Aehnliches geschah 1769 im Schauspielhaus zu Feltre, in der Mark Trsvisanüe, wo mehr als 600 Personen während eines heftigen Gewitters versammelt waren. Durch eine große, im Dachwerk befindliche Oeffnung drang eine Feuerkugel von der Größe einer Kanonenkugel größten Kalibers, löschte alle Lichter aus und tödtete oder verwundete über 40 Personen- Sehr merkwürdig erscheint der folgende, von Abbe Spallanzani be­richtete Vorfall. Unweit Pavias weidete während eines heftigen Gewitters im August 1791 etwa 150 Schritt von einem Bauern­höfe entfernt eine Herde Gänse. Ein etwa 12 Jahre altes Mädchen und ein jüngerer Knabe liefen auf die Gänse zu, um sie Heimzutreiben. Auf derselben Wiese befanden sich noch ein 9 bis 10 Jahre alter Knabe und ein ungefähr 50 Jahre alter Mann. Plötzlich erschien 3 bis 4 Fuß von dem Mädchen ent­fernt eine etwä zwei Faust große Feuerkugel, auf dem Boden dahinkriechend, lief rasch auf die nackten Füße des Mädchens zu, verschwand unter ihren Kleidern, kam unter kugelförmiger Gestalt oberhalb ihrer Mieders wieder zum Vorschein und schwang sich dann unter Geräusch in die Luft empor- Als sie unter den Röcken des Mädchens verschwand, erweiterten sich diese wie ein Regenschirm, der geöffnet wird. Das Kind fiel zu Boden, kam jedoch bald wieder zu Bewußtsein. Sein ^.Körper zeigte vom rechten Knie bis gegen Mitte der Brust eine ober­flächliche Erosion, auch zeigte das Hemd an den entsprechenden Stellen Brandspuren. Die Wiese zeigte in der Umgebung des Ortes keinerlei Spuren der Feuerkugel, die sich nach dem von Spallanzani genau festgestellten Zeugnisse der Anwesenden von unten noch oben und nicht in umgekehrter Richtung bewegt hatte.

Vergangene Jahrhunderte machten die Erklärung des Kugelblitzphänomens leicht; sie deuteten es je nach den beglei­tenden Umständen als einen Ausfluß himmlischer und teuflischer Mächte, und es lassen sich in der heiligen wie in der profanen Litteratur aller Zeiten manche Angaben finden, die mehr oder minder deutlich auf ihre Entstehung durch den Anlaß eines Kugelblitzes Hinweisen. Heute hat es dis Wissenschaft nicht so bequem, und wenn wir uns mit der Erklärung dieses Phäno­mens beschäftigen, so drängt sich uns mit aller Gewalt die tiefe Wahrheit des Dichterwortes auf:

Ins Innere der Natur dringt kein erfchaffner Geist;

Zu glücklich, wem er nur die äußre Schale weist.

Daß zwischen dem Kugelblitz und den gewöhnlichen elektri­schen Erscheinungen in der Atmosphäre unmittelbare Verwand­

schaft und enger Zusammenhang herrschen, ist von vornherein klar und es scheint nach einigen Beobachtungen sogar, als ob Strahlenblitze in die Kugelform übergehen können. Außer dem oben erwähnten Falle von St- Stephan am Gratkorn spricht dafür besonders der von dem französischen Physiker Plante fest- gestellte Uebergang eines Blitzstrahls in mehrere Blitzkugeln. Plante verfolgte am Morgen des 18. August 1876 von Meu- don aus ein in der Umgegend von Paris losbrechendes Ge­witter. Gegen 7 Uhr drang aus der Wolke ein vor allen andern sich auszeichnender Blitz nach unten, indem er eine Kurve beschrieb, die einem ins Längliche gezogenen 8 ähnelte. Der Blitz war während mehrerer Augenblicke sichtbar und bildete eine Art Rosenkranz, der aus lauter leuchtenden, an einem schmalen Lichtfaden gereihten Kügelchen bestand. Er schien Paris in der Richtung nach Vaugirard zu treffen, schlug, wie sich später herausstellte, in Vaugirard, Grenelle u. s. w. ein und zwar in kugel- oder eiförmiger Gestalt. Wahrscheinlich ist er in der Nähe des Bodens in mehrere Körner getheilt worden, denn man hat nur einen einzigen Blitz die Erde in dieser Richtung er­reichen sehen. Es siel ein sehr starker Regen und die von der elektrischen Entladung durchsetzte Luft war ganz und gar mit Wafferdampf gesättigt. Wenn nun auch die Annahme eines inneren Zusammenhanges von Kugel- und Strahlenblitz richtig sein sollte, so sind doch die Bedingungen, unter denen eine solche Umwandlung vor sich geht, in ziemliches Dunkel gehüllt, das sich erst seit Kurzem ein wenig zu erhellen beginnt. Wie wir nämlich in dem Funken der gewöhnlichen Elektrisiermaschine ein Analogon des Zackenblitzes besitzen, so meint man neuerdings in einem anderen physikalischen Versuche eine Aehnlichkeit mit dem Vorgänge des Kugelblitzes entdeckt zu haben. Bei Untersuch­ungen Über die Entladung elektrischer Funken in verdünnter Lust beobachtete Herr Kighi, besonders wenn der Entladungskreis große Widerstände enthielt, eine sonderbare Gestalt der Funken. Auf der positiven Elektrode bildete sich eine Art rother oder rosafarbiger Flamme, die sich nach der negativen Elektrode hin zu verlängern schien und kurz vor Erreichen derselben verschwand. Der Funke bestand aus einer leuchtenden Masse von ziemlich langsamer Bewegung; das Leuchten legte in einem Falle den 17 cm betragenden Weg zwischen den Polen in ]/6 Stunde zurück, hätte also zum Durchlaufen einer 1 m langen Strecke eine Sekunde gebraucht. Durch Abänderungen der Versuchs­bedingungen ließ sich bewirken, daß die Funken nicht aw einer leuchtenden Masse, sondern aus mehreren einander folgenden bestanden. Ließ Righi die Entladung nicht im Reclpienten der Luftpumpe, sondern in eine Röhre erfolgen, so begab bisweilen die bewegliche Lichtmasse sich vor Erreichen der negativen Elek­trode zum positiven Pol zurück. In anderen Fällen stand sie, nachdem ein bestimmter Punkt der Bahn erreicht war, für den Rest der Entladuiigsdauer still. Momentphotographien der bewegten Lichtmaffen von je Vso Sekunde Expositionsdauer zeigten, daß unter Umständen die vom positiven Pol ausgehende Masse eine ovale Gestalt hat und beim Loslösen von der Elektrode die Form eines Waffertropfens annimmt, der von einem Glasstabe abfällt. Werden anstatt der verdünnten Luft andere Gase ge­nommen, so ändern sich die Erscheinungen. Könnte man diese Versuche in freier Snft im Großen wiederholen, so würde die leuchtende Masse offenbar große Aehnlichkeit mit dem Kugelblitz zeigen. Anwesenheit von Wasserdampf erleichterte bei Versuchen, die Plant« vornahm, die Entstehung der elektrischen Kugeln.

Es liegt mithin die Annahme nahe, daß der Kugelblitz eine langsame Entladung der Elektricität einer Gewitterwolke in verdünnter Luft fei, sobald die Elektricität ausnahmsweise mächtig und die Wolke oder die stark elektrisierte feuchte Luft­säule, welche die eine Elektrode des Versuchs vertritt, dem Erdboden sehr nahe ist. Diese Erklärung läßt freilich noch viele Fragen offen und genügt den Forschern nach demWarum?" dasWarum" durchaus nicht. Doch zeigt sie wenigsten» den Weg und die Möglichkeit, in Zukunft das Räthsel dieser wunder­baren Naturerscheinungen befriedigend zu lösen.

Redaeiion: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.