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fragte er, während seine Augen bei diesem Gedanken Heller aufleuchteten.
„Nein," erwiderte sie kopfschüttelnd.
„Hast Du das Armband selbst verloren?" forschte er weiter.
„Frage mich nicht, Gurt!" rief sie mit gefalteten Händen und überströmenden Augen.
„Ich will fragen — ich will Alles wissen!" versetzte der Graf zornig. „Wozu all' diese Thorheit! Man möchte mich wirklich für den eifersüchtigen Ehemann in einem Lustspiel halten, der hinter eine Jntrigue zu kommen sucht. Hast Du selbst das Armband verloren, Martha? — Du zwingst mich, heftig zu werden, jetzt antworte mir!"
„Ich habe Dir bereits gesagt, daß ich diese Frage nicht beantworten kann," entgegnete Martha.
Es lag eine solche Hoffnungslosigkeit auf ihrem schönen Gesicht, eine solche Verzweiflung klang aus ihrer Stimme, daß der Graf nicht wußte, was er sagen, was er davon denken sollte.
„Geliebte," bat er innig, „sei aufrichtig gegen mich. Selbst wenn Du unvorsichtig gewesen sein solltest, ich könnte Dir nicht böse sein. Ich kenne ja meine kleine, liebe Frau. Komm', mach' mich nicht unglücklich, sage mir, was Dir fehlt "
Der sanfte, zärtliche Ton rührte sie mehr als alle Heftigkeit und gleich einem Kinde, das sich in Schlaf weint, schmiegte sie ihren Kopf an seine Brust.
„Gurt," sprach sie weich; „ich kann es Dir nicht sagen. Ich wünschte, ich könnte hier in Deinen Armen sterben, «ährend Du mich so freundlich anlächelst. Sterben wäre leichter, als Deine Fragen beantworten."
Und ihre bleiche Stirn küssend, erwiderte er: „Da Du zugibst, daß hier ein Geheimniß obwaltet, und doch Dich weigerst, es mir zu gestehen, muß ich es selbst herauszufinden suchen."
Mit diesen Worten ließ er sie aus seinen Armen los und ging langsamen Schrittes au» dem Zimmer hinaus in'» Freie, um in der frischen Luft seine Aufregung ein wenig zu bekämpfen.
Wie Gurt, in tiefes Sinnen versunken, den breiten Kiesweg dahinschritt, kam ihm sein Waldhüter entgegen.
„Was wollt Ihr, Samter?" fragte er diesen, der mit entblößtem Kopfe vor ihm stehen blieb, in leichtgereiztem Ton.
„Ich komme mit einer unliebsamen Neuigkeit," war dessen Antwort. „Ich sagte dem Herrn Grafen neulich schon, daß sich zwei berüchtigte Wilddiebe hier herumtrieben, und ich bin überzeugt, daß sie jetzt wieder hier ihr Wesen treiben. Ich wollte es dem Herrn Grafen schon gestern Abend sagen, da sah ich Sie aber mit der Frau Gräfin gehen und wollte Sie nicht stören."
„Ihr saht mich?" fragte Gurt erstaunt. „Wo und wann?"
„Kurz nach zehn Uhr. Sie gingen ja mit der Frau Gräfin — ihr Gesicht konnte ich genau sehen."
Mit keinem Wort, keinem Blick verrieth der Graf seine Gattin.
„Ganz recht, ganz recht," erwiderte er hastig. „Nun, wie steht's mit den Wilddieben?"
Samter erging sich in eine lange und breite Auseinandersetzung, von welcher der Graf aber kein Wort hörte. Seine Frau war also im Park gewesen! — Und nicht allein — wer war mit ihr? Das also war es, weshalb sie vor Schreck ohnmächtig geworden war? Wäre es denn möglich, daß sich hinter diesem lieblichen, unschuldigen Gesicht Schuld und Sünde bargen?
Gurt mochte sinnen und nachdenken, so viel er wollte, — er fand keine Lösung — und dennoch, das Geheimniß mußte aufgeklärt werden!
Als er Marthas Zimmer wieder betrat, faß dieselbe noch genau so, wie er sie verlassen hatte, still und regungslos wie eine Statue.
„Ich muß es ertragen lernen," sagte sie sich, al« seine nahenden Schritte sie ausschreckten, wie er aber näher trat, sank ihr beim Anblick seines Gesichts aller Muth.
„Martha," sprach er mit vor Erregung heiserer Stimme, „ich weiß Alle«, Du kannst mir nichts mehr verbergen!"
„Du weißt Alles?" wiederholte sie tonlos, indem sie aufstand und mit gefalteten Händen vor ihn hintrat.
„Ja, ich weiß Alles!"
Da erinnerte sie sich wieder der Worte, die er ihr vor langer Zeit scherzend zur Antwort gegeben, als sie ihn gefragt hatte, was er thun würde, wenn feine Frau ihn betrogen hätte.
„Du weißt Alles," sagte sie noch einmal und sah ihn fest dabei an; „meintest Du auch, was Du sagtest? — Muß ich gehen?"
Er verstand nicht, worauf sie anspielte.
„Meintest Du auch, was Du sagtest?" fragte sie noch einmal leise.
„Ich meine stets das, was ich sage," versetzte er, „und, Martha, nun es dahin gekommen —"
In dem Augenblick klopfte Nanette an die Thür und meldete den Herrn Minister von N.
Dieser Gast war eine zu wichtige Persönlichkeit, um ihn warten zu lassen, und mit eiligsten Schritten ging Gurt, ihn zu begrüßen.
Der Graf bemühte sich redlich, dem Gespräch des hohen Herrn mit Interesse zu folgen, aber nur einzelne Worte davon drangen an sein Ohr. Nicht des Ministers, sondern Marthas Stimme hörte er, Martha« Stimme, die wieder und wieder fragte: „Muß ich denn gehen?" Was meinte sie nur damit? Wohin denn gehen? Und wozu? Das konnte nur ein thörichtes Mißverständniß sein, das sich aufklären mußte, sobald der hohe Gast sich entfernt halte.
Doch so bald sollte er von diesem nicht freikommen.
„Wenn Sie nicht anderwärts in Anspruch genommen fein sollten, Herr Graf," sagte der Minister, „wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mit mir nach Erlenbach fahren wollten, da ließe sich die fragliche Angelegenheit gleich ohne weiteren Aufschub erledigen."
Was blieb Graf Gurt, da er keine Entschuldigung hatte, anderes übrig, als der Aufforderung zu folgen?
Von ihrem Fenster aus beobachtete die unglückliche junge Fran, wie ihr Gatte davonfuhr; wie lechzte ihr Herz nach einem Blick aus feinen Augen, nach einem Wort von feinen Lippen, — sie beobachtete ihn mit fo bitterem, leidenschaftlichem Kummer, daß sie gern gestorben wäre. Glaubte sie doch nicht, daß sie ihn in dieser Welt je wiedersehen würde-
In dieser einen Stunde entschloß sie sich zu einem Schritt, den sie später auf das Bitterste bereute. Nun er Alles wußte und er ernstlich meinte, was er einst gesagt hatte, beschloß sie, nicht erst zu warten, bi» er sie von sich schicken würde, sondern gleich zu gehen.
Wie sie da am Fenster stand, den heiter lächelnden Himmel, die duftenden Blumen und die in der Sonne erglänzenden Büsche und Bäume betrachtend, da zogen viele Bilder an ihrem inneren Auge vorüber. Wie würde die stolze Gräfin, welche nicht» so hoch stellte wie edles Blut, die Kunde aufnehmen, daß die Gattin ihres Sohnes die Tochter Werner Horsts sei? Sie stellte sich das in ihrem Stolze tiefgekränkte Antlitz der Gräfin vor; sie hörte schon im Geiste die wenigen verächtlichen Worte, mit welchen sie den Jrrthum ihres Sohnes beklagen würde, — o nein, besser gleich gehen, da sie doch einmal gehen müßte, als das ertragen!
Sie malte sich das Erstaunen Melanie» aus — Melanies, auf der kein Makel von Sünden Anderer ruhte. Besser für Gurt, er hätte seine Liebe mit Füßen getreten und Melanie von Selten geheirathet. —
Das Schwerste, das Bitterste aber von Allem, das waren die letzten Worte ihres Gatten; die kalten, grausamen Worte, mit dem er seinen Jrrthum wieder gut machen würde, — wie konnte sie das ertragen und weiterleben? O nein, sie konnte nicht warten, bis die Sonne ihrer Liebe untergegangen war: besser, sich mit einem Male losreißen, als stückweise. — Sie wollte fort, wollte Alles verlassen, was ihr lieb und theuer war, und dahin gehen, wo Niemand, der sie je gekannt, sie wiederfinden würde!


