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Durchmustern wir an der Hand des Anzeigezettels das weitere Repertotr des Herrn Reiners. Hier muffen, abgesehen von der Bühnenwiedergabe, über die unser Urtheil noch aussteht, unbedingt künstlerischer Geschmack und verständ- nißvolles Eingehen auf die Interessen des Publikums gewaltet haben- Da ist vor Allem Paul Lindaus SchauspielDie Sonne", eine trotz aller Anfeindungen der Kritik tief be­gründete, herzerquickende Schöpfung. Eine sonnenhelle Oase inmitten der grauen Nebelwüste, die von Norden her unsere vaterländische Literatur zu ersticken droht nein, nein, das wäre zu sehr im Sinne der seligen Frau Marlitt gesagt; immerhin ein beveutsames Schauspiel. Es finden sich noch Dumas nervenerschütternderFall Clernenceau",Der Unterstaatssecretär" des feinsinnigen Adolf Wil- brandt, Voßens ergreifendes SeelengemäldeSchuldig", Der Steh auf", die allerneueste Schöpfung des unvergäng­lichen Papa Kneifel, des großen Henriks spitzfindiges und kraftvolles ProblemDer Volksfeind", der ebenso graciöse ttts leichtfertige Pariser SchwankDie Rosa-Dominos", das von dem früheren Feuilleton-Redacteur derFrankfurter Zeitung" mit glücklichem Talent geschaffene LustspielEine Palastrevolution" rc. rc. Auch soll das moderne ein- actige Schauspiel eines Gießener Autors, der ungenannt bleiben will, zum ersten Male das Licht der Rampe erblicken. Bei­nahe hätten wirCavalleria rusticana (Schauspiel) übersehen- Als Schauspiel hat das italienische Meisterwerk eine gleich packende Wirkung und wird ohne den farci- nirenden, betäubenden Reiz der Mascagni'schen Musik dem Empfinden näher gerückt und menschlich-erklärlicher.

Das Personal-Verzeichniß zeigt lauter neue Namen. Herr Reiners hätte so hoffen wir wenigstens alle An­feindungen und Mißhelligkeiten, die ihm seither geworden sind, nicht treffender und schneidiger beantworten resp. aus der Welt schaffen können, als durch das Engagement einer neuen, that- kräftigen Künstlertruppe. Hoffentlich finden feine Darmstädter Erfolge in Gießen ein Echo. Ein Theaterdirector soll, wenn irgend möglich, der Zeitungsfehde aus dem Wege gehen. Die Bühne, die Bühne und immer wieder die Bühne muß fein Rhodus fein und bleiben. Schon das in Aussicht gestellte Gastspiel einer Nuscha Butze muß jedem Theaterkundigen zeigen, daß Herr Reiners ernstlich Willens ist, fein Institut auf das Niveau zu heben, das einem Provinztheater überhaupt erreichbar ist. Allerdings sollte das Publikum auch feine Rolle gut zu spielen bemüht sein. Gerade dem Publikum der Provinzstadt sind von Alters her die sonderbarsten und un- definirbarsten Vorurtheile eingeimpft. Der eigenen, vater­städtischen Bühne steht der Provinzler ganz subjectiv gegenüber. Na, man kann sich den Rummel 'mal ansehen, allerdings, wenn ich nach Frankfurt komme oder wie ich in Berlin war gar kein Vergleich I" Er bedenkt dabei nicht, wie diese schein­bar zur Schau getragene Theatererfahrung in Wirklichkeit zer­bröckelt vor einem eingefleischten Vorurtheil, welches die eigene Urtheilslofigkeit documentirt und eine ebenso unberechtigte als unentschuldbare Grausamkeit gegen die einheimischen Künst­ler heraufbeschwört. Sind aus den Reihen der Provinz-Schau­spieler nicht die hervorragendsten Bühnengrößen hervorgegangen? Niemand wird als Sonnenthal geboren. Kann ein einfaches Converfationsstück den hohen Kothurn meidet Reiners und mit Recht auf einer kleinen Bühne nicht ebenso anschaulich und zu Herzen sprechend verlebendigt werden, als in dem prunkvollen Theatersaal der Großstadt? Vielleicht ist die Wirkung auf ersterer noch intimer.

Wir hätten noch viel auf dem Herzen; doch die Zeit drängt. Unsere Station ist gleich erreicht. Zum Schluß: Herr Reiners hat allerdings soll er auch nicht alsdies Kind, kein Engel ist so rein" gelten mit dem Gießener Publikum üble Erfahrungen gemacht. Trotz alledem eröffnet er wieder die Saison. Dieser Muth allein ist schon anerkennens- werth. Wie sagt doch Ludwig Börne in seinen dramaturgi- chen Blättern?Ich wollte, daß ich auch sagen könnte: wer

mag vor solchen Menschen spielen? Dar Drama sei, wie es wolle, der Zuschauer sei, wie er wolle, gut spielen ist immer möglich und wird immer empfunden und mit Dank ausgenommen." Mit Dank?! So sagt Ludwig Börne; Herr Reiners kann.jetzt praktisch erproben, ob der unsterbliche Kritiker Recht hat! J. Br.

GsinernnÄtziges.

Eine empfehlenswerthe Zimmerpflanze. Die vor mehreren Jahren aus Afrika importirte und von Hooker ienannte Impatiens Sultani blüht fast ununterbrochen den gröberen Theil des Jahres und gewährt diese sich schön bauende, mit hellrosa Blüthen bedeckte Pflanze einen ungemein lieblichen Anblick. Sie ist sehr raschwüchsig und bewurzeln sich Steck­linge bei etwas Bodenwärme in ganz kurzer Zeit, nur darf man sie nicht zu feucht halten, da sie überhaupt leicht zur Fäulniß neigen, eine etwas trockene Luft sagt ihnen mehr zu, als eine feuchte Atmosphäre. Die bewurzelten Pflanzen setze man in eine Mischung von einem Theil Rasen-, zwei Theilen Laub- und Haide-Erde, sowie ili Theil Sand. Um sie schnell zu kräftigen Exemplaren heranzuziehen, ist es von Nutzen, der Mischung etwa» Hornspäne oder getrockneten, zerkleinerten Kuh­mist zuzusetzen. Bringt man Pflanzen, welche bis dahin in einem temperirten Hause gestanden haben, in die Wohnräume, so kommt es vor, daß die Pflanzen in der ersten Zeit einen Theil ihrer Blätter abwerfen. Sie beginnen jedoch gleichzeitig neue Blätter zu produciren und in kurzer Zeit werden sie wieder voll belaubt sein. Gegen directe Sonnenstrahlen sind sie zu schützen, ein halbschattiger Standort sagt ihnen am meisten zu. Auch zu Gruppenpflanzungen im Garten eignen sie sich und gewähren, von einem Kranze Lobelien eingefaßt, einen reizenden Anblick.

Eine genaue Abbildung einer Pflanze zu er­halten. Man reibt ein Blatt Papier mit gepulvertem Drachenblute (in jeder Apotheke zu erhalten). Auf dieser Papier legt man den Theil der Pflanze, von welchem man einen guten Abdruck haben will, drückt ihn darauf oder reibt so, daß sich das Pulver daran ansetzt. Dann legt man dar Papierblatt auf ein anderes angefeuchtetes und wird so einen Abdruck erhalten, der einer lithographischen Abbildung ähnlich ist. Stark geäderte Pflanzenblätter auf der Rückseite mit Oel- färbe bestrichen, auf Papier gelegt, mit einem Papierblättchen überdeckt und abgerieben, bewirkt das Verfahren auf noch kürzerem Wege.

Vermischtes.

Anzüglich. Commerzienrath (neu geadelt, der einen Fremden in seinem Schlöffe herumführt):Diese alte Rüstung stammt von einem meiner Vorfahren!" Graf:So! Haben die denn mit altem Eisen gehandelt?"

O, diese Fremdwörter! Aeltere junge Dame (er­zählend) :Wenn meine Verwandten in Indien spazieren gehen, fliegen die Eskimos in Schaaren in der Luft umher!"

Ein unruhiger Gast. Rentier Meier (am Stamm­tische):Jetzt seh' mir einer den Apotheker an! Acht Jahre hindurch hat er seinen Sitz dort in der Ecke gehabt, sechs Jahre hat er dann unter'm Spiegel geseffen, jetzt hat er sich wieder den Platz beim Fenster genommen der Mensch muß rem Quecksilber im Leibe haben!"

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Im Boudoir.Nun, Anna, hast Du die Rose für mein Haar schon gefunden?"Ja, Frau Baronin! Jetzt hab' ich wieder das Haar verlegt!"

der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gietzcn.

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag

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