Ausgabe 
23.9.1893
 
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Hatte sie ihn wirklich bitten wollen, sein Leben in Acht zu nehmen trotz der Gefahr, die das dem Kinde bringen mußte? Er konnte es kaum glauben, aber er drückte doch ihre Hand sehr herzlich.Seid guten Muths, Mutter, Gottes Hilfe wird mir beistehsn."

Bange vergingen die ersten Stunden der Nacht, bange für Erich, dessen scharfe Augen die schwere Luft durchspähen mußten, um den richtigen Weg inne zu halten, bange für den Pastor, der auf eigene Verantwortung handeln mußte, wenn nicht Alles verloren sein sollte, und wie bange für die Großmutter, deren Herz vor Weh brechen wollte für den En?el und das kaum weniger bangte für den Sohn I Dann stellte sich bei dem Knaben das Erbrechen ein, welches der Pastor durch jedes Mittel ver­sucht hatte zu erreichen. Es kam heftiger, anhaltender, als er es erwartet hatte, und ihm folgte eine tiefe und todesähnliche Erschöpfung, noch beunruhigender, als jene im Anfang gewesen war. Aber der Puls, so schwach er war, stockte nicht, gleich­mäßig matt schlug er gegen die ihn umschließende Hand des Pastors, der neben der Großmutter die ganze Nacht am Krankenbett des Kindes wachte. Und dann kam das Morgen- licht herauf und die verschleierten Strahlen der Sonne erleuch­teten die Welt, in der das frische Leben begann, als das Rollen eines Wagens sich auf der Dorfstraße hören ließ. Schneller als sie es für möglich gehalten hatten, kam der von Erich her- beigeholte Arzt. Als er an das Bett des Knaben trat, öffnete dieser zum ersten Male seine Augen, ein leichtes Lächeln zog über das blaffe Gesicht, dann streckte er die Hand aus, aber nicht ihm entgegen, nein, an ihm vorbei dem Manne zu, der neben ihm stand, und der sich herabbeugte und seine Stirn zärt­lich küßte.

Ich mache Ihnen mein Compliment, Herr Pastor," sagte der Arzt, nachdem er den Sachverhalt eingehend erforscht hatte, Sie haben so gut gehandelt, wie ich'» nur hätte thun können ohne die Hilfe von Medicamenten. Aber sagen Sie, war es Jnstinct, der Sie trieb, oder wußten Sie, daß es sich um eine Vergiftung, ja, Vergiftung handelte?"

Er blickte scharf forschend in der Runde herum, als er langsam die gewichtigen Worte sprach. Erich hatte die Augen gesenkt, die Mutter war todtenblaß und schlug die Hände zu­sammen, der Pastor sah sehr ernst aus und die Kathrine stieß einen unterdrückten Schrei aus.

Vergiftung," wiederholte er noch einmal entschieden; Gott sei Dank, der Versuch ist mißglückt und mein kleiner Patient wird sich erholen, wenn wir freilich auch Geduld haben müffen, bis alle Wirkungen aus dem Körper entfernt fein werden. Wie und auf welche Weife ihm das Gift beigebracht worden ist, welcher Art es war, ob durch Unvorsichtigkeit oder ob durch vorberechnete Bosheit der Tod des Knaben herbei­geführt werden sollte, das wird die Untersuchung ergeben. Ich habe die Pflicht, diesen Fall der Polizeibehörde mitzutheilen und ich werde es sofort nach meiner Heimkehr in Altktrch thun."

Ties erschüttert hörten sie Alle, die EringS Krankenbett umstanden, die Auslastung des Arztes, aber Niemand erhob eine Einwendung dagegen, denn er sprach nur aus, was sie selbst in banger Ahnung gefürchtet hatten und was die Nach­richten, welche in den nächsten Tagen das ganze Dorf erregten, bestätigten. Aber wo war Der, welcher unter dem furchtbaren Verdacht des Mordversuchs gegen das Leben des eigenen Kindes stand?

Malte war an jenem Abend zu später Stunde heimgekehrt, und während der Knecht ihm die Pferde abgenommen und in den Stall geführt hatte, öffnete ihm Mine die Hausthür, in­dem sie ihm auf feine ungeduldige Frage nach der Kathrine mitthellte, daß sie am Nachmittag nach Crumbach gegangen und noch nicht zurückgekehrt sei. Da er nicht nach Ering ge­fragt hatte, so hatte sie auch nichts von ihm gesagt, sondern war in ihre Schlafkammer gegangen. Von dort hatte sie denn gehört, wie er in die Wohnstube gegangen war und nach ge­raumer Zeit die Thür zu dem Zimmer öffnete, in dem er Ering verlasten hatte, als er am Nachmittag fortfuhr. Da er ihn dort nicht fand, war er nach oben gegangen, dann lang­samen Schrittes herabgestiegen und in die Küche getreten, wo­

hin er sie gerufen hatte. Ganz bestürzt und ängstlich HM er ausgesehen, als er sie fragte:Wo ist Ering?" Da sagte sie ihm denn, daß Erich Hagen gegen Abend dort gewesen war und daß er den Knaben mit nach Crumbach genommen hatte. Maltes Kniee hatten ordentlich unter ihm gezittert, als er das erfuhr, und die Stimme hatte hohl und wunderlich geklungen, als er sagte:Es ist gut und Du kannst nun schlafen gehen." Jetzt war ihr das klar geworden, aber in der Nacht damals hatte sie nicht recht acht darauf gegeben, denn sie war müde und sehnte sich nach ihrem Bett. Sie schlief auch sogleich ein und erwachte am nächsten Morgen erst, als die Leute zum Frühstück kamen. Da wunderten sich Alle, daß der Herr nicht kam, aber als sie in sein Zimmer ging, sah sie, daß er nicht da war und in seinem Bett hatte auch Niemand geschlafen. Sonst war Alles in Ordnung gewesen und als sie bemerkten, daß die Hausthür aufgeschloffen war, glaubten sie, er sei schon früh Morgens nach Crumbach gegangen, um nach seinem Kinde zu sehen. So hatten sie denn den ganzen Tag auf seine Rück­kehr gewartet, aber vergebens, und in der Nacht waren dann die Polizeibeamten aus Altkirch angelangt, um ihn zu suchen. Da war es denn klar geworden, daß er fort war auf Nimmer- wiederkehr. Einer der Männer war im Hause geblieben, um zu untersuchen und in Verwahrung zu nehmen, was ihm nöthig schien, die Andern waren zurückgegangen, um zu melden, was sie gefunden hatten, damit man weitere Schritte zur Verfolgung des Verbrechers thue.

Ein paar Tage waren vergangen. Ering hatte sich wunder­bar erholt, wenn er auch freilich noch recht blaß aussah und tiefe Schatten unter den Augen hatte- Er durfte zum ersten Mal im Freien sein und saß auf der Bank vor der Thür, zu müde zum Laufen und Spielen, aber sich des warmen Sonnen­scheins erfreuend, als er den Postboten auf das Haus zuschreiten sah. Es war ein seltenes Ereigniß, daß ein Brief für die Großmutter einlief, und er erbot sich, ihn hineinzutragen. Neben ihr stehend, beobachtete er sie, während sie die wenigen Zeilen las. Er bemerkte, wie ihre Hände bebten, als sie ihn dann zusammenlegte und in die Tasche schob. War es das, was ihn zu der ängstlichen Frage veranlaßte:Großmutter, ist er bringt er Nachricht von meinem Vater?"

Er hatte seinen Namen noch nicht erwähnt und die Groß­mutter, die nicht wußte, wie viel er von den Vorkommnissen der letzten Zeit bemerkte oder verstanden hatte, hatte ebenfalls nicht von ihm gesprochen. Jetzt sah sie, wie Ering» Augen in bangender Erwartung auf ihrem Gesicht ruhten und sie wandte sich zu ihm:Dein Vater ist fort, Ering, er kommt nie wieder."

Er stieß einen Seufzer aus.Das ist gut, Großmutter. Ich habe den lieben Gott darum gebeten, denn e» wäre doch zu, zu schrecklich, wenn "

Er verbarg sein Gesicht gegen ihr Kleid und sie strich sanft mit der Hand über den dunklen Kopf.Mein armes Kind, Du hast nun Niemand auf der Erde, al» Deine alte Großmutter," meinte sie klagend, aber er unterbrach sie:Und Onkel Erich," sagte er, indem er die Augen hell zu ihr auf­schlug.

Großmutter, nun kommst Du wieder nach Grashagen, upd Onkel Erich wohnt bei uns, denn, siehst Du, wir können doch nicht allein in dem großen Hause leben und für die ganze Wirthschaft sorgen." Und als sie nicht sofort antwortete, schlang er die Arme um sie:Nicht wahr, Großmutter, so muß es sein."

Sie nickte wohl, aber zweifelnd und mit bekümmerter Miene, so daß er wieder hinaurging dahin, wohin der Sonnen­schein ihn lockte. Da saß er und blickte gespannt von seiner Bank auf die Straße, die nach dem Meere führte, bis die Sonne sich zu neigen begann und der Abend kühler wurde. Da rief ihn die Großmutter herein, sehr gegen seinen Willen, denn er wollte so gern auf den Onkel warten- Er mußte ihm sein Anliegen noch heute vortragen, weil der Großmutter Art und Weise ihm nicht vertrauenerweckend gewesen war, und er wußte schon, drinnen im Zimmer würde er bald so müde wer­den, daß und da fingen auch seine Augen schon an, schwer