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Samstag, den 23. Septeurber.
Das Erbe.
Pleisgekrönte Erzählung von R. Blankenburg.
(Fortsetzung.)
XII.
Pastor Helfer hatte seine Anweisungen gegeben. Kathrine hatte den großen Waschzuber von der Nachbarin geborgt, ein mächtiges Feuer in der Küche angefacht für den Fall, daß ein Bad nothwendig sein sollte, und war dann daran gegangen, für das Wasser zu sorgen. Die bedingten vielen Gänge zum Brunnen und daß sie von ihnen nicht jedesmal so schnell zurückkehrte, wie man bei der geringen Entfernung hätte erwarten sollen, hatten die guten Freunde und getreuen Nachbarn zu verantworten, die sich, man wußte nicht wie, dort zusammengefunden hatten und erstaunte Zuhörer der seltsamen Dinge abgaben, welche sie zu berichten hatte.
„Ich hab's gleich gesagt," meinte die Bäckerfrau, „als die Mutter am ersten Tage bei Erich Hagen war, daß mußte einen Haken mit Malte haben." Daran zweifelte nun wohl Niemand, aber sie sprach in einem Tone, als ob nur die höchste Entfaltung der Weisheit ihr dies offenbart haben könne und so hörten die Andern andachtsvoll zu.
„Es wäre ihm wohl sehr recht gewesen, wenn er's zum Herrn von Grashagen gebracht hätte," sagte der Wirth des Dorfkruges hinzutretend.
„Na, das ist doch zu sehen, wenn Ering krank ist und er gönnt ihm keinen Doctor, einem Kinde, das nicht einmal eine Mutter hat."
„Ja, das ist's eben," war die Antwort der Kathrine und sie nickte bedeutsam.
„Ach, Du meinst wegen der Marie. Ich will nichts ge> sagt haben, aber es ist wahr, sie hält sich vornehmer, als ihr zukommt."
„Ja, es geschehen sonderbare Dinge, das hab' ich immer gesagt," meinte ein alter Mann, der auf seinen Stock gelehnt «eben den Andern stand. „Man hat doch Mancherlei erlebt und gehört."
Eine Pause entstand, daun begann die Bäckerfrau von Neuem: „Und daß sie Erich zu sich genommen hat, die Mutter, mein' ich; es mag ihr wohl komisch vorkommen nach dem großen Hof, und sie hat doch sehr herunter gemußt von ihrem hohen Sitze. Es ist ganz gut, wenn's auch einmal die Reichen trifft- Aber sie hat's an ihm nicht verdient."
„Ich bin doch neugierig, ob nun Alles an's Licht kommen wird, wie stch's damals verhalten hat, was meinst Du,
Kathrine?" Aber Kathrine meinte gar nichts, denn sie nahm schnell und eilfertig ihren Eimer auf und ging in'S Haus hinüber, während die Andern ihre Blicke nach der Landstraße wendeten, die man von hier aus bis zu einer Krümmung verfolgen konnte. Wie gebannt hafteten die Augen Aller auf dieser Stelle, obgleich sie in der sinkenden Dämmerung nur schwach erkennbar war; hatte man dort sich etwas bewegen sehen? Eine Zeit lang blieben Vie Meinungen getheilt und dann sah man, wie eine Gestalt aus dem Dunkel hervortrat. Mit athemlofer Spannung erwartete man ihr Näherkommen, jetzt war sie dem Hause nicht mehr fern. Da öffnete sich seine Thür, angstvoll klang es dem Kommenden entgegen: „Erich, Erich," und die klare Stimme des Mannes antwortete: „Ich bringe ihn, Mutter, er ist hier."
„Sie kann Gott danken, daß sie ihren Sohn hat," sagte die Bäckerfrau und wischte sich die Augen, und die Andern stimmten bei. Dann verließen sie den Beobachtungsposten, befriedigt von dem, was sie in Erfahrung gebracht hatten, und gingen nach Hause.
Man hatte Ering auf das Bett im Wohnzimmer gelegt. Die Lampe, welche auf dem Tisch in der Mitte brannte, zeigte die matten, bleichen Züge des sonst so rosigen Kindergesichts und die dunklen Schatten unter den geschlossenen Augen. Der Pastor beugte sich über ihn, schob leise die Lider von den Augensternen zurück und blickte forschend hinein; dann faßte er die kühle, bewegungslose Hand. Sein Gesicht war sehr ernst, als er sich zu Erich wandte: „Wir müssen einen Arzt haben, so schnell wie möglich; können Sie sofort einen Boten schicken?"
Erich überlegte einen Augenblick. „Der schnellste Weg ist zur See und wie der Wind jetzt steht, kann ich in zwei Stun- den in Altkirch sein; aber ich glaube, es wird Nebel geben, und dann müssen wir auf dem Landweg zurück, es mag immerhin Morgen werden, bis ich ihn bringe, und —" er sprach nicht weiter, aber seine traurigen Augen ruhten auf dem tobten« bleichen Kinde.
Der Pastor verstand, was er sich nicht zu sagen getraute. „Ich werde versuchen, was mir das Beste erscheint," sagte er, „und will's Gott, so wird er mir gelingen lassen, das Leben zu erhalten, bis die ersehnte Hilfe kommt."
Mit namenloser Angst hatte die Mutter dem Gespräch der beiden Männer gelauscht, als sich Erich jetzt vom Lager entfernte, folgte ihm ein Blick tiefer Dankbarkeit und herz- erschüttei nder Bejorgniß, und ehe er das Zimmer verließ, stand sie neben ihm. „Erich, wenn es Gefahr hat, — Du bist zwei Nächte nicht zu Bett gewesen — Du mußt so erschöpft sein, und —" sie brach ab und legte die Hand über die Augen.


