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der kein Wort darauf erwiderte und nur die Achseln zuckte, die Hand zum Abschied.
„Ich fahre Sie selber zurück nach der Stadt, Herr Doctor!" sagte Marbach. „Werde dem Gerichte gleich die nöthige Anzeige machen."
„Ja, das ist allerdings nothwendig, — wo wollen Sie Ihren Freund begraben lasten?"
„Er soll hier auf meinem Grund und Boden schlafen, — will den armen Kerl wenigstens in meiner Nähe behalten. — Ob Fräulein Holten wohl dem Vater der Kleinen die nöthige Mittheilung zukommen lasten kann?" setzte er etwas zögernd hinzu.
„Ja, hab' mit ihr darüber schon gesprochen," erwiderte der Arzt achselzuckend, „ist eine vertrackte Geschichte, da der Herr Steindorf seine Adresse nicht hinterlasten hat. Er wollte ja nach der Residenz, wie Fräulein Holten glaubt, aber ihn dort aufzufinden, wird nicht gut möglich sein."
„Es müßte dann vielleicht die dortige Polizei benachrichtigt oder ein darauf bezüglicher Aufruf an verschiedene große Zeitungen gesandt werden."
„Das läßt sich hören, Herr Marbach I" rief der Doctor. „Wollen, wenn's Ihnen recht ist, in Ebenheim vorfahren und Fräulein Holten diesen Vorschlag machen. Eine recht fatale Geschichte für die Arme, welche ganz und gar aus ihrem gewohnten Geleise dadurch gekommen ist."
Der Wagen war mittlerweile vorgefahren und die beiden Herren fuhren davon.
Armgard Holten war mit Allem einverstanden. Sie dankte dem jungen Nachbar und bat ihn, das Weitere zu veranlasten, auch das Nöthige für das Begräbniß der Kleinen zu besorgen.
Das sonst so ernste, in allen Dingen ruhige Mädchen, welches selbst bei Tante Hannas Schicksal ihre Fassung bewahrt hatte, konnte jenen traurigen Auftrag kaum hervorbringen und kämpfte sichtlich mit ihren Thränen.
Marbach schwang sich plötzlich auf den Wagen und fuhr so jäh und rasch davon, daß der alte Arzt, welcher sich noch nicht niedergelassen, mit einem leisen Fluch zurücksank und sich erschreckt festhielt.
„Was haben Sie denn nur so plötzlich, Herr Marbach?" schrie er unwillig. „Wollen die Pferde durchgehen?"
„Es schien eben, als ob sie Lust dazu hätten," erwiderte der junge Mann, sich verlegen umwendend. „Entschuldigen Sie, Herr Doctor, thut mir aufrichtig leid, daß Sie davon alterirt worden sind."
„Ei was, ich hätte nur einfach hinabstürzen und den Hals brechen können," brummte der Alte, sich den Hut gerade rückend. „Mich dauert die kleine Holten, fürchte wirklich, daß sie ernstlich krank davon wird. Was der vertrackte Steindorf hier in der Heimath zu suchen hat? — Hätte drüben bleiben können, dann wäre das Alles nicht passirt."
Marbach sah ihn überrascht an und blickte dann nachdenklich in die Ferne.
„Merkwürdig," sagte er endlich, „daß Fräulein Holten sich viel mehr aus dem allerdings sehr traurigen Ende des fremden Kindes zu machen scheint, als aus dem schrecklichen Schicksal der ihr doch so sehr befreundeten Tante Hanna."
„Na, das ist immerhin aus verschiedenen Gründen erklärlich, junger Herri" versetzte der Doctor, ihn forschend anblickend. „Zuerst ist Tante Hanna sehr alt und dieses Kind natürlich sehr jung, zwei krasse Gegensätze, welche zu Gunsten der Kleinen bedeutend in die Waage fallen. Sodann, und das denke ich mir als die Hauptursache, war das Kind ihrem Schutze anvertraut, während Tante Hanna selbstständig zurück in ihr Verderben rannte. Eine solche Schutzbefohlene ist immerhin eine Gewissenssache und tritt zum Uebersluß noch der Umstand hinzu, daß es just das einzige Kind einer alten, vielleicht noch immer nicht ganz eingerosteten Liebe ist."
Bei diesen Worten des alten Arztes gab Marbach den Pferden einen so heftigen Schlag, daß sie sich bäumten und dann im Galopp fortstürmten. Er vermochte die feurigen Thiere kaum zu bändigen und mußte seine ganze Kraft auf- bieten, um die Herrschaft wieder zu erlangen.
Der Doctor saß ganz ruhig. Er lächelte still vor sich hin und rauchte unbekümmert seine Cigarre-
Als die Pferde wieder ruhig forttrabten, sagte er: „Das scheinen empfindliche Schwerenöther zu sein, müssen die Peitsche bei ihnen schonen, wie mich dünkt."
„Ja, sie wissen genau, wenn sie ungerecht bestraft werden," bekannte Marbach lächelnd, „und das war in der That vorhin der Fall."
Wieder lächelte der Doctor eigenthümlich vor sich hin, er wußte ja, weshalb es geschehen.
In der Stadt wurden die beiden Herren von neugierigen Bekannten umringt, da das blutige Ereigniß in dem bekannten Hohlweg bereits die Runde machte und allgemeines Entsetzen erregte. Das Gerücht, daß ein unheimlicher Mordgeselle die Umgegend unsicher mache, war gewiß darnach angethan, alle Gemüther mit Angst und Schrecken zu erfüllen, zumal dasselbe jetzt durch einen Augenzeugen, welcher nur durch ein Wunder demselben Schicksal entgangen war, vollauf bestätigt wurde-
Der Maler Reinhardt, welcher sich sogleich seines jungen Freundes bemächtigt hatte, war ganz außer sich über den Tod des armen Warneck.
„Sollte der Schuft, welcher ihm das Seine ausgeführt hat, ihm nun auch das Leben genommen haben?" fragte er CttCßt«
„Wer weiß," meinte Marbach, „doch bitte ich Sie, lieber Reinhardt, sich nicht weiter über diese Vermuthung äußern zu wollen, da dergleichen, um den Schuldigen sicher zu machen, nicht in aller Leute Mund sein muß. Ich gehe jetzt zum Gericht, um die Anzeige zu machen. Erwarten Sie mich, bitte, in Ihrer Wohnung, da ich so mancherlei mit Ihnen zu überlegen habe."
Der Maler versprach es und Marbach ging erst geradewegs zn dem ihm bekannten Polizei-Commissar Frenzel.
„Ich stand auf dem Sprunge, nach Rotenhof hinauszufahren, mein lieber Herr Marbach!" rief der Beamte ihm erfreut entgegen. „Hat das Gerücht von neuen Verbrechen gelogen?"
„Leider nein, Herr Commissar!" versetzte Marbach düster. „Die Geschichte ist schrecklich genug."
Er erzählte mit kurzen Worten, was sich in jenem Hohlwege zugetragen.
„Und das Kind ist ebenfalls tobt?"
„Mausetodt."
„Sagten Sie nicht, daß auch Ihnen eine Kugel zugedacht gewesen sei?"
„Es schien so, da dieselbe mir dicht am Kopf vorbeipfiff. Nur der Umstand, daß ich im langsamen Fortschreiten begriffen war, rettete, wie ich glaube, mein Leben."
„Weil der Schütze kein sicheres Ziel hatte, wie bei Ihrem Freunde," bemerkte der Beamte, „das ist erklärlich. Nehmen wir nun an, daß Herr Warneck jenem Schützen ein Hinderniß war, welches er um jeden Preis aus dem Wege räumen mußte, weshalb aber schoß er auf Sie und, was noch unerklärlicher, auf das Kind?"
„Letzteres hat er zufällig getroffen, wie auch der Kutscher behauptet," sagte Marbach, „die Kleine wollte also im Wagen bleiben, wo sie zwischen dem weichen Polster beinahe verschwand und wahrlich für ein Hündchen gehalten werden konnte zumal aus der Ferne, wie es mich sogar in der Nähe schon täuschte. Warneck stand am Wagenschlage mit dem Kinde plaudernd. Da hat es sich im selben Augenblick, als die Schüsse fielen, erhoben, wie der Kutscher mir vorhin in Ebenheim selbst erzählte und ist auch sofort getroffen worden, weil der Mörder mehrere Male hintereinander schoß- Was nun mich selber anbetrifft, Herr Commissar," setzte er kopfschüttelnd hinzu, „so mag er vielleicht in mir den Freund seiner Verfolgers gehaßt haben, wer kann's wissen!"
„Allerdings, auch mag ihn eine plötzliche Mordlust gepackt haben."
(Fortsetzung folgt-)


