Ausgabe 
23.3.1893
 
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und die malerischste Partie dieser an Naturschönheit reichen Gegend bildeten. Ungefähr in der Hälfte machte der Weg eine Krümmung, um rechts einer kleinen Waldpartie mit einem Bächlein Raum zu geben. Um diese Krümmung bogen plötzlich zwei Spaziergänger, welche stehen blieben, um den Wagen vor» über zu lassen.

Ah, Sie sind's, meine Herren!" rief Armgard, sofort halten lassend.

Die Hüte ziehend, näherten sich Marbach und Warneck.

Wir haben uns die Berge angesehen, meine Gnädigste," sagte Marbach,da mein Freund morgen eine Reise unter« nimmt. Der Tag ist zu herrlich!"

Ja, es ist hier draußen prachtvoll," erwiderte Armgard, wollen wir ein wenig aussteigen, Lotta?"

Ich möchte lieber hier im Wagen bleiben,-Tante!"

Marbach machte ein höchst überraschtes Gesicht, als er die Kleine erkannte und in seinen hübschen, offenen Zügen malte sich etwas wie Unmuth. Doch bezwang er sich sofort und öffnete den Schlag, um Armgard die Hand zum Aussteigen zu bieten. , c

Sie gingen langsam den kleinen Bach entlang, während Warneck am Wagen stand und mit Lotta von Amerika plau» beite. Die Kleine lag dabei wie eine Lady tief im Wagen zurückgelehnt.

In diesem Augenblick fielen mehrere Schüsse dicht hinter­einander. Man hörte einen gellenden Aufschrei, die Pferde bäumten sich und stürmten dann wie rasend vorwärts.

An Marbachs Kopf war eine Kugel vorbeigesaust, ohne ihn zu streifen, während Warneck seitwärts zu Boden gesunken war, also getroffen zu sein schien. Das Furchtbare hatte sich blitzschnell, sozusagen im Handumdrehen ereignet.

Außer sich vor Entsetzen stürzten Armgard und Marbach zu dem regungslos am Boden liegenden Warneck, um ihn auf­zurichten. Doch schien hier alle Hilfe vergeblich zu sein, da die weitgeöffneten Augen bereits den Ausdruck des Todes trugen, die Kugel, welche offenbar von Mörderhand auf ihn abgesandt worden war, ihr sicheres Ziel also nicht verfehlt hatte.

O, das ist gräßlich!" stöhnte Marbach.Keine Hilfe möglich, da auch die Pferde Gott weiß wohin gestürmt sind."

Und das Kind im Wagen!" fchrie Armgard wankend auf.Mein armer, alter Conrad, ich werde die Unglücklichen suchen."

Plötzlich horchte sie auf.

Ich höre menschliche Stimmen und Pferdegewieher," sagte sie schwer athmend,sie werden Hilfe gefunden haben und zurückkommen."

In der That kam der Wagen langsam zurück. Der Kut­scher, dessen Gesicht leichenblaß war, schien die Zügel nur mechanisch zu halten, da die Pferde von zwei handfesten Land« leuten geführt wurden.

Gott sei Dank!" stieß Armgard halblaut hervor.Dort scheint wenigstens Alles unversehrt geblieben zu sein."

Marbach warf ihr einen finsteren Blick zu. Dachte sie wirklich nur an das Kind jenes Mannes, der sie einst so schmählich verlassen? Er war bei dem Freunde niedergekniet, um seine Wunde zu untersuchen. Der Schuß war seitwärts durch den Hals gegangen und hatte die Schlagader zerrissen, deren Blutung Marbach in keiner Weise zu stillen vermochte, obwohl er sein Taschentuch wie eine Binde ihm fest um den Hals gebunden hatte. Die mörderischen Kugeln, denn es waren mehrere Schüsse hintereinander, deren eine ihm selber gegolten, gefallen, hatten ihn jedenfalls sogleich getödtet. Eine Mörder­faust hatte dies vollbracht und keine andere konnte es gewesen sein als diejenige, welche Tante Hanna so grausam zugerichtet.

Marbachs Blick flog drohend zu der Bergwand empor, welche dem Mörder als schützendes Versteck gedient. Auf seinem hübschen, intelligenten Gesicht prägte sich der Ausdruck eines festen Entschlusses. Mit finster zusammengezogenen Braunen schaute er Armgard nach, welche dem Wagen entgegeneilte. Plötzlich hörte er einen Schreckensschrei, der ihn erbeben machte. Sorgsam den Freund niedergleiten lassend und seinen Kop auf ein erhöhtes Rasenstück bettend, begab er sich rasch dort­

hin und sah die junge Dame am Wagenschlag mit einer Ohn­macht ringend.

Was ist denn hiernach geschehen?" fragte er, Armgard mit seinem Arm stützend und einen spähenden Blick in den Wagen werfend.

Das Kind" schluchzte sie,es ist auch getroffen tobt I"

Großer Gott I"

Marbach ließ die sich gewaltsam aufraffende Armgard los und bückte sich zu Lotta nieder, die regungslos in den Kissen ag. Von der Stirn rann das Blut und gab dem weißen Ge« icht einen erbarmungswürdigen Ausdruck. Das Kind mußte sich in jenem verhängnißvollen Augenblick aufgerichtet und so, unmittelbar hinter oder neben Warneck, die Todeskugel mitten in die Stirn erhalten haben- Es konnte nur einem unseligen Zufall zugeschrieben werden, da es nicht denkbar war, daß dem Kinde, welches der Mörder vorher nicht einmal bemerkt haben konnte, die Kugel gegolten.

Abscheulich!" sagte Marbach, seine Bewegung bekämpfend. Armes Ding! Es hat sich aufgerichtet und den Tod mit empfangen. Die Kugeln sind von einer sicher treffenden Hand abgesandt worden, denn sowohl mein Freund wie die Kleine hier sind sofort tobt gewesen. Was fehlt denn Ihrem Kutscher, gnädiges Fräulein?"

Der Anblick des Kindes hat den Armen so aufgeregt," versetzte Armgard mühsam-

Und Ihr habt die Pferde wohl zum Stehen gebracht, meine Freunde?" wandte sich Marbach an die Bauernburschen.

Ja, Herr! Wir kamen just zupaß, die Rackers wollten justament in die Steinschlucht sausen."

Brav von Euch, helft mir nun, noch einen Todten oder Verwundeten nach Rotenhof tragen. Conrad wird die Pferde jetzt wohl allein regieren können."

Gern, Herr Marbach!"

Wollen Sie sich zu dem Kinde setzen, gnädiges Fräulein? Oder vielleicht mit nach Rotenhof und von dort meinen Wagen benutzen?"

Ich danke Ihnen, Herr Marbach!" versetzte Armgard, noch immer nach der gewohnten Fassung ringend.Benutzen Sie, bitte, meinen Wagen für Ihren Todten. Nur so rasch als möglich jetzt fort von dieser Mordstätte, damit wir ärztliche Unterstützung finden."

Dann fahren Sie in Gottesnamen mit der armen Kler- nen nach Ebenheim, da Rotenhof näher liegt und Sie den Weg auch nach Ihrem Heim nicht zu Fuß zurücklegen können, gnä­diges Fräulein!"

Armgard ließ sich willenlos von ihm in den Wagen heben, wo sie Lottas Kopf mit ihrem feinen Battisttuch verband unb denselben dann in ihren Schooß bettete, während die stämmigen Landleute den todten Warneck vorsichtig aufhoben und der traurige Zug sich nach Rotenhof zu in Bewegung setzte.

*

Der alte Doctor Peters war nach Ebenheim und Roten­hof gekommen, um den ärztlichen Todtenschein dort wie hier auszustellen.

Bei Beiden wäre von vornherein jede Hilfe vergeblich gewesen," sagte er,diese Schüsse mußten den sofortigen Tod bringen. Sie glauben also an kein Ohngefähr, sondern an absichtlichen Mord, Herr Marbach?"

Ganz bestimmt, Herr Doctor! Ja, ich bin sogar fest überzeugt, daß es dieselbe Hand gethan, welche den Schlag gegen Tante Hanna geführt."

Der Doctor blickte ihn ganz entsetzt an und meinte nach einer Weile:Das wäre ja in unserer Stadt und Umgegend ein recht herrliches Leben alsdann. Zum Henker noch ein­mal, ich danke dafür, so unversehens einige Kugeln hinterrücks in den Pelz zu bekommen. Es sieht freilich ganz darnach aus, obgleich ich nicht begreife, was der Mord hier für einen Zweck gehabt- Bei unserer Tante Hanna war's doch ein regelrechter Raubmord aber hier"

Er schüttelte den Kopf und reichte dem jungen Gutsbesitzer,