Nnterchaltrrngsblatt 311m Gietzenev Anzeigev (Gensval-Anzeigev)
Nr. 35
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Donnerstag, den 23. März.
Tante Hannas Geheimniß.
Original-Roman von E. v. Linden.
(Fortsetzung).
Armgard athmete tief auf und ging in's Haus und sofort zu Lotta hinauf, um sie zu beruhigen. Sie sah sie aufrecht im Bette sitzen, unverwandt nach der Thür starrend und ihr jetzt beide Arme entgegenstreckend.
„O, wie fürchte ich mich hier, Tante!" klagte sie, die überraschte Armgard zu sich niederziehend.
„Glaubst Du auch, daß mein Papa nicht wieder kommt, wie die böse Frau sagt?"
„Von wem sprichst Du, Kind? Wer ängstigt Dich damit? "
„Die alte Frau, die immer zu mir kommt, mit der großen weißen Schürze."
„Mamsell Evers? — Nun, morgen kommt eine freundliche Wärterin, die der Doctor mitbringt."
„Ach, Tante, laß sie fort," bat die Kleine, „auch den Doctor, ich bin ganz gewiß nicht mehr krank. Zieh' mich an, ja, willst Du so lieb sein? — Es ist draußen so schön, ich fürchte mich hier so sehr, ach, so sehr!"
Nein, das war keine Comödie — Armgards Herz wurde von diesen Klagen tief ergriffen. Das Kind war verwaist, es fühlte sich unglücklich und verlassen, sollte auch sie sich kalt davon abwenden? Das lag durchaus nicht in ihrer warmen, menschenfreundlichen Natur.
Sie blickte Lotta forschend in die Angen, es lag nur Angst darin, doch kein Fieber, auch der Puls war ruhig.
„Gut," sagte sie, „dann steh' auf, Kind, ich will Dir beim Ankleiden helfen. Willst Du mit mir ausfahren? '
„Ja, ja, Tante!" jubelte Lotta, wie ein Pfeil vom Bett herabfliegend und sofort mit Schwamm und Waffer hantirend. „Ich kann mich schon ganz allein anziehen, schau, wie ich eile, in zehn Minuten bin ich fertig. Sieh', bitte, nach der Uhr."
Armgard mußte lächeln, aber auch die Kleine bewundern. Wie praktisch sie war, wie sie sich tummelte und wie geschmeidig, wie anmuthig dabei Sie ließ sie deshalb ruhig gewähren und dachte unwillkürlich, daß Lotta unter ihrer Hand sich gewiß zu einem lieblichen Mädchen entwickeln würde.
Eine heiße Röthe überfluthete bei dieser Vorstellung ihr blaffes Gesicht, da dieselbe doch nur eine Folgerung zuließ. Sie wandte sich mit verdüsterten Zügen dem Fenster zu und schrak heftig zusammen, als die Thür plötzlich ungestüm aufgerissen wurde.
„Was? Du bist aufgestanden, Lotta?" fuhr Mamsell
Evers, wie eine Bombe hereinschießend, sie zornig an. „Wer hat Dir das erlaubt?"
„Ich hab's ihr erlaubt, Evers!" sagte Armgard ruhig. „Das Kind war ganz allein gelassen, es fürchtete sich, und wäre beinahe aus dem Fenster gestürzt."
„So, ihr fehlt also gar nichts," knurrte die Mamsell, „ganz, wie ich's mir gedacht habe. — Na, meinetwegen, draußen im Gurten ist's ja auch schöner als —"
„Ja, die Luft wird ihr jedenfalls zuträglicher fein, liebe Evers!" schnitt Armgard ruhig die Fortsetzung ab. „Bitte, sagen Sie Conrad, er solle die kleine Chaise anspannen. Ich will mit Lotta eine Spazierfahrt machen."
Die Mamsell hätte gern Einsprache dagegen erhoben, doch kannte sie ihre Gebieterin zu gut, um nicht zu wissen, daß sie hier unbedingt den Kürzeren ziehen werde, obgleich sie sich sonst viel herausnehmen durfte- So kniff sie die Lippen zusammen und schoß mit einem wüthenden Blick auf Lotta hinaus.
Die Kleine sah recht triumphirend aus, war aber doch schon weltklug genug, um nach einem forschenden Blick in Armgards Gesicht sich ganz mäuschenstill zu verhalten. Diese legte jetzt die letzte Hand an Lottas Toilette und nahm sie dann mit sich nach ihrem Zimmer, um sich selber zu der Ausfahrt zu rüsten, worauf sie nach fünf Minuten die kleine bequeme Chaise bestiegen und wohlgemuth in den herrlichen Sonnenschein hinausfuhren.
Lotta lehnte tief in dem weichen, bequemen Polster und spielte, strahlend vor Entzücken, Verstecken neben der hochgewachsenen schlanken Armgard.
„Gefällt'- Dir, Lotta?" fragte Jene, freundlich auf sie niederblickend.
„O, es ist zu schön, liebes, liebes Tantchen!" rief die Kleine, sich zärtlich an sie schmiegend. „Bitte, laß' mich bei Dir bleiben, Du bist so gut."
„Ei, Lotta, was würde Dein Papa zu dieser Bitte sagen!"
„O, ich weiß bestimmt, was er sagen würde," erwiderte das Kind mit dem alten Ausdruck überlegenen Verständnisses, der Armgard so unangenehm berührte-
„Du scheinst für Dein Alter überhaupt zu viel von Dingen zu wissen und zu plaudern, die Du nicht verstehst," erwiderte letztere deshalb tadelnd, „ich liebe dergleichen nicht, Lotta, obgleich Du armes Ding nichts dafür kannst. — Sieh', jetzt kommen wir zu den schönen Bergen. — Durch den Hohlweg, Conrad!" gebot sie dem Kutscher, als dieser hielt und sich fragend umblickte.
Zu beiden Seiten eines gut erhaltenen Weges erhoben sich felsige Berge mit Tannen und dichtem Gestrüpp wild bewachsen, welche wohl eine halbe Stunde weit sich erstreckten


