Ausgabe 
23.2.1893
 
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Warum nicht, Ruth? Wir warm von jeher güte Freunde; Ich habe immer geglaubt, Du hieltest etwas von mir."

Immer," antwortete sie.Immer. Auch jetzt in dieser schmerzvollen Stunde halte ich viel von Dir, Hans."

Nun also!" rief er.Weshalb solltest Du daher nicht meine Frau werden? Aber ich weiß, was Dein Feingefühl verletzt," setzte er dann schnell hinzu.Du findest, daß ich so kurz nach dem Tode der armen Cilli das Wort der Werbung noch nicht aussprechen dürfte und in gewisser Weise hast Du darin allerdings Recht, meine kleine Ruth, aber Du vergißt über dies rein persönliche Empfinden den Druck der Verhält« nisse. Es sind volle anderthalb Jahre, bis Du mündig und dadurch disposttionsfähig bist nach einem Vierteljahre aber können wir heirathen und dann gehen Erichs Rechte auf mich über. Das ist der Grund, weshalb ich die Aussprache zwischen Dir und mir in einer scheinbar unpassenden Weise beMeunigt habe ich sage beschleunigt! Denn daß wir uns auch ohne­hin ganz von selbst gefunden hätten, glaube ich doch bestimmt."

Und nun wollte er ihre Hand ergreifen, aber Ruth kam ihm durch eine schnelle Bewegung zuvor; sie stand auf und flüchtete an das Fenster. Ihre Lippen zuckten, sie verhüllte mit dem Taschentuchs das kalte, blasse Gesicht.

Quäle mich nicht, Hans. Es ist unmöglich."

Warum, Ruth? Dein Herz ist frei, Du liebst keinen Anderen, weshalb also willst Du es nicht sein, die den Sonnen­schein früherer Tage nach Moldt zurückbringt? Ist es nicht so natürlich, so einfach, daß sich da, wo in den vertrauten Kreis eine plötzliche Lücke hineingeriffen wurde, nun die Zurückgeblie­benen um desto enger aneinander schließen? Du könntest in Deinem Vaterhause bis zu unserer Hochzeit leben, Ruth! Die Pastorin würde Dich sicherlich mit der größten Liebe auf« nehmen und an der Stelle, wo einst Deine Wiege stand, müß­ten unsere Hände ineinander gelegt werden. Ist das nicht ein guter, freundlicher Gedanke, meine kleine Ruth?"

Aber sie schüttelte nur todestraurig den Kopf.Ich kann nicht, Hans. Gott weiß es, ich kann nicht. Und bätest Du mich noch tausendmal und führtest Du alle Gründe der Ver­nunft, der Ueberlegung mir gegenüber an es wäre doch ewig, ewig unmöglich."

Weshalb, Ruth? Sage mir nur, weshalb?"

Ist es nicht genug, wenn ich das fühle? Hier hat nur das Herz eine Stimme. Aber still jetzt," fügte sie hastig hin- zu.Tante Anna kommt-"

Hans Adam stützte den Kopf in die Hand und sah ruhig vor sich hin, ja beinahe mit zufriedenem Gesichtsausdruck. Ob er während der letzten Minuten Gelegenheit gehabt hatte, tiefer, viel tiefer zu blicken, als Ruth sich träumen ließ?

Sie stand immer noch am Fenster und hielt das Taschen­tuch an den Augen. Es war ganz still im Zimmer, als die alte Dame eintrat, es sah so wenig nach einer stattgehabten Liebeswerbung aus, daß weder der Baron noch Ruth ihre Stellungen zu verändern brauchten. Auch das schärfste Späher- äuge hätte hier nichts Auffälliges entdeckt.

Tante Anna schüttelte den Kopf.Wie Ihr ausseht, Kinder! Und Du weinst schon wieder, Ruth? Willst Du denn durchaus krank werden, Liebe?"

Das junge Mädchen schauderte. Ohne zu antworten, ja, ohne die Blicke zu erheben, trat sie an den Tisch.

Ich will nur meinen Brief beenden, Tante dann mache ich einen weiten Spaziergang hinaus in's Freie."

Die alte Dame streichelte mütterlich das blasse Gesicht ihrer Nichte.Aber nicht zum Kirchhof, Kind, hörst Du?"

Nein, Tante."

Dann nahm Ruth die Feder wieder zur Hand, aber ehe sie schreiben konnte, berührte der Baron mit leichtem Druck ihren Arm.

Ruth, Du solltest nichts übereilen."

Sie senkte nur noch tiefer den Kopf, aber seine Worte blieben unbeachtet und ohne Entgegnung.

Wie es in ihrer Seele stürmte, das sah er ja nicht- So ist es vielleicht unseren ersten Voreltern gewesen, als der Engel mit dem flammenden Schwert hinausdeutete auf den steinigen

Weg ohne Quell oder Schatten. Hinter ihnen lag das Para- dies, in dem sie bisher ohne Sorgen oder Leid gelebt, vor ihnen das Exil, die Wanderung durch die Wüste- Es gab keine Umkehr, kein Wiedergewinn - das einmal Verlorene war dahin auf ewig.

Ruth hielt die Feder in der Hand, aber sie schrieb nicht- Ihre Gedanken wanderten, wie aufgeschreckte Vögel durch die Luft fliegen, hierhin und dorthin, ziellos in alle Fernen. Das Herz that ihr weh zum Sterben, ach, so weh, wie nie zuvor.

Der Baron verließ das Zimmer; er lächelte zufrieden. Die Dinge standen für ihn besser, als er gehofft er glaubte es wenigstens.

Außer für den Herrn Commerzienrath Lissauer bin ich heute für Niemand zu sprechen, Fischer wer es auch sei." (Fortsetzung folgt.)

Me unsichtbaren Jeinde des Menschen.

Von Silvester Frey.

(Nachdruck verboten.)

Es war gewiß eine der wichtigsten Errungenschaften, welche düs menschliche Wissen zu verzeichnen hat, als man zu dem Ergebniß kam, daß unser Körper selbst von kleinen, unsicht­baren Lebewesen bevölkert sei, welche als die grimmigsten Feinde desselben seinen Untergang herbeizuführen suchen. Bereits im Jahre 1675 entdeckte Antony von Leevenhoek in Delft diese wichtigen Organismen, welche man seitdem Bakterien genannt hat; aber die entscheidende Rolle, welche sie augenblicklich in der Wissenschaft etnnehmen, gewannen sie erst durch die Forsch­ungen neuerer Gelehrter. Die Benennung selbst rührt von dem griechischen Worte her, welches so viel wieStäbchen" bedeutet. Sie deckt auch keineswegs sämmtliche Arten dieser winzigen Organismen, sondern selbstverständlich nur diejenigen, welche das stäbchenartige Aussehen haben. Andere erhielten, je nach dem Aussehen, von der Wissenschaft die ihnen zustehen« den Namen; so wurden die kugeligen und eirundenMckro- kokken", die geraden, fadenartigenBacillen", die wellig gelockten Vibrionen", die steifen schraubenähnlichenSpirillen" und endlich die langen, spiralförmig um sich gewundenenSpirock- äten" genannt. Alle diese Wesen sind so klein, daß sie erst unter einer außerordentlichen Vergrößerung für das menschliche Auge wahrnehmbar werden. Ein Beispiel wird das verdeut­lichen, wenn der Mensch selber in dieselben Verhältnisse gerückt würde, nähme er eine Größe an, wie sie etwa die höchsten Berge der Schweiz besitzen. So wird es verständlich, daß der Raum, welchen ungefähr ein Stecknadelkopf darbietet, von 636 Millionen solcher Batterien bevölkert werden kann. Aus­geglichen wird solche winzige Kleinigkeit vollkommen durch die Vermehrungssucht, deren sich diese Organismen befleißigen. Sie findet allein durch Spaltung statt. Nehmen wir nun an, daß sich eine solche Batterie innerhalb einer Stunde in zwei In­dividuen spaltet diese wieder nach derselben Zeit in vier, nach der dreifachen in acht so würde die Nachkommenschaft schon nach vier und einem halben Tage im Stande sein, das gesammte Weltmeer auszufüllen. Glücklicher Weise kann es schon deshalb nicht dahin kommen, weil diese Organismen denn doch auch ihre Feinde haben, welche unablässig beflissen sind, die Reihen derselben zu lichten oder ganzen Ansamntlungen von ihnen den Garaus zu machen.

Selbstverständlich haben diese Lebewesen, wie sie dem Aus­sehen nach völlig verschieden sind, so auch keineswegs dieselbe Größe. In unsere Verhältnisse gerückt, würde sich das eine neben einem andern oftmals wie dis-Mücke zum Elefanten ver­halten. Vom Forscherauge beobachtet, bietet sich auch in ihrem Dasein dieselbe Abwechselung und Selbständigkeit des Gebührens, wie sie den uns sichtbaren Organismen eigen. Wenn sie in dichtem Gewimmel den Wassertropfen erfüllen, gewähren die nach allen Richtungen durcheinander fahrenden Stäbchen und Schrauben einen überraschend fesselnden Anblick; man glaubt in einen Mückenschwarm oder Ameisenhaufen zu blicken. Hurtig