Ausgabe 
23.2.1893
 
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da und man konnte ohne Schwierigkeiten eine bescheidene Rente zahlen aber dennoch, dennoch!

Und der Baron warf ruhelos den Kopf von einer Seite zur anderen. Es war ihm unmöglich, auch nur die Augen zu schließen, geschweige denn zu schlafen.

Wenn nun morgen der Bankdirector wieder hierherkam, wenn er so eindringlich fragte und mit den Blicken voll gehei­mer Furcht ziellos in's Leere sah konnte man das ertragen, ohne selbst in Fieber zu gerathen?

Und Hans Adam sprang auf; er warf sich in die Klei­der, zündete die Lampe an und begann zu schreiben. Es mußte sein, er konnte Willibalds blafles, gleichsam erstarrtes Gesicht nicht nochmals sehen.

Der Brief wurde lang, er enthielt ein unumwundenes Eingeständniß und die Bitte um Verzeihung; erst gegen den Schluß hin wagte es der Baron, auch einige Worte des Trostes hinzuzufügen:

Man wird Dich für die fehlende Summe haftbar machen, mein armer Willibald, und da Du ohne Vermögen bist, zu­nächst zur Pfändung schreiten- Ich kaufe in diesem Falle jedes Stück Deines Besttzthum und gebe Alles Dir und Deiner Frau als geliehen zurück. Dergleichen läßt sich ja leicht machen; das Gesetz hat mehr als nur eine Hinterthür in Betreff Eurer Einrichtung also sei ganz ohne Sorgen, ebenso auch be­züglich der Frage, wovon Ihr zunächst leben werdet. Ruths Kapital ist groß genug, um hier nach Belieben verfügen zu können. Wenn erst meine Bernsteingräberei und die neu an­zulegende Zuckerfabrik völlig im Gange sind, trittst Du mit Deinen kaufmännischen Kenntniffen als stiller Compagnon in das Geschäft ein und wir erwerben Unsummen- Vertraue mei­nen Worten, bester Willibald, ich weiß, was ich sage. Und nun nochmals: laß Dir die Sache nicht besonders zu Herzen gehen. Die schäbigen zweitausend Thaler, welche Dir die Bank zahlte, verwandle ich in sechstausend ganz abgesehen vom Theilhabergewinn. Du mußt also eine kurze, böse Zeit ertra­gen, um durch diese Veränderung einen dauernden Gewinn zu erlangen. In alter Freundschaft Dein Hans Adam."

Der Baron siegelte den Brief und schrieb die Adresse; wenn er aber gehofft hatte, durch diese Mittheilung an den unglücklichen Willibald nun selbst ruhiger zu werden, dann sah er sich doch getäuscht. Den Kopf in die Hand gestützt, blieb er grübelnd und sinnend am Schreibtisch sitzen, ohne Schlaf, ohne inneren Frieden, bis der Morgen heraufdämmerte und das Leben des neuen Tages um ihn her erwachte. Wie viele Pläne, wie viele Hoffnungen waren nicht während dieser langen, eisigkalten Nacht in seinem arbeitenden Hirn geboren worden und nach kurzem Dasein wieder gestorben. Eins stand ja immer im Wege, wohin er auch blicken mochte, Eins hielt ihm das unübersteigliche Hinderniß entgegen, wo er auch den Weg offen glaubte das Geld.

Immer, immer das Geld.

Als die Strahlen der blassen Wintersonne in das Zimmer drangen, erhob sich Hans Adam und machte flüchtig Toilette. Unter seinen Augen lagen dunkle Ränder, das Gesicht war ohne Farbe. Er schien seit dem letzten Abend um Jahre ge­altert; die ganze Haltung hatte an Frische, an Elasticität ver­loren.

Den Kaffee trank er allein wie gewöhnlich und ging dann in's Wohnzimmer, wo Ruth am Tische saß und schrieb. Hans Adam legte seinen Brief neben die Mappe-Du bist so gütig, das Weitere zu veranlassen, nicht wahr, liebe Ruth?"

Sie sah freundlich zu ihm auf.Hans wie schlecht Du aussiehst!"

Ist das ein Wunder, Ruth? Bricht nicht von allen Seiten zugleich das Verhängniß über mich herein?"

Und als sie ihn ohne Antwort ließ, setzte er seufzend hinzu:Dein Brief geht an die Vorsteherin eines Diakonissen- hauses; ist es nicht so?"

Sie nickte stumm.

Ich konnte es mir ja denken. Ach, Ruth, wenn Du freundlicher, barmherziger gegen mich handeln wolltest!"

Indem ich den Commerzisnrath heirathe?"

Er schüttelte den Kopf.Du kannst es nicht, das weiß ich ja."

Aber Du denkst, ich müsse das Widerstreben in mir energisch bekämpfen und das Opfer bringen, Hans?"

Nein!" antwortete er.Nein, kein Opfer, Ruth- Ich müßte mich selbst verachten, hätte ich ein wehrloses Kind so in's Unglück gestürzt, obgleich allerdings mehr, weit mehr auf dem Spiele steht, als Du Dir träumen läßt."

Sie sah ihn angstvoll an.Was denn, Hans? Ich bitte Dich, sage mir Alles, was es auch sei."

Er trat an's Fenster und blickte hinaus.Nichts, Ruth, nichts."

Dann hörte er, daß sie weinte.O, Hans, Du verur, theilst mich im tiefsten Herzen, Du nennst mich lieblos un­dankbar."

Der Baron näherte sich Ruth und streichelte langsam das blonde Köpfchen. Es war eine ruhige, jeder zärtlichen Aufwallung entbehrende Bewegung.

Weine nicht, Ruth," bat er-Willst Du mir eine Viertelstunde Gehör geben?"

In Bezug auf Lissauer?"

Er schob die Mappe zurück.Nicht in Bezug auf diesen Herrn. Aber vollende erst dann den Brief an die Diakonissen» anstatt, wenn wir miteinander gesprochen haben. Willst Du das?"

Gern," antwortete sie ruhig.Aber Du mußt mich nicht zu überreden suchen, Hans, mußt nicht vom Hierbleiben sprechen. Das würde nur meinen Kummer vergrößern, mich noch unglücklicher machen. Denkst Du denn überhaupt, es sei für mich so leicht, die Heimath auf immer zu verlassen, Dich selbst und alle meine Freunde vielleicht nie im Leben wieder­zusehen? Denkst Du, ich ginge gern aus dieser Gegend fort?"

Er sah sie an.Weshalb bestehst Du denn darauf, Ruth? Es ist Dein eigener Wille, der Dich in die Ferne treibt."

Sie schüttelte den Kopf.Es ist das Gebot der Noth- wendigkeit, Hans. Ich muß gehen! Was Du auch einwenden mögest: ich muß."

Aber nicht weit fort, Ruth, und nicht für immer. Hast Du nie daran gedacht, daß es eine Form unseres ferneren Zusammenlebens gibt, gegen die Niemand etwas dreinreden könnte? Hast Du immer nur Dein eigenes Schicksal im Auge gehabt, nie aber ein klein wenig auch das meinige?"

Er war ihr nicht näher gerückt, er hatte nicht versucht, ihre Hand zu erfassen; sein ernstes, blasses Gesicht schien viel­leicht in diesem Augenblicke noch blasser als vorher, trotzdem aber konnte doch das junge Mädchen nicht umhin, die Bedeu­tung seiner Worte zu verstehen. Ruth erschrak so sehr, daß sie zitterte.

Hansl"

Bist Du beleidigt?" fragte er.

Sie schüttelte den Kopf, ihre Augen schloffen sich wie in halber Ohnmacht.Gewiß nicht, gewiß nicht."

Das freut mich," sagte er mit tiefem Athemzug.Ruth, ist es nicht sür uns Beide am besten, wenn Du meine Frau wirst sobald es die Gesetze erlauben? Sind wir nicht vom Schicksal aufeinander angewiesen?"

Sie blieb stumm; jedes seiner Worte fiel schwer und kalt auf ihr Herz. Hans Adam war ehrlich, er sprach nicht von Liebe, er suchte kein Gefühl zu heucheln, das er nicht auch wirklich empfand. Das Schicksal, hatte er gesagt, nicht das eigene zärtliche Verlangen.

Und nun mußte sie ihm antworten. War das Wirklich­keit oder ein Traum? Hans Adam bat und sie sollte ihm versagen, was er zu erlangen wünschte; sie sollte seine Hoff­nungen zerstören?

Es gab also doch noch ein Weh, größer und tiefer als alle früheren, eins, an das ihre Seele bisher nie gedacht, das sie für eine Unmöglichkeit gehalten haben würde noch bis vor wenigen Augenblicken.

Nun, Ruth?"

Hans," sagte sie kaum verständlich,es kann nicht sein."