Ausgabe 
22.8.1893
 
Einzelbild herunterladen

S sa

Ach, es geschah ja auch gar nicht wegen der Lohnsache," klagte die Tochter des Stellmachers.Aus solcher Ursache hätte er sich gewiß niemals an dem Herrn Neukamp vergriffen. Es geschah ja nur in seiner ersten Wuth und Aufregung da­rüber, daß der Herr Neukamp es gewesen war, der durch seine Schlechtigkeit meine arme Schwester in den -Tod getrieben."

Editha richtete sich auf und ihre Augen öffneten sich weit in starrem Entsetzen.

Was sagen Sie da? Was für ein Märchen ist es, durch das Sie Ihres Bruders feige, tückische That zu recht­fertigen gedenken? Was hätte mein was hätte Herr Hugo Neukamp mit Ihrer Schwester zu schaffen gehabt?"

Agnes Mehnert wußte offenbar nicht, welche Beziehungen zwischen dem Fabrikherrn und der Tochter des Obersten be­standen; aber die unerwartete Wirkung ihrer Worte versetzte sie nichtsdestoweniger in große Bestürzung.

Ich lüge ganz gewiß nicht, gnädigstes Fräulein," ver- sicherte sie erschrocken.Gott ist mein Zeuge, daß ich nur die lautere Wahrheit sage! Aber wenn das gnädige Fräulein so böse darüber sind"

Editha athmete schwer. Mit jener bewunderungswürdigen Selbstbeherrschung, die sie oft selbst für ihre nächsten Angehö- rigen zu einem Räthsel machte, zwang sie ihre mächtige Auf­regung nieder und sagte in ganz verändertem, scheinbar ruhi­gem Ton:Ich bin Ihnen nicht böse, denn ich sehe ja, daß Sie sich selbst durch eine erlogene Erzählung irre führen ließen. Aber ich wünsche diesen Dingen auf den Grund zu gehen und Sie mtiffen mir darum Alles sagen, was man Ihnen berichtet hat hören Sie: Alles! Von dem Grade Ihrer Aufrichtig, keit wird es abhängen, ob ich Ihrem Bruder meine Verzeihung zu Theil werden kaffe oder nicht."

Ach, das ist eine so lange und traurige Geschichte, gnä­diges Fräulein die Geschichte von meiner armen Schwester"

Ich kenne sie bereits aus dem Munde Ihres Vaters. Ihre Schwester ging in den Tod, weil ein Ehrloser sie be­trogen, unter einem falschen Namen ihre Liebe gewonnen und sie dann verrathen hatte war es nicht so?"

Ja wohl und bis gestern wußten wir nicht, wer jener schlechte Mensch eigentlich gewesen; denn die Lene hatte in ihrem letzten Briefe seinen wirklichen Namen absichtlich ver« schwiegen. Da begegnete mein Bruder gestern zufällig einer Frau, welche die Lene in der letzten Zeit ihres Leben» gekannt hatte, und von ihr erfuhr er, daß kein Anderer als Herr Hugo Neukamp damals jene schändliche That vollführt habe. Paul sagt, daß er der Frau anfänglich selber keinen rechten Glauben geschenkt habe; aber sie wußte so viele Einzelheiten anzugeben und Alles, was sie sonst über die Lene und über jene traurige Zeit berichtete, stimmte so genau mit Allem, was er selber ge­hört hatte, daß er endlich gewiß war, nur die Wahrheit zu vernehmen. Und nun überkam ihn, wie er uns in dieser Nacht erzählte, eine furchtbare Wuth. Er meinte fortwährend Blut vor sich zu sehen und er war ganz fest entschlossen, den Herrn Neukamp um's Leben zu bringen. Als er davon hörte, daß ein Auflauf vor seiner Villa entstanden sei, mischte er sich unter den Hausen und suchte die Leute aufzustacheln, daß sie das Haus stürmen und den Fabrikherrn erschlagen sollten. Er war es auch, der sie zum Ungehorsam gegen die Gendarmen aufhetzte und er hat dabei selber von einem Säbelhieb eine Wunde an der linken Schulter erhalten. Dann aber kam, wie er sagt, der Herr Doctor Asmus, um den wüthenden Arbeitern in's Gewiffen zu reden und gegen den wollte er nichts unternehmen; denn es gibt keinen Menschen, von dem er so viel hält, wie von dem Herrn Doctor, wenn er sich auch in seiner sonderbaren, verschloffenen Weise schämt, es zu zeigen. Er ging also zugleich mit den Andern fort; aber die Wuth, die in ihm kochte, ließ ihm doch keine Ruhe und er trieb sich in der Nähe der Fabrik herum, obwohl er selber meinte, daß sich an diesem Abend keine Gelegenheit mehr für ihn finden würde, seine Absicht auszuführen. Da kam mit einem Mal die Gesellschaft aus der Villa zu Fuß daher und er sah, daß auch der Herr Neukamp dabei war. Und nun muß ein böser

Geist ihm eingegeben haben, daß es jetzt die rechte Zeit sei, den Mann, der unsere Schwester gemordet hatte, hinterrücks zu erschlagen. Er las einen großen Stein auf und schlich sich in der Dunkelheit daneben her, bis er den günstigen Augenblick gekommen glaubte und meinte, ihn nicht mehr verfehlen zu können. So nahe als möglich ging er heran und warf den Stein nach Herrn Neukamps Kopse. Aber er sah alsbald, daß er ihn doch nicht getroffen hatte; denn er blieb aufrecht stehen und nur die Dame, die er am Arm geführt hatte, brach mit einem schrecklichen Schrei zusammen. Und als ihr der Doctor Asmus dann in das blutige Gesicht leuchtete, sah er aus feinem Hinterhalt ganz deutlich, daß es dieselbe war, die uns vor einigen Wochen besucht und mich bei der Gelegenheit so reich beschenkt hatte. Und nun stürzte er fort, als ob die Gendarmen, die ihn greifen wollten, schon hinter ihm wären. Gegen Morgen kam er in Eberbach an und weckte uns aus dem Schlafe, um dem Vater und mir gleich auf der Stelle Alles zu bekennen. Wir meinten, er würde sich ein Leid an- thun, so verzweifelt war er, und wer weiß, ob es nicht auch wirklich dahin gekommen wäre, wenn wir nicht Alles aufgeboten hätten, um ihn zu beruhigen und ihm zuzureden, daß er wenig- stens warten solle, bis ich am Morgen in die Stadt gegangen wäre, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen. Wir wollen ja ganz gewiß nicht, daß er ohne Strafe bleiben soll; aber es würde uns in unserem namenlosen Unglück einen so großen Trost gewähren, wenn Sie darum doch noch nicht ganz schlecht von uns denken wollten und wenn Sie wenigstens nicht mich und meinen armen Vater entgelten laffen wollten, was Ihnen der Paul in seiner Aufregung und Verblendung gethan."

Die Thränen der armen Person waren gegen den Schluß ihrer Erzählung hin schon wieder sehr reichlich gefloffen und nur mit Mühe hatte sie unter vielem Schluchzen die letzten Worte herausgebracht. Es mußte sie nicht wenig besremden, als sie von Editha Minuten lang überhaupt keine Antwort erhielt und als sie wahrnahm, daß die vornehme junge Dame mit eigeuthümlich starrem Gesicht und mit leerem Blick gerade vor sich hinstarrte, wie wenn sie die Anwesenheit der Anderen vollständig vergeffen hätte. Die Tochter des Stellmachers wagte in dieser bedrückenden Situation schließlich kaum noch zu athmen und sie zitterte am ganzen Körper, als Editha end- lich, sich ihr jäh zuwendend, sagte:

Ich wünsche nicht, daß Ihr Bruder sich den Behörden stelle hören Sie? Ich will nicht, daß er bestraft werde und daß damit alle diese Dinge zu einem Gegenstand öffent­lichen Geredes werden! Hier" und sie entnahm einer auf dem Tischchen »eben ihr liegenden Geldbörse mehrere Gold­stückegeben Sie ihm dies, damit er in den Stand gesetzt werde, sich so rasch und so weit als möglich aus unserer Gegend zu entfernen. Was ich thun kann, um eine Verfolgung zu verhindern, wird gewiß geschehen und ich glaube, dafür ein- stehen zu können, daß ihm nichts widerfahren wird, wenn er selber Schweigen beobachtet über seine That. Und nun gehen Sie! Danken Sie mir nicht, denn ich habe für meine Handlungsweise vielleicht andere Beweggründe, als Sie ver- muthen, und ich wünsche nicht, mich mit dem Glorienschein einer Großmuth zu umgeben, die mir fremd ist. Wenn Sie sich mir erkenntlich zeigen wollen, so sorgen Sie dafür, daß Ihr Bruder sich meinem Verlangen fügt und daß ich weder jetzt noch künftig weiter von ihm höre."

Sie verabschiedete das Mädchen mit einer Bewegung, die an der Bestimmtheit ihres Wunsches, allein zu fein, keinen Zweifel lassen konnte, und das arme, eingeschüchterte Wesen wagte denn auch nicht, ihrem so deutlich kundgegebenen Willen auch nur durch ein einziges, gestammeltes Dankeswort zuwider zu handeln. Es schlich still hinaus, und als stch die Thür hinter ihm geschlossen hatte, schlug Editha beide Hände vor das Gesicht, um lange regungslos in dieser Stellung zu ver­harren.

(Fortsetzung folgt.)