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Lich alles Ändere sogleich vergessen war. — Hast Du auch jetzt noch große Schmerzen, liebste Editha?"
„Nein, ich fühle die Wunde gar nicht mehr. Aber sage mir doch, Monika: welchen Eindruck haben die Anklagen auf Dich gemacht, welche Doctor Asmus gegen meinen Verlobten geschleudert? Hälft Du es für möglich, daß er in allen Stücken die Wahrheit gesagt und daß Neukamp sich wirklich brutal und hartherzig gegen die armen Leute benommen haben könnte?"
„Ich habe kein Urtheil über diese Dinge, Editha," lautete Monikas schüchtern ausweichende Erwiderung. „Und Doctor Asmus sagte ja selbst, daß Dein Bräutigam nur gethan habe, wozu er durch das Gesetz berechtigt gewesen sei."
Mit einer ungeduldigen Kopfbewegung lehnte die Kranke dies Zugeständniß ab.
„Nicht doch! — Das ist ja gar nicht Deine wirkliche Meinung; denn Du hast so gut gehört als ich, daß ihm Asmus dies in einem sehr bitteren und sarkastischen Tone sagte. Aber es könnte ja sein, daß er aus Haß gegen Neukamp die wirklichen Thatsachen entstellt und übertrieben hätte, nur um ihn in unseren Augen herabzusetzen."
„O, Editha, welch' ein Verdacht! — Warum nur bist Du, die sonst so klug und gütig ist, gerade in Bezug auf Dein Urtheil über Doctor Asmus so ungerecht und hart?"
„Wer sagt Dir, daß er gerechter ist in Bezug auf mich?" klang es fast schroff von Edithas Lippen zurück. „Hatte sein Benehmen nicht ganz den Anschein, als ob er sich berechtigt glaube, mich zu verachten?"
„Gewiß nicht! — Wie sollte er auch dazu kommen, da Du ihm doch sicherlich niemals einen Anlaß für solche Empfindungen gegeben hast?"
Editha wandte das Gesicht nach der Wand und schwieg. Als Monika nach einer kleinen Weile fragte: „Soll ich weiter lesen?" erwiderte sie mit fast unfreundlicher Bestimmtheit: „Nein! Du mußt ja auch müde sein! — Lege Dich nur ein paar Stunden auf Dein Bett, um den versäumten Nachtschlummer nachzuholen. Ich bleibe sehr gern für eine Weile allein."
Das klang viel mehr wie ein Befehl, denn wie eine Bitte, und Monika, die sich von jeher dem Willen ihrer schöben Schwester widerspruchslos untergeordnet hatte, ging denn auch leise hinaus, nachdem sie noch einen sanften, zärtlichen Kuß auf Edithas Stirn gedrückt hatte.
Aber schon nach Verlauf von wenig Minuten kehrte sie zurück.
„Es ist ein Mädchen aus Eberbach da, das Dich durchaus sprechen möchte, liebe Editha," sagte sie. „Ich glaube, es ist dieselbe, welche Du damals mit Doctor Asmus auf ihrem Krankenlager besucht hast. Ich habe sie nicht ohne Weiteres fortschicken wollen, weil es scheint, als ob ihr die Mittheilung, welche sie Dir zu machen wünscht, sehr schwer auf dem Herzen läge."
Die Patientin zauderte ein paar Secunden lang; dann sagte sie lässig: „Laß sie meinetwegen hereinkommen! Wenn ich auch nicht weiß, was sie mir zu sagen haben könnte, so wird sie mir doch vielleicht die Langeweile in etwas vertreiben."
Monika, die über diesen günstigen Bescheid sichtlich erfreut war, ging hinaus uud gleich darnach trat die Angemeldete über die Schwelle.
Es war wirklich die Tochter des Stellmachers und Editha würde sie auf den ersten Blick an ihren Augen wieder erkannt haben, auch wenn nicht die breiten, rothen Narben, welche ihr ehedem gewiß nicht unschönes Gesicht entstellten, sie sogleich hätten davon überzeugen müssen, daß es die bedauernswerthe junge Heldin von Eberbach sei, welche sie da vor sich habe.
Da die Besucherin schüchtern in der Nähe der Thür stehen blieb, winkte ihr Editha, näher zu kommen und sagte freundlich: „Guten Morgen, mein Kind! — Ich freue mich, Sie wieder so weit hergestellt zu sehen und es ist hübsch, daß Sie den weiten Weg nicht gescheut haben, um mir in eigener Person Mittheilung davon zu machen."
Agnes Mehnert war jetzt wirklich ganz nahe an das Ruhebett herangetreten und nun erst nahm Editha den Ausdruck einer Aufregung, welche unmöglich allein durch ihre Zag. Hastigkeit erklärt werden konnte, in den Zügen des Mädchen- wahr-
„Ja, es geht mir wieder ganz gut, gnädiges Fräulein," sagte die Angeredete so leise, als ob sie sich davor fürchten müsse, belauscht zu werden. „Aber ich bin nicht deshalb nach der Stadt gekommen! — Ach, gnädiges Fräulein" — und nun stürzte plötzlich ein Thränenstrom aus ihren Augen, — „wir sind ja so unglücklich, — so über alle Maßen unglücklich!"
Editha hatte eine Empfindung lebhaften Unbehagens. Ohne Zweifel würde sie die Person nicht empfangen haben, wenn sie vorausgesehen hätte, daß es sich nur darum handeln würde, Klagen und Lamentationen anzuhören. Sie verhehlte denn auch ihre Ungeduld kaum, indem sie mit wesentlich verminderter Freundlichkeit erwiderte: „Ist die Noth in Ihrem Hause wieder größer geworden? — Ich glaubte allerdings, derselben für längere Zeit abgeholfen zu haben, als ich Ihrem Bruder einen Arbeitsplatz in der Hartog'fchen Fabrik verschaffte."
Das Mädchen schüttelte den Kopf, noch immer außer Stande, sein Schluchzen zu bemeistern.
„Wenn wir auch Noth litten, so würde ich das gnädige Fräulein, das so gütig gegen uns war, damit doch gewiß nicht behelligen! — Aber es ist etwas viel Schlimmeres! — Ach, Du mein Gott, das gnädige Fräulein wird uns ja niemals, niemals verzeihen können."
„Was soll ich Ihnen nicht verzeihen können?" fragte Editha, verwundert ein wenig den Kopf erhebend. „Sie müssen schon deutlich und ohne viele Umschweife sprechen, wenn ich mich mit Ihnen unterhalten soll; denn ich befinde mich, wie Sie sehen, nicht ganz wohl."
»Ja, ja — ich will es rund heraus sagen; denn darum bin ich ja hergekommen. Der böse Mensch, der den Stein nach Ihnen geworfen hat — es — es ist mein Bruder gewesen; aber ich schwöre, daß er nicht die Absicht gehabt hat, Sie zu treffen." , ,
Edithas Gesicht wurde streng und hart. Mit einer be< fehlenden Geberde erhob sie die Hand.
„Mich oder einen Anderen — das Verbrechen wird da- durch nicht geringer. Gehen Sie! — Ich wünsche mit Ihnen und Ihrer Familie nichts mehr zu schaffen zu haben."
Statt der Weisung zu gehorchen, fiel Agnes Mehnert neben dem Ruhebett in die Knies und streckte Editha flehend die gefalteten Hände entgegen.
„Ach, wenn Sie wüßten, wie er seine schlechte That bereut — wie verzweifelt er ist — Sie würden mich gewiß nicht fortschicken, ohne daß Sie mich angehört hätten. Er will sich ja auch aus freien Stücken den Gerichten stellen — heute noch I Und er meinte, wenn sie ihm den Kopf abschlügen, so würde es ihm auch recht sein; denn er glaubt ja nicht anders, als daß er da» gnädige Fräulein getödtet oder doch schwer verwundet hätte."
„Es war gewiß nicht sein Verdienst, wenn ich gnädiger davon gekommen bin. Erwarten Sie nun etwa von mir, daß ich ihn davon zurückhalte, sich der verdienten Bestrafung zu überliefern?"
„Nein — nein! — Sie sollen nur nicht gar zu schlecht von uns denken und sollen nicht glauben, daß wir jemals vergessen könnten, wie viel Gutes Sie uns gethan."
„Die Art, in welcher Ihr Bruder seine Dankbarkeit da an den Tag gelegt hat, ist nicht gerade sehr überzeugend. Daß er nicht die Absicht hatte, mich zu treffen, kann ich mir wohl denken; denn ich hatte ihm allerdings sehr wenig Veranlassung gegeben, mich zu Haffen. Aber wenn der Wurf Herrn Neukamp zugedacht war, so ist die Erbärmlichkeit der Gesinnung, welche sich in seiner Handlungsweise offenbart, gewiß keine geringere. Er hatte guten Grund, Herrn Neukamp als seinen Wohlthäter zu betrachten, und ihm am wenigsten stand es zu, sich in solcher Weise an der aufrührerischen Bewegung gegen den Mann zu betheiligen, der ihn und seine Angehörigen vor dem Elend bewahrt hätte."


