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durch Ihr Schlafzimmer, vorausgesetzt, daß Ihre Frau Ge- mahltn nichts dagegen einzuwenden hat- Aber ich rathe Ihnen noch einmal: Suchen Sie den Doctor Hallenstein an den Angel« haken zu bekommen, wenn nicht Ihr schönes Geld zum Teufel sein soll."
Er schüttelte dem Patriarchen die Hand und verließ auf dem von ihm bezeichneten Wege die Wohnung. Als das An« schlagen der Glocke verkündet hatte, daß die Entreethür hinter ihm zugefallen war, ließ Ignaz Barteck den Doctor Hallen« stein in das Wohnzimmer bitten.
Der junge Arzt sah blaß und übernächtig aus, wie nach einer besonders schweren Kneipsitzung, und der sorglos heitere Ton, in welchem er den ehrwürdigen alten Herrn begrüßte, klang etwas unnatürlich und forcirt.
„Schlechte Zeiten, lieber Herr Barteck," sagte er, indem er sich wie ein guter alter Bekannter neben den Hausherrn auf das Sopha setzte. „Nicht einmal in der Lotterie gewinnt man mehr, wie rechtschaffen man sich auch darum bemühen mag. Am Ende, so sauer es ist, bleibt einem doch nichts Anderes übrig, als zu heirathen."
Herr Ignaz Barteck nickte gütig.
„Ein guter Gedanke, Herr Doctor, den Sie längst hätten zur Ausführung bringen sollen- Wenn man jung und hübsch ist wie Sie, kann es ja am Ende so schwer nicht sein, eine glänzende Parthie zu machen."
„Danke für die gute Meinung! — Sie glauben also, daß ich rasch zum Ziele kommen werde, wenn ich mich ernst« lich ins Zeug lege?"
Der Patriarch begriff die Bedeutung dieser diplomatischen Frage und trat als ein vorsichtiger Mann den Rückzug an.
„Glauben, lieber junger Freund — glauben kann ich natürlich nur, was ich sehe, denn die Frauen sind unberechenbar, und ich für meine Person habe mich niemals besonders gut auf sie verstanden. — Aber ich hoffe, daß Sie einen guten Erfolg haben werden, und ich wünsche es Ihnen aufrichtig, wie ich meinen Bekannten stets das Allerbeste wünsche."
„Sie sind ein Menschenfreund — ich weiß es! — Und da Sie sich, wie ich zu meiner Freude sehe, ein wenig für mich interessiren, werden Sie mir auch die kleine Bitte nicht abschlagen, mit der ich heute zu Ihnen komme. Sie müssen meinen Wechsel noch einmal um drei Monate prolongtren, Verehrtester — zum letzten Mal, wie ich Ihnen auf mein Wort versichern kann."
Ignaz Barteck sah zwar immer noch sehr gütig und wohlwollend aus, aber er wiegle mit einer Geberde des Bedauerns das silberhaarige Haupt-
..Unmöglich, Herr Doctor, — leider ganz unmöglich! — Die Zeiten sind zu schlecht und das Geld ist zu knapp! — Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich selber mich in der allergrößten Verlegenheit befinde. Gestern schon wollte ich Ihr Accept, wenn auch mit empfindlichem Verlust, weiter begeben, um mir etwas Geld darauf zu verschaffen, und heute werde ich mich nun wohl in der That schweren Herzens dazu entschließen müssen."
Das heitere Lächeln verschwand von dem Gesicht des jungen Arztes und machte einem Ausdruck banger Sorge Platz.
„Aber das ist gegen die Verabredung, Herr Barteck," sagte er, unruhig auf seinem Sitze hin und her rückend. „Sie versprachen mir ausdrücklich, daß der Wechsel bis zum Fälligkeitstage in Ihren Händen bleiben würde."
„Was wollen Sie, junger Freund — Roth bricht Eisen, wie das Sprüchwort sagt; sollte sie da nicht 'mal ein gegebenes Versprechen brechen können? — Und dann: haben nicht auch Sie mir wiederholt versprochen, daß Sie Ihren Wechsel pünktlich einlösen würden? — Und kommen Sie nicht heute, um mir zu sagen, daß Sie auch diesmal außer Stande seien, Ihr Wort zu halten?"
„Freilich! — Aber ich verlange ja nicht, daß Sie mir ohne Entgelt gefällig sein sollen. Ich bin bereit, Sie in freigebigster Weise zu entschädigen, wenn Sie mir ein neues Darlehen von tausend Mark und für das alte einen Aufschub von
drei Monaten gewähren. Ich gebe Ihnen dafür mit Vergnügen einen neuen Wechsel über sechstausendfünshundert Mark."
Der Patriarch wurde plötzlich sehr ernst.
„Was fällt Ihnen ein, junger Mann? — Halten Sie mich etwa für einen Wucherer? — Und wenn Sie mir auch eine Belohnung von zehntausend Mark versprächen, ich könnte es doch nicht thun. Wie ich Ihnen schon sagte: ich bin selber um tausend Thaler in großer Verlegenheit."
Doctor Hallenstein stand auf und begann im Zimmer umherzugehen. Seine Gemüthsstimmung war ersichtlich - die denkbar schlechteste, und es wurde ihm gewiß nicht leicht, sich so tief zu erniedrigen, wie es der Fall war, als er sagte:
„Aber selbst, wenn es so wäre — was ich Ihnen, offen gestanden, nicht recht glaube, lieber Herr Barteck, — welchen Nutzen könnten Sie davon haben, das Papier heute zu ver« werthen, wenn Sie es doch nach acht Tagen selber wieder einlösen müßten? — Und ich sage Ihnen voraus, daß dies der Lauf der Dinge sein würde; denn ich selbst — daran läßt sich nun leider nichts ändern — bin zur Zahlung gänzlich außer Stande."
„Um so schlimmer für Sie! — Ich bin ein gutmüthiger Mensch — viel zu gutmüthig für einen Geschäftsmann, und Sie werden mir zugeben müssen, daß ich Sie bisher immer mit der größten Nachsicht und Geduld behandelt habe. Aber ich weiß nicht, in welche Hände der Wechsel nun gerathen wird und ob auch der neue Inhaber Lust dazu haben wird, so viel Rücksicht zu nehmen. Sie werden sich darauf gefaßt machen müssen, mein lieber junger Freund, daß das Papier im Falle der Nichtzahlung Ihrem Herrn Vater zu Gesicht kommt."
„Das wäre eine abscheuliche Handlungsweise, um so abscheulicher, als Sie mir wohl einige Unannehmlichkeiten und meinem Papa eine große Aufregung — dem Inhaber des Wechsels aber nicht einen Pfennig von seinem Gelbe einbringen würde. Denn selbst wenn mein Vater Willens wäre, für mich einzutreten, wozu er ja, wie Sie wissen, nicht die geringste rechtliche Verpflichtung hat, würde er gerade in diesem Augenblick völlig außer Stande sein, eine so erhebliche Summe zu bezahlen. In einigen Monaten wäre das Alles ganz ander». Ich hoffe bestimmt, in längstens sechs Wochen meine Verlobung mit einer sehr wohlhabenden jungen Dame publiciren zu können und ich würde dann Credit genug haben, um innerhalb vierundzwanzig Stunden den zehnfachen Betrag Ihres Guthabens aufzubringen."
„Und der Name dieser jungen Dame? — Wäre es in« discret, sich nach ihm zu erkundigen?"
„Freilich wäre es das! — Ueber solche Dinge spricht man nicht, bevor sie zur vollendeten Thatsache geworden sind — selbst nicht zu einem so ehrenwerthen Manne, wie Sie, mein lieber Herr Barteck, es in meinen Augen sind."
„Ich verdenke Ihnen das nicht — so wenig, als Sie es mir verdenken, daß ich auf bloße Zukunftsmusik •*- und wenn es auch lauter Flöten und Cymbeln wären — nicht einen Pfennig gebe. — Ja, wenn Sie mir eine wirkliche, eine greifbare Sicherheit bieten könnten!"
Es war etwas Ermuthigendes im Klange dieser letzten Worte, das den bedrängten Doctor wie in neuer Hoffnung aufhorchen ließ.
„Eine Sicherheit?" fragte er. „Welcher Art soll dieselbe sein? — Wollen Sie, daß ich Ihnen schriftlich mein Ehrenwort verpfände?"
Herr Ignaz Barteck machte eine ablehnende Bewegung.
„Was thu' ich damit, Herr Doctor? — Sie sind ja kein Offizier! — Nein, es müßte etwas Solideres fein, etwas, das mich wenigstens in meinem Gewissen vor dem Vorwurf bewahrt, aus Freundschaft für Sie wie ein leichtfertiger Verschwender gehandelt zu haben. Sie müssen mir einen Bürgen bringen, einen achtbaren, zahlungsfähigen Mann, der seinen Namen mit auf den neuen Wechsel setzt."
(Fortsetzung folgt.)


