Nnterchaltrrngsblatt sum Gietzenev Anzeiaev (Geneval-Anzeigev)
1893
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Samstag, den 22. Juli.
Der Staatsanwalt.
Novelle von Wolfgang Hellmuth.
(Fortsetzung).
IV.
Es machte einen besonderen Ehrgeiz der Privatiers Ignaz Barteck aus, für seine Freunde stets ein gutes Glas Wein und eine vorzügliche Cigarre in Bereitschaft zu haben. Zwar konnte er sich's niemals versagen, bei den Cigarren den Preis und bei dem Wein die Anzahl der Flaschen zu nennen, die er davon noch im Keller habe; aber die Auserwählten, welche von dem alten Herrn mit diesen Genüssen bedacht wurden, durften sich jene etwas plebejische Gewohnheit um der werthvollen Freundschaft des Herrn Ignaz Barteck willen immerhin recht wohl gefallen lassen.
Denn es war jedenfalls ungleich besser, ihn zum Freunde, als zum Widersacher zu haben. Die zahlreichen Acten glücklich erledigter Processe, welche er mit der liebevollen Sorgfalt eines Sammlers in seinem Schreibtisch aufbewahrte, gaben Zeugniß davon, daß es wahrlich nicht gut sei, in Unfrieden mit ihm zu leben.
Und doch konnte man sich kein gütigeres Antlitz vorstellen, als das rostge, wohlgenährte Antlitz des silberhaarigen, alten Herrn — kein menschenfreundlichere» Lächeln als das seinige und keine weichere Gemüthsart als die, welche er bei jeder Gelegenheit in Worten und Mienen an den Tag legte.
Herr Ignaz Barteck galt für einen wohlhabenden Mann; über den Ursprung seines Vermögens aber waren bei seinen Bekannten — je nachdem ob sie zu seinen Freunden oder zu seinen Feinden gehörten — sehr verschiedenartige Erklärungen im Umlauf. Während die Ersteren mit einem Ausdruck der Hochachtung davon sprachen, daß er es aus eigener Kraft durch Fleiß und Sparsamkeit vom Hausirer, der Thür für Thür bescheidentlich nach alten Kleidern und abgelegten Cy- linderhüten gefragt, bis zum reichen Rentier gebracht, machten die Anderen, sobald von der Wohlhabenheit des ehrwürdigen Herrn Barteck die Rede war, ein bitterböses Gesicht und sprachen wohl gar mit einer eigenthümlichen Handbewegung über die Kehle hin von Cravattenfabrication und schamloser Halsabschneiderei.
Wahrscheinlich hatten sie Unrecht, denn wenn auch der alte Herr gar kein Geheimniß daraus machte, daß er noch hier und da zu seinem Vergnügen ein kleines Geschäftchen ab- Meße, so mußten diese Geschäfte doch wohl von durchaus
unverfänglicher und harmloser Natur sein. Die Criminal polizei, die unter Umständen nicht einmal vor dem Silberhaar eines Patriarchen Respect empfindet, hatte auf verschiedene Denunziationen hin schon wiederholt eine genaue Prüfung seiner Bücher vorgenommen; aber sie hatte noch nicht ein einziges Mal Gelegenheit gefunden, auf Grund der Wuchergesetze gegen ihn einzuschreiten, und der alte Herr mit dem gütigen Lächeln und dem menschenfreundlichen Gesicht hatte jedes Mal glorreich über die schändlichen Verleumder triumphirt. Er würde sicherlich Jeden, der es gewagt hätte, ihn einen Wucherer zu nennen, wegen schwerer Ehrenbeleidigung vor die Schranken des Gerichts gefordert haben, denn er, der in der Hausir- Periode seines Lebens so manches unsanfte Schimpfwort und so manchen noch unsanfteren Fußtritt geduldig hatte hinnehmen müssen, war in keinem anderen Punkte von so feiner Empfindlichkeit, als gerade in diesem.
„Also Sie rathen mir, unverzüglich mit der Pfändung vorzugehen," fragte er eines Vormittags, behaglich in die Ecke seines bequemen Sophas zurückgelehnt, den Doctor Julius Stirner, der ihm gegenüber am Tische saß und seine Aufmerksamkeit zwischen einem Actenstück, einer Flasche Rauen- thaler und einer duftigen Garcia ziemlich gleichmäßig theilte. „Dazu war ich allerdings schon vorher fest entschlossen; denn aus dem Manne ist doch wohl nichts mehr herauszuholen, und es heißt jetzt: Zugreifen — damit mir von dem kleinen Profit, den ich bei dem Geschäft gehabt habe, nicht noch ein Theil verloren geht. Die Wirthschaft wird ja nicht viel einbringen, denn man weiß, wie solche Sachen bei den Auctionen oft unter dem zehnten Theil ihres Werthes verkauft werden; aber es sind auch noch ein paar fertige Bilder da, die der arme Teufel nicht hat an den Mann bringen können und für die ich schon einen Liebhaber finden werde. Denn er ist ein talentvoller Mensch, das ist keine Frage, und es ist eigentlich schade, daß er so jämmerlich zu Grunde gehen muß. Seine Frau war gestern hier und hat mir, da man sie versehentlich hereinließ, eine große Scene gemacht, mit Fußfall und dergleichen. Bei der Gelegenheit erfuhr ich überhaupt erst von dem Vorhandensein der Bilder, denn sie war dumm genug, es mir zu verrathen. Sie wollte nur vierzehn Tage Stundung haben, und ich habe sie ihr natürlich versprochen, denn ich bin zu weich, als daß ich Thränen sehen könnte, und es gab auch gar kein anderes Mittel, sie los zu werden. Hinterher schickte ich selbstverständlich den' Gerichtsvollzieher hin und ließ auf Grund des bereits vorhandenen Pfändungsbefehls die Bilder in Beschlag nehmen. Sie werden sich nicht wenig über ihre eigene Dummheit geärgert haben I — Aber es wird ihnen eine heilsame Lehre sein. Sie werden für die Zukunft wissen, daß


