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Von der vorletzten Station her näherte sich ein Bauern» Gespann dem Gute Edenheim. Ein Herr saß neben dem
Knecht, welcher ihn fuhr. Eine Viertelstunde von dem Herren-
Hause entfernt ließ der Herr halten, gab dem Knechte ein
Trinkgeld und schritt zu Fuß seinem Ziele zu, während der
Wagen wieder nach Hause fuhr.
Der Fremde ging auf Umwegen näher und fragte einen daherkommenden Arbeiter, ob die Herrschaft daheim sei.
„Das Fräulein ist nach der Stadt."
„Dann ist der Herr Steindorf vielleicht anwesend?
„Nee, der war schon da, ist aber vor zwei oder drei Stunden auch nach der Stadt geritten."
„Mit dem Fräulein?"
hervor.
Auch Armgard war noch bläffer geworden, ihr Gesicht glich einer Todtenmaske, während ein eisiger Schauer durch ihre Adern rieselte. »
„Sie wollen meinen Wunsch nicht erfüllen?" fragte sie mit Anstrengung. „Fürchten Sie vielleicht einen rothen Strich?"
„Verdammt sei dieses Wort," knirschte er, die Hand wie zum Schlage erhebend. Dann lachte er laut auf. „In diesem Hause scheint Ihr Verstand gelitten zu haben, meine Theuerste!
erstaunt als unruhig.
„Ich finde, daß der Kinnbart Sie ganz abscheulich entstellt," fuhr sie rasch, mit fester Stimme fort, „und bitte Sie, denselben mit dieser scharfen Scheere sofort wegzuschneiden."
Steindorf, der eher auf alles Andere als auf ein solches Ansinnen gefaßt war, wurde bleich bis an die Lippen und trat dann mit einer drohenden Bewegung auf sie zu.
„Das ist einfach Tyllheit, mein Fräulein I" stieß er heftig
hörte Alles wie im Traum, bis der Arzt sich wieder zu ihr wandte.
„Fühlen Sie sich gestärkt genug, mein Fräulein, das Zimmer zu verlassen?" fragte er, besorgt ihren Puls fühlend.
„Herr Steindorf ist unten," meldete ein Mädchen, „er läßt anfragen, ob Fräulein Holten wieder wohl genug fei, mit ihm nach ihrem Haufe zurückzukehren."
Armgard blickte den Arzt an.
„Ich fühle mich noch zu schwach dazu," sagte sie, „möchte aber einige Worte mit Herrn Steindorf sprechen. Haben Sie vielleicht auf fünf Minuten ein Zimmer disponibel, Herr Doctor?"
„Ich biete Ihnen das meinige an, gnädiges FräuleinI' versetzte der Arzt, achtungsvoll ihr seinen Arm reichend, welchen sie, sich rasch erhebend, ohne Zögern annahm und mit ihm das Krankenzimmer verließ.
„Ich werde jetzt Herrn Steindorf, den ich vom Ansehen kenne, selbst benachrichtigen und hierher bringen," fetzte der gefällige Arzt, sich verbeugend, hinzu, indem er seine Zimmer- thür öffnete und sie mit einer höflichen Bewegung zum Eintreten einlud.
Armgard raffte jetzt ihren ganzen Muth zusammen, um den Anblick des Entsetzlichen zu ertragen. Sie erwog bei sich, daß es strafbar sei, das Wort einer geistig Gestörten ohne Weiteres für Wahrheit zu halten und war entschlossen, sich jetzt die Gewißheit zu verschaffen um jeden Preis. Ein Plan war wie ein Blitzstrahl durch ihr Gehirn geschossen, und dann? — Wenn Tante Hanna wahr gesprochen, sollte sie ihn dem Richter überliefern? — Sie hatte keine Zeit mehr, sich diese furchtbare Frage zu beantworten, da im selben Augenblick geklopft wurde und Julius Steindorf eintrat.
Armgard wollte sich entschlossen aufrichten, doch zitterten | ihre Kniee so heftig, daß sie sich wankend aufs Sopha niederlassen mußte.
„Theuerste!" rief Steindorf, auf sie zueilend und sofort vor ihr auf die Kniee niedersinkend. „Ist es denn wahr, was jener Doctor mir gesagt? Kann es möglich sein, daß Deine Hand das Abscheuliche niedergeschrieben, was uns trennen und mich vernichten soll?"
Diese theatralischen Worte beseitigten Armgards Furcht und Schwäche und erfüllten sie mit Widerwillen und Abscheu.
„Stehen Sie auf, mein Herr!" sprach sie kalt. „Ich habe mit Ihnen nur wenige Worte zu reden."
Ueberrascht erhob er sich, ein unruhiges Gefühl überkam ihn und stechend hefteten sich seine Augen auf ihr bleiches Antlitz, das in diesem Moment den früheren Ausdruck ruhiger Entschlossenheit und Würde wieder erhalten hatte- Sie senkte den Blick und bemerkte auf dem vor ihr stehenden Tisch eine spiegelblanke Scheere, welche einer daneben liegenden Verbandtasche entnommen zu sein schien.
„Zuerst möchte ich Sie bitten," begann sie, die Scheere ergreifend, „mir einen krankhaften Wunsch, eine Laune oder Grille, wie Sie es nennen mögen, zu erfüllen."
„Von Herzen gern, theuerste Armgard," erwiderte er mehr
Steindorf hatte den Arzt benachrichtigt, daß Fräulein Holten seiner bedürfe und sich dann mit ernstem Antlitz und der gewohnten eleganten Haltung ohne Eile entfernt. Als er jedoch aus dem Bereich des Krankenhauses war, beschleunigte \ ec seine Schritte, um nach dem Holten'schen Hause zurückzu- gelangen, wo Stallung genug für sein Pferd sich befand.
„Haben der Herr das Fräulein gefunden?" fragte bte alte Frau Lorenz, welche ihm mitgetheilt, wohin Armgard sich wahrscheinlich begeben habe.
„Ja, sie ist noch im Krankenhause," erwiderte er, „war unwohl geworden."
Der alte Hausmeister mußte sem Pferd vorfuhren, während er eiligst ein Glas Wein trank, dann einen Blick auf seine Uhr warf und fortritt.
„Der Herr Steindorf hat's za schrecklich eilig," meinte der Alte, „was mag denn passtrt sein?"
„Unser armes Fräulein ist unwohl geworden, weshalb I ging sie auch nach dem Krankenhause? — Mußt Dich doch erkundigen, Vater!" ,r. , ,
„Ei, Du lieber Gott, da will ich ia gleich hingehen," ries der Alte erschrocken, „gib mir meine Mütze, Mütterchen!"
Er ging nach dem Krankenhause, wo ihm die niederschmetternde Mittheilung wurde, daß Fräulein Holten gesähr- lich erkrankt und an eine Uebersiedelung nach ihrem Hause
I oder gar nach Edenheim gar nicht zu denken sei.
Während Steindorf sein Pferd zu einer so rasenden Eile anzutreiben suchte, daß die auf der Landstraße ihm begegnenden Leute entsetzt zur Seite wichen, als stürme der leibhaftige Gottseibeiuns an ihnen vorüber, brauste ein Bahnzug heran, welcher sein Verderben mit sich führte.
Er ließ, um sich und dem schaumbedeckten Thiere einige Augenblicke Erholung zu gönnen, dasselbe in Schritt fallen, zog die Uhr und starrte erschreckt auf den Zeiger.
„Der Zug muß bei der vorletzten Station sein, murmelte er mit einem tiefen Athemzug und horchte dann aufmerksam nach einem fernen Ton. Richtig, sein geschärftes Ohr ; vernahm das Klappern der Räder, jenen eigenthümlichen Klang, welcher bald lauter, bald leiser aus weitester Ferne sich schon bemerkbar macht. Der Zug fuhr der Stadt zu, hatte sonnt : die letzte Station bereits hinter sich. „Bah," murmelte Stein- dorf wieder, sich die Stirn trocknend, „der fährt nach der > Stadt und der Andere —"
, Er versetzte dem Roß einen so heftigen Schlag, daß er einen Seitensprung machte und dann wie toll davon stürmte.
Sie find kränker, als Sie selber es ahnen. Ich will den Arzt benachrichtigen." ,, L
„Noch ein Wort!" gebot Armgard, sich erhebend. „Ich will Ihre Anklägerin nicht werden. Doch hüten Sie sich, Tante Hanna hat ihr Gedächtniß wieder erlangt und wird den Namen des Mörders und Diebes nennen, welcher in jener Gewitternacht sie mit einem Hammer niedergeschlagen hat. Ich will nicht fragen, wer den Mann und das Kind im Hohlwege erschossen und das Attentat im Gebirge —
Sie brach ab und starrte ihn an, wie er mit erdfahlem, verzerrtem Gesicht beide Hände gegen sie ballte und sich der Thür zuwandte. Dann sah sie nichts mehr, da ihr Bewußtsein geschwunden war.
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