Ausgabe 
21.12.1893
 
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gerichteten Blicken die Worte heraus:Du allein hast unfern Theophil hinausgetrieben." Das Geschäft hatte er bald nach dem Fortgang feines Sohnes verkauft, er verließ das Haus, wo ihn Alles an den Verlorenen erinnerte und zog hinaus vor das Thor, dort, so hoffte er, würden die quälenden Gedanken nicht so oft kommen.

Doch, wenn auch die Ortsveränderung und die Zeit die Wunde hatten vernarben laffen, ganz geheilt war sie nicht und zuweilen brach sie mit um so größerer Heftigkeit auf, wie dies auch heute der Fall.

Was wird wohl Dein Sohn machen? Diese Frage war es, die sich ihm jetzt bei der Wanderung durch das Gemach zum so und sovieltsten Male aufdrängte. Weilt er noch unter den Lebenden, kämpft er vielleicht mit Roth und Elend, mäh- rend der Reichthum der Eltern nutzlos in der Truhe ruht, oder ist das Glück ihm hold gewesen und er denkt nun nicht mehr an die Eltern, die vergehen vor Gram und Weh?

Draußen vor den Fenstern auf der Straße wurde mit eitlem Male ein ungewöhnlicher Lärm hörbar. Northmann trat an das Fenster, doch konnte er nur so viel in dem Dunkel unterscheiden, daß sich verschiedene Leute um irgend einen Gegenstand angesammelt. Seine Gattin war durch dieses Ge- räusch gleichfalls aus ihrer dumpfen Lethargie, in welcher sie bisher verharrt, aufgeschreckt und hatte sich halb aufgerichtet in dem Seffel.

Was muß nur da draußen los sein, Vater?" unterbrach sie das Schweigen.

Ich will einmal Nachsehen," entgegnete Northmann und verließ das Zimmer.

Nur wenige Schritte war er vor die Hausthür gegangen und er befand sich bei einer Gruppe Leute, die sich um einen Menschen bemühten, der wie leblos auf dem hartgefrorenen schneebedeckten Boden lag und anscheinend kein Lebenszeichen von sich gab. Zu einer früheren Zeit würde der ehemalige Hausherr sich kühl abgewandt und die Fürsorge um den Men­schen Anderen überlaffen haben, ohne sich weiter darum zu be­kümmern, ob hier vielleicht seine Hilfe *am Platze und ohne dem Gebot der Nächstenliebe Folge zu leisten- Anders heute, nachdem die Eiskruste, die sein Herz ehemals umgab, durch die ihn betroffenen Schicksalsschläge geschmolzen und er sich mehr um das Wohl und Wehe seiner Mitmenschen kümmerte, geleitet von dem Gedanken, daß sein in der Ferne weilendes ein­ziges Kind vielleicht auch einmal auf die Hilfe Anderer an­gewiesen.

Er wandte sich an einen der zunächststehenden Männer um Auskunft über den Vorgang und erfuhr nun, daß vor einigen Minuten der hier am Boden liegende Mann, der von einem kleinen Knaben begleitet, der jetzt weinend neben der leb­losen Gestalt stand, hier auf dieser Stelle plötzlich umgesunken und es bis jetzt noch nicht möglich gewesen sei, ihn zum Be­wußtsein zurückzurufen.

Kaum hatte Northmann diese Worte vernommen, als er den Kreis der Neugierigen auseinandertheilte und mitten unter sie trat.

Schafft den Mann hier in's Haus," redete er die Leute in befehlendem Tone an,denn wenn noch irgend welches Leben in dem Unglücklichen ist, so kann dies durch längeres Liegen hier auf dieser Stelle vollends vernichtet werden."

(Schluß folgt.)

Veviirifchtes.

Der Brief das Christkindl. Die Wiener Deutsche Ztg." erzählt: Die beiden jungen Damen, die auf dem Sopha aneinandergeschmiegt saßen, hatten offenbar sehr wichtige Dinge zu besprechen. Denn im Flüstertöne hatte die Couversation begonnen und hatte sich dann allmälig zu einem

ziemlich lebhaften und erregten Dialog entwickelt. Auf der einen Seite eindringliches Zureden oas war Fräulein Me­lanie B. auf der andern von lautem Schluchzen unter- brochenes Sträuben das war Fräulein Gabriele W., die Tochter des Hauses.Nie und nimmermehr I So weit werde ich meinen Stolz nicht vergessen. Soll ich vielleicht um seine Liebe betteln? Wenn er nicht Augen hat, zu sehen, so ist das nur ein Beweis dafür, daß ihm nichts an mir liegt. Dar kann ich übrigens schon daran erkennen, daß er immerfort hinter der S. her ist, hinter der koketten Person. Nein, dar erlebt er nicht." Sie hatte sich so in Eifer geredet, daß sie gar nicht bemerkte, wie ihr Schwesterchen, die kleine Ida, die im Erker auf dem weißen Bärenfell eingeschlummert war, sich rührte und pfiffig vor sich hinblinzelte. Eine halbe Stunde später saß Ida int Kinderzimmer und malte auf ein Blatt, das offenbar aus einem Schulheft herausgeriflen war, mit glühen­dem Eifer und gewaltiger Tintenverschwendung große Buch­staben. Da kam gerade Vetter Gustav, der Papas Buchhalter war und vielleicht sein Compagnon werden konnte, wenn ja, wenn er nicht der schwarze Bösewicht wäre, von dem eben im Salon die Rede war-Was thust Du da, Kind?" Ich schreibe einen Brief." Dabei machte sie gerade unter die Unterschrift einen großen Klecks als Schlußpunkt.Geh', Gustav, schreib' mir die Adreffe!" Mit Vergnügen, an wen geht's denn?"Schreib'nur: Wohlgeboruen Christkindl ja, wie soll man eigentlich schreiben? Am Hof oder int Him­mel?"Natürlich int Himmel I"Also gut. Aber Gustav, Du mußt mir noch einen Gefallen thun. Borg' mir fünf Kreuzer."Aha, für die Marke! Schon wieder Alles ver­nascht? Na, gib nur her, ich werde den Brief schon in'S Kastel werfen!"Du Gustav, aber nicht vergessen I" Er lachte und ging. Draußen aber faltete er das Briefchen auseinander der vorwitzige Mensch und las:Libes Kristkintl! sei so gut und schenk doch der Gabi zu Weihnachten den Gustav. Sie hat in so lib und er is so grauslich mit ihr. Und sag im, die Gabi ist tausendmal schöner als die S-; die hat neilich bei uns ire halbe Frisur verloren und dan kan sie ihre Zäne aus dem Mund heraus nenten und die von der Gabi sind fest­gewachsen. Und vergiß auch nicht auf deine Ida!"So steht die Geschichte?" rief Gustav aus.Das hätte ich früher wissen sollen." Und stracks steckte er den Christkindlbrief in die Rocktasche und rannte eiligst in den Salon. Die gute Ida hatte darauf einen sehr großen Aerger- Als sie in den Salon trat, stand der Gustav, der kecke Mensch, da und hielt die Gabi int Arme.Aber Gustav, was thust Du?!" platzte sie heraus.Aber Jdchen, ist Dir denn das nicht recht, daß ich die Gabi lieb habe?"Ja, aber was wird denn das Christkindl sagen? Das wird ganz böse, daß ich's zum Narren gehalten habe."Ah! Du meinst wegen des Briefes?" Jetzt machte sie aber ein ganz empörtes Gesicht.Du hast ihn am Ende gar gelesen?" Er gestand lachend ein. Nein, die Gabi hat wirklich Recht. Du bist ein abscheu­licher Mensch. Jetzt kann ich wieder etwas Anderes wünschen" es klang ganz weinerlichund noch einmal einen so langen, großen Brief schreiben." Und sie lief schmollend au» dem Zimmer.

Auch ein Vortheil.Man hat doch," klagte kürzlich ein Theater-Director einem Collegen,den ganzen Tag keine Ruhe, bald kommt Der, bald Jener."Ja," antwortete der College,wenn ich a Bissel Ruh' haben will, setz' ich mich an die Kasse, da hab' ich gleich welche."

Zarte Anfrage. Dame:Sagen Sie mal, würden Sie je des Geldes wegen heirathen, Herr Baron?" Herr: Wie viel haben Sie denn?"

*

Poetisch.Also diese Stiefel waren die letzte Arbeit Ihres verstorbenen Vaters?" Schusterstochter:Ach ja, sie waren fein Schwanengesang!"

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.