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Hause brannte kein Christbaum, finster, wie in einsamer Trauer lag er da, nur nanchmal blinkten die Scheiben im flackernden Lichte einer Laterne. Drinnen in dem einen Zimmer schien ebenso wenig Weihnachtsfreude zu herrschen, wie dieselbe sich durch Lichterglanz nach außen kundgab. Unweit de» offenen Kamins, in dem ein offenes Feuer loderte und zuweilen einen blutrothen Schein über.den tepptchbelegten Fußboden warf, faß eine alte Dame, ihr von weißem Haar umrahmtes Gesicht tief in die Lehne des Sessels zurückgebogen, die Augen wie zum Schlummer geschlossen.

In dem Gemach ging mit gleichmäßigen Schritten, deren Schall indeß durch die weichen Teppiche abgeschwächt wurde, ein Mann auf und nieder. Die Hände auf den Rücken gelegt, da« silberhaarige Haupt auf die Brust vornübergebeugt, so durch­wanderte er den Raum. Rur zuweilen, wenn er in die Nähe des Kamins kam und der rothe Schein des Feuers seine Gestalt streifte, war es möglich, die unklaren Umrisse seiner Gesichts« züge zu erkennen; die hohe Stirn, die scharfgeschnittene, leicht­gekrümmte Adlernase und das massive, glattrasirte, etwas vor­stehende eckige Kinn verliehen dem Ausdruck des Gesichtes etwas Harter, Unbeugsames, man konnte auf den ersten Blick er­kennen, einen Mann vor sich zu haben, zu dessen Hauptvor­zügen fester, unbeugsamer Wille und Energie gehören. Ein Blick aber in die grauen, trotz des Alters noch immer hellstrahlenden Augen, die jetzt in einem feuchten Schimmer erglänzten und aus denen sich hin und wieder eine Thläne stahl und über die von tiefen Furchen durchzogene Wange rollte, lehrte, daß trotz der äußeren rauh erscheinenden Hülle der Mann in sei- nem Innersten ein anderer war, oder es geworden durch irgend welche Umstände, die tief bewegt auf ihn eingewirkt. Welche Gedanken mochten wohl das Hirn des Mannes bei seiner ruhe- losen Wanderung in dem Gemach durchkreuzen? schweiften sie zurück in vergangene Zeiten, dachte er vielleicht an einst fröh­licher verlebte Weihnachtstage, was nun jetzt so ganz anders geworden. Gewiß, das Letztere war der Fall.

Julius Northmann, der Name des Mannes und die im Sessel am Kamin sitzende Matrone, feine Gemahlin, hatten nicht immer solche einsame, freudenleere Festtage verlebt, wie in den letzten Jahren seines Lebens. Einstmals Chef eines großen Handlungshauses in der kleinen Residenz, in welcher er auch jetzt noch lebte und den Nest seines Lebens zuzubringen gedachte, hatte nicht« zu seinem Glücke gefehlt. Wenn es ihm auch an- fang» schwer geworden war, aus kleinlichen Verhältnissen ohne sonderlich großes Kapital sich empor zu arbeiten, so waren doch alle seine Unternehmungen vom Glück begünstigt gewesen, seine junge thatkräftige Frau, mit der er alle Sorgen des Lebens getheilt, hatte ihn dabei, soweit e» in ihren Kräften lag, unter­stützt und schon nach wenigen Jahren stand die Firma Julius Northmann als eine der geachtetsten in der Stadt da.

Aber mit seinem Ansehen war auch sein Stolz gewachsen, er dachte nicht mehr an seine kleinlichen Verhältnisse zurück, selbst mit seinen Angehörigen unterbrach er jeden Verkehr und so kam es auch, daß er bezüglich seines einzigen Kindes, eines hübschen aufgeweckten, geistreichen Knaben, auf den er stolz war, allerlei hochfliegende Pläne hegte und dem Knaben schon früh­zeitig eine ganz verkehrte Lebensanschauung einzuprägen suchte, damit dieser, auf das von seinem Vater ererbte Geld pochend, sich über Andere, die nicht gleichen Reichthum wie er aufzu­weisen hatten, erhaben fühlen sollte. Was nun in dieser Rich­tung der Vater sündigte, suchte die Mutter einigermaßen wieder auszugleichen und da Theophil, so hieß der Knabe, von Natur ein gutes, leicht empfängliches Gemüth befaß, so kam es, daß der Einfluß der Mutter bei ihm die Oberhand behielt und er mit den Anschauungen seines Vaters in Gegensatz gerteth, was besonders später, als dann Theophil in das väterliche Geschäft eintrat, um sich dem Kaufmannsstande zu widmen, zum Durch­bruch kam. Ein besonderer Lieblingsgedanke Julius North- manns war, daß sein Sohn ein reiches Mädchen heirathen müsse, damit der bereits vorhandene Reichthum noch mehr ver­mehrt würde und er hatte sogar schon eine Wahl bezüglich seiner zukünftigen Schwiegertochter getroffen und mit diesem Geständniß hoffte er eine« Tage« seinen Sohn zu überraschen.

Daß derselbe in dieser Beziehung anderer Meinung sein könne, wie er selbst, daran dachte er nicht im Entferntesten und wenn dieser manchmal auch sonderbare Anwandlungen hatte insofern, daß er in seinem Verkehr nicht immer die nöthige Rücksicht nahm und mit einfachen Bürgersöhnen Freundschaft schloß und durchaus keinen Anflug von dem Stolz, wie er selbst besaß, u te'kmmte er sich doch nicht an den Gedanken gewöhnen, daß Theophil einstmals ein anderes junges Mädchen als das- Mige, welches ihm von seinem Vater bestimmt, als Gattin Umführen, noch viel weniger, daß seine Wahl auf ein armes Mädchen fallen würde.

nr Eines Tages, nach Schluß des Geschäftes - die anderen Angestellten des Hauses hatten die Geschäftsräume bereits ver­lassen erbat sich Theophil von seinem Vater eine Unter­redung und hierbei überraschte er ihn nun mit dem Geständ- niß, daß er seine zukünftige Gattin bereits gewählt habe, die Tochter eines geachteten, aber vermögenslosen Beamten. Julius Northmann brauste natürlich gewaltig auf, als er diese Worte aus dem Munde seines Sohnes vernahm, sah er doch dadurch seinen Plan gefährdet, doch Theophil, dem sonst ein Wunsch seines Vaters als Befehl galt, erklärte diesem rundweg, nur das Mädchen seiner Wahl und keine Andere nehme er zur Gattin.

Frau Northmann hatte zwar vorläufig durch ihr Da­zwischentreten Schlimmeres verhindert und auf die Zeit ver­tröstet, aber lange ging es nach diesem Auftritt doch nicht mehr und eine« Tages, als Vater und Sohn wieder hart aneinander geriethen und jeder unentwegt auf seinen, Standpunkte ver­harrte, da ließ sich Julius Northmann von seiner Leidenschaft soweit hinreißen, daß er beleidigende Worte über die Braut seines Sohnes gebrauchte und diesem selbst schließlich sogar das Hau» verbot. Dies war zu viel für Theophil und vertrauend auf seine Kraft, sein Wollen und Können, verließ er noch an demselben Tage mit nur geringen Baarmitteln das Elternhaus. Wohl wurde es ihm unendlich weh um's Herz, als er zum letzten Male den wohlbekannten Messinggriff des Thores faßte, als er den Giebel des Vaterhauses sah, der vom Sonnenstrahl vergoldet, herabwinkte, zum letzten Male ihn grüßend, doch so schwer es ihm auch wurde, das, was ihm von dem leiblichen Vater widerfahren, war zu viel, dagegen bäumte sich fein Stolz auf und ließ alle andern Rücksichten schwinden. Mit ihm ver­ließ auch das junge Mädchen, um deretwillen er dies Alles ertrug, die Stadt und kein Mensch wußte, wohin sie sich be­gaben.

Anfangs wollte es Julius Northmann gar nicht glauben, daß es Theophil wirklich ernst mit feinem Fortgang war, er hoffte noch immer auf seine Rückkehr; doch Tage, Wochen, Monate vergingen, er kehrte nimmer wieder. Da stellte sich auch die Reue ein, erst selten und leise, dann öfter und drin­gender pochte sie an. Oft stand er stundenlang unthätia an seinem Pulte und starrte hinüber zu dem Platze, den sein Sohn einst innegehabt und der nun verwaist war, und nicht selten verwünschte er seinen Hochmuth, der ibn zu dieser Heftigkeit verleitet; er wurde anderen Sinnes und schaute nicht mehr mit jener Geringschätzung auf Diejenigen herab, deren Reich­thum nicht auf der gleichen Stufe stand, wie der seinige, und mit Freuden würde er seine Einwilligung zu der Heirath des Sohnes gegeben haben, wenn dieser nur reumüthig zurückgekehrt wäre. Er zog Erkundigungen ein, wohin sich sein Sohn ge­wandt, doch vergebens; nur bis zu einem Hafen der Nordsee ließ sich die Spur der beiden Verschwundenen verfolgen, selbst Bekanntmachungen in Blättern hatten keinen Erfolg. Die Beiden waren und blieben verschwunden.

So manche Nacht hatte er schlaflos zugebracht, von banger Sorge gequält und mehr als einmal des Tages mußte er dessen gedenken, den er durch feine Heftigkeit und starren Sinn hinaus- getrieben in die Ferne. Ja, die Reue und der Gram, sie nagten an seinem Herzen und ließen ihm Tag und Nacht keine Ruhe, darum war er auch schneller gealtert, und wie es bei ihm der Fall, wie der Schmerz an seinem Lebensmark zehrte, so erging e» auch seiner Gattin. Wenn sie ihm auch direct keine Vor­würfe machte, so la« er doch stet» in ihren stummen, auf ihn