und durch ehrenhafter Character," erwiderte Johanna und die ganze felsenfeste Ueberzeugung der Liebe sprach aus ihren Worten.
Ein Halten des Zuges und das Einsteigen anderer Reisenden unterbrach die Unterhaltung. Bald darauf waren sie am Ziel ihrer kurzen Fahrt und Johanna betrat klopfenden Herzens das Elternhaus.
Die Schwester Helene kam ihnen mit dick verweinten Augen entgegen.
„Es ist gut, daß Ihr noch heute Abend gekommen, der arme Papa ist schwer, sehr schwer krank, er hat schon einige Male nach Dir gefragt, Johanna!" Mit diesen Worten führte ste die Schwester und die Tante nach dem Krankenzimmer, wo sie von Frau Valentine mit von Thränen erstickter Stimme leise begrüßt wurden.
Johanna unterdrückte nur mühsam einen schmerzlichen Aufschrei, als sie Ihren Vater leichenblaß auf seinem Lager liegen sah. Die Schatten des Todes schienen sich schon über seine erstarrten Züge auszubreiten.
„Ist Johanna gekommen?" fragte er jetzt mit matter Stimme.
»Hier bin ich, Vater," rief sie leise, kniete nieder an seinem Bette und erfaßte eine seiner kalten Hände. Bei allem Schmerz freute es sie doch, daß ihr Vater, der sich sonst ziem- lich gleichgiltig gegen sie gezeigt, nun doch nach ihr so dringend verlangte.
„Nicht wahr, Johanna — Du verläßt sie nicht — Du sorgst für sie--für meinen armen, süßen Liebling, meine
Helene — mein Sonnenkind," kam es langsam in abgebrochenen Sätzen von des Kranken Lippen.
„Gewiß, Vater, ich werde sie nie verlassen," sagte Johanna und eine schmerzliche Enttäuschung spiegelte sich auf ihren Zügen.
„Und Du läßt sie so weiter leben, so glücklich - läßt sie keine Noth und keinen Kummer erfahren. — Auch Deine Mutter wirst Du zu Dir nehmen müssen--ach, ich habe
schlecht für meine Familie gesorgt. Den Rest des Vermögens haben die Studien Eurer Brüder verschlungen und von der kärglichen Pension werden die Mutter und Helene nicht leben können. Ach, ich habe schlecht für meine Familie gesorgt," jammerte der kranke Professor wieder.
„Ja, das hat er allerdings," murmelte die Tante Hopfen ingrimmig, „die ganze Familie möchte er nun der armen Johanna zur Versorgung aufbürden."
Aber großer Gott, er war ein Sterbender, und in solcher heiligen Sterbestunde umfaßt das letzte Denken wohl stets Die, die wir am innigsten geliebt haben auf Erden. Hier war es das leichtsinnige, kokette Ding, die Helene, die allerdings trotz der Thränen, die über das zarte Gesicht strömten, wunderlieblich aussah, während Johannas rothes, verweintes Gesicht zum Erbarmen häßlich war.
„Gott sei Dank, daß Bornstetten sie nicht so sieht," dachte die Tante, er ist ja doch auch nur ein Mann, schwach und wankelmüthig in der Liebe wie Alle!"
Der Kranke suchte sich jetzt etwas aufzurichten und er rief: „Helene!"
»Mein lieber Papa! Du wirst nicht sterben!" erwiderte diese schluchzend und ihr holdes Gesicht neigte sich dicht über ihn. Sein brechender Blick ruhte noch einmal voll inniger Zärtlichkeit auf dem blonden Köpfchen.
„Laßt sie glücklich werden! Valentine — Johanna — auch Du — liebe Tante — sagt es auch ihren Brüdern!" —
Das waren des Professors Halm letzte Worte. Tief erschöpft sank sein Haupt jetzt in die Kissen zurück und er athmete immer tiefer und schwerer.
Als dann die Strahlen der Morgensonne nach einer bangen Nacht durch die verhängten Fenster in das Zimmer hinein lugten, da spielten ihre zitternden Lichter auf das bleiche Todten- antlitz des Professors Halm, und feine Frau und Töchter standen in Thränen aufgelöst um fein Sterbelager.
Tante Hopfen allein lief energisch hin und her und besorgte die nöthigen Anordnungen. Sie setzte die Todesanzeige
für die Zeitungen auf, sandte Telegramme an die Söhne du Hauses und bereitete die Begräbnißseierlichkeiten vor. Dam erst, als sie all' diese nothwendigen Dinge erledigt, entrichtete auch die Tante ihren Tribut, den solch' ein Trauerfall ersor. dert, und weinte einige aufrichtige Thränen Über den schnellen Tod ihre» Neffen, der in vielen, die Erziehung nnd Versorgung seiner Kinder betreffenden Fragen manchen Streit mit der guten alten Tante gehabt hatte.
VII.
Einige Wochen sind seit den geschilderten Ereignissen vergangen. Es ist Sommer geworden und die heiße Julisonne brütet auf den stillen Straßen der kleinen Residenz. Der herzogliche Hof und die ersten Familien der Stadt befanden sich auf Reisen. Auch Johanna und Tante Hopfen hatten im Winter von einer kleinen Erholungsreise geträumt, durch den plötzlichen Tod von Johannas Vater sind diese Pläne aber zu Nichte geworden.
Johanna hat, trotz des anfänglichen Protestirens der Tante, in ihrer Großmuth nicht zu weit zu gehen, ihres Vaters letzte Wünsche treu befolgt. Sie haben eine größere Wohnung bezogen, und Johannas Mutter und die Schwester Helene sind jetzt ihre Hausgenossen in der Residenz und werden von Johanna reichlich versorgt. Helene hat in ihrer unwiderstehlichen schmeichlerischen Weise die gestrenge Tante auch schon längst mit diesen unwillkommenen Veränderungen ausgesöhnt.
Helene, die kleine, schlaue Person, hat sich sofort klar gemacht, daß ihre nächste Lebensaufgabe fein müsse, das Herz der nicht unbemittelten Tante zu gewinnen. Sie ist deshalb unverdrossen um die alte Dame beschäftigt und umgibt sie mit einer Fülle von Aufmerksamkeiten, welche diese in der schmeichelhaften ausgesuchten Weise von Johanna nie erfahren hat.
Die Trauer um den Vater, der sie doch so sehr geliebt, ist nicht allzu tief bei Helene gewesen. Zunächst hat sie sich eine höchst elegante Trauertoilette Herstellen lassen, ziemlich unbekümmert darüber, ob Geld dazu vorhanden sei, diese Eleganz zu bezahlen.
Das reich mit Spitzen garnirte schwarze Kleid stand Helenen allerdings entzückend, besonders wenn sie wie jetzt in der Rosenzeit hie und da eine mattgesärbte Rose in die schwarzen Spitzen oder in das blonde Haar steckte. Sie wußte damit einen so malerischen Effect zu erzielen, und dabei machte es doch stets einen so ganz unabsichtlichen Eindruck, so daß Niemand ahnte, mit welcher Sorgfalt ein solches Arrangement vor dem Spiegel von Helenen einstudirt war.
In letzter Zeit besonders verwendete Helene unendliche Sorgfalt auf ihre Toilette. Bornstetten, der erst feit Kurzem von einer längeren Reise zurückgekehrt, war nämlich jetzt wieder täglicher Gast im Hause; und dessen Bewunderung zu erregen, erschien Helene als eine ganz werthvolle Beschäftigung, der vielleicht ein hoher Preis zu Theil werden konnte.
(Fortsetzung folgt.)
Am heiligen Aöend.
Weihnachts,Erzählung von Gustav Lange.
—----- (Nachdruck verboten.)
Wieder einmal war es erschienen, da» herrliche, schöne, glückverheißende Fest, da» Fest, um deffentwillen schon Wochen vorher fleißige Hände sich gerührt. Der Tag hatte sich bereits zu Ende geneigt, und vom Hellen Himmel schimmerten die Sterne herab ans die Erde, die sich in ihr weißes Festkleid gehüllt. Heute aber blitzten ihnen tausend von Lichtern entgegen; aus dem Palast des Reichen und aus der Hütte des Armen, von der mit Schmuck und Zierrath überladenen Tanne des Millionärs, wie von dem einfachen Bäumchen des Tagelöhners mit feinen spärlichen Lichtern strahlte der Glanz hinaus in die Nacht, in so manchen Fällen wohl der einzige Freudenstrahl im Jahre und gerade darum um so mehr Freude erweckend.
Nur in einem sonst vornehm und stattlich aussehenden


