Ausgabe 
21.12.1893
 
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Nr. 150,

1893.

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Donnerstag, den 21. December.

Die beiden Schwestern.

Novelle von F. Sutau.

(Fortsetzung.)

Es war an einem Mondscheinabend und Johanna jgß allein in dem noch unbeleuchteten Zimmer am Flügel, als Herr von Bornstetten leise hereintrat, ohne daß sie es bemerkte.

Ihre schlanken Finger schlugen wie träumerisch einige Accorde an und gingen dann über zu der jubelnden Begleitung der Frühlingsnacht von Schumann. Voll und weich setzte nun ihre Stimme ein:

Ueber'm Garten durch die Lüfte Seh' ich Wandervögel zieh'n."

Bornstetten hatte sich schweigsam an das offene Fenster gesetzt, den Kopf in die Hand gestützt blickte er sinnend auf das junge Mädchen. Wie sie so vor ihm saß in dem Hellen Sommerkleide, den lose aufgesteckten Flechten, umwoben von den blaffen Mondesstrahlen, da erschien sie ihm so gar nicht als Künstlerin, sondern viel mehr ein liebens« und begehrenswerthes Weib!

Er empfand es wie etwas Berauschendes, daß diese leiden­schaftliche Liebe, die durch jeden Ton von Johannas Stimme zitterte, nur ihm galt, ihm allein!

Sie ist Dein, sie ist Dein!" so schloß Johanna jetzt mit jubelnder Stimme.

Bornstetten war erregt ausgesprungen und zu ihr heran­getreten.

Wär es der Zauber der Frühlingsnacht, der mit den Mondesstrahlen in das Zimmer hineinfluthete, war es die Nachwirkung des herrlichen Liebesliedes, welches ihn gewaltsam hinriß, schmeichelnde Liebesworte zu flüstern, die junge Sänge­rin in seine Arme zu schließen und den Mund zu küffen, der so süß zu singen wußte- Der junge Offizier gab sich in diesem Moment keine Rechenschaft darüber. Und Johanna? Halb er­schreckt und doch beseligt sah sie auf zu dem geliebten Mann. Da fiel plötzlich ein greller Lichtschein auf Johannas Gesicht, und Bornstetten ließ sie langsam aus seinen Armen gleiten.

Die Tante trat mit der Lampe in das Zimmer und da­mit verschwand der ganze Zauber des Frühlingsabends.

Ziemlich ernüchtert blickte Bornstetten auf das häßliche Gesicht Johannas, welches bei dem magischen Mondlichte so anziehend zu sein schien. Wie hatte er sich nur so hinreißen lassen, so fragte er sich jetzt fast ärgerlich und zupfte verlegen an den Spitzen seine» Schnurrbartes.

Bedächtig setzte die Tante Hopfen die Lampe auf den

Tisch und wandte sich dann an Johanna, indem sie ein Blatt Papier hervorzog und ernst sagte:Erschrick nicht, Kind, so­eben kam eine Depesche. Dein Vater ist schwer krank, Du sollst sofort nach Hause kommen. Natürlich begleite ich Dich."

Johanna starrte die Tante stumm und erschrocken an, erst nach und nach schien sie das Vernommene zu begreifen. Ach, es war die harte Stimme des Schicksals, die sie erbarmungs­los aus dem Zauberlande des Frühlings und der Liebe hinweg­rufen wollte!

Ich hoffe, die Krankheit wird nicht so schlimm sein," tröstete die Tante dann Johanna.Dein Vater ist bekannt­lich immer gleich sehr ängstlich, wenn ihm das Geringste fehlt. In einer halben Stunde können wir übrigens abretsen, ich werde sogleich alles Nöthige besorgen. Sie begleiten uns wohl nach dem Bahnhof, Herr von Bornstetten?" wandte sich die Tante jetzt an den jungen Offizier.

Gewiß, mit dem größten Vergnügen!" erwiderte dieser etwas gepreßt.

Johannas Blicke irrten wie fragend zu ihm herüber, er schien es jedoch nicht zu bemerken.

Ziemlich schweigsam wurde dann der Weg nach dem Bahn­hof zurückgelegt; als sie anlangten, war der Nachtzug schon signalisirt, so daß Bornstetten die beiden Damen nur in größter Eile in den Wagen geleiten konnte.

Ein flüchtiger Händedruck, einige kurze Abschiedsworte wurden zwischen den reisenden Damen und dem Offizier aus» getauscht und der Zug brauste davon.

Johanna lehnte den Kopf in die Polster des Wagens zurück. Im wilden Durcheinander jagten die Gedanken durch ihr Hirn. Bald packte sie heiße Angst um das Leben des ge­liebten Vaters und dann wieder erfaßte sie ein wonniges Glücksgefühl bei der Erinnerung an die letzten verlebten Stunden.

Sie zweifelte nicht einen Moment daran, daß es Born­stetten ehrlich und aufrichtig mit ihr meinte. Das bindende Wort wäre wohl auch schon gesprochen, wäre die Tante nicht so plötzlich mit der Schreckensnachricht zu ihnen getreten.

Seid Ihr einig?" tönte der Tante Stimme jetzt plötzlich an Johannas Ohr. Diese fuhr betroffen aus ihrem Sinnen empor und sagte:Was meinst Du, Tante?"

Ich meine, ob Bornstetten sich erklärt hat.

Erklärt nein!"

Nicht! Nicht erklärt!" rief die Tante aufgeregt.Er hielt Dich doch in seinen Armen, als ich in das Zimmer trat! Ich will nicht hoffen, daß er Dich an der Nase herumführt, es wäre ein himmelschreiendes Unrecht."

Das wird er nicht thun, denn Bornstetten ist ein durch