Ausgabe 
21.11.1893
 
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ehe Curt seine Gattin sah, er sollte erst ein wenig auf andere Gedanken kommen.

Sie nahm den Arm ihrer Sohnes und schritt mit ihm den schattigen Laubgang hinab. Es war ein herrlich klarer Morgen, die Vögel sangen, die Blumen blühten, die ganze Natur war heiter und froh.

Da sah Curt plötzlich etwas in dem dichten, hohen Grase glitzern. 1

Was ist das?" fragte er und bückte sich gleichzeitig dar­nach. Beinahe aber hätte er es vor Erstaunen wieder fahren lasten. Es war ein Armband seiner Frau, dasselbe, das sie am vorhergehenden Abend am Arm gehabt hatte.

Marthas Armband!" rief feine Mutter in höchstem Er­staunen aus.Wie in aller Welt kommt das hierher? '

Sie erhielt keine Antwort, aber ein dunkler Schatten glitt über feine Züge.

Einen Moment sahen Mutter und Sohn einander stumm an, dann lenkte Curt seine Schritte schnell dem Hause zu. Auf der Treppe begegneten sie Nanetten, Marthas Jungfer.

Ist die Frau Gräfin schon unten?" fragte Curts Mutter.

Nein, die gnädige Frau fühlt sich sehr unwohl und hat ihr Zimmer noch nicht verlassen," lautete die Antwort.

War sie nicht im Park?" fragte Jene heftig.

Nein, meine Herrin ist krank und hat ihr Zimmer nicht verlassen," wiederholte die Jungfer mit sehr erstauntem Gesicht.

Frage die Jungfer nicht weiter," sagte Curt zu seiner Mutter, als Jene weiter gegangen war,Martha wird uns die ganze Sache aufklären. Sobald sie aufgestanden ist, wollen wir zu ihr gehen."

Es wäre wohl besser, Du gingst allein."

Nein, Mutter, ich bitte Dich, mich zu begleiten. Lese ich doch in Deinen Augen einen tiefen Zweifel über meine Frau; bitte, komm' mit, damit Du siehst, wie grundlos es ist."

Sie stiegen die Treppe hinauf und auf ein Klopfen an Marthas Thüre rief eine matte Stimme:Herein!"

Martha war aufgestanden und faß in ihrem Boudoir, das Frühstück noch unberührt vor sich auf dem Tische.

Beim Anblick ihres bleichen Gesichts und ihrer trüben, glanzlosen Augen vergaß Curt, was ihn eigentlich herbeigeführt hatte, und besorgt fragte er:Was ist Dir, meine Liebe? Du siehst so krank und angegriffen aus."

Der Kopf schmerzt mich und ich habe nicht geschlafen," erwiderte sie mit einem verwunderten Blick auf ihre Gäste. Wünscht Ihr etwas von mir oder wollt Ihr mir nur eine Morgenvisite abstatten?"

Sie wollte lächeln, aber ihre bleichen Lippen zitterten. Da fiel ihm der eigentliche Zweck seines Hierseins ein.

Ich komme mit einer Frage," versetzte er lächelnd.Als guter Sohn machte ich heute Morgen mit meiner Mutter einen Spaziergang durch den Park; gestern Abend, als wir uns Gute Nacht" sagten, trugst Du dieses Armband, und heute Morgen finde ich es in dem Laubgang und doch hast Du Dein Zimmer noch nicht verlassen. Wie ist das zugegangen, Martha?"

Mit diesen Worten hielt er ihr das Armband hin, und ein langer, unterdrückter Schrei entrang stch ihren bleichen Lippen.

Curt sprang hinzu und fing die Bestnnungslose gerade noch zeitig genug in seinen Armen auf, um sie vor dem Hin­fallen zu schützen.

Da hast Du die Antwort," sagte die Gräfin in würde­vollem Tone und richtete sich stolz auf.Sei auf Deiner Hut, Curt! Mir scheint, als schwebe ein dunkler Schatten über unserem Hause. Warum wurde sie ohnmächtig? In Deinen Worten lag doch nichts so Erschreckendes!"

Zweiundzwanzigstes Capitel.

Als Gräfin Martha die Augen wieder aufschlug und ihres Gatten Gesicht über sich gebeugt sah, stieß sie einen Angst- und Schreckensschrei aus. Die Züge Curts, die sie nie so ernst und streng gesehen hatte, blickten zornig auf sie herab; kein

Lächeln wie sonst spielte um seine Lippen; seine umdüsterte Stirn verrieth Angst, Kummer und Zorn.

Trotzdem klang seine Stimme sanft, als er sagte:Habe ich Dich erschreckt, Martha? Wie Deine Hände zittern! Was ist Dir? Ich bin Dir ja nicht böse, Kind, nur nur ver­stehe ich nicht"

Sie wollte etwas erwidern, aber die Kräfte versagten ihr, und sie brach in bittere, leidenschaftliche Thränen aus.

Curt suchte sie mit zärtlichen Worten zu beruhigen, wäh­rend seine Mutter das Zimmer verließ.

Komm', ich will Dich jetzt nicht quälen," sprach er,später erzählst Du mir, wie die ganze Sache stch verhält; jetzt lege Dich noch ein wenig nieder und versuche zu schlasen Du flehst blaß und angegriffen aus."

Martha hörte auf, zu weinen; sie ließ den Kopf in die weichen Sophaktffen zurücksinken und lauschte mit einem Ge­fühl der Verzweiflung seinen Worten.

Nachdem Curt der Jungfer strenge Weisung gegeben hatte, ihre Herrin nicht zu stören, verließ er das Zimmer.

Seine Mutter erwartete ihn inzwischen mit großer Spann­ung und fragte neugierig, als er bei ihr eintrat:Nun, Curt, was ist los? Warum war Martha so erschrocken?"

Sie ist sehr krank," entgegnete dieser traurig,sie war nervös, aber nicht erschrocken. Was hätte sie auch zu fürchten? Ich war zu schroff gegen sie."

Hat sie Dir gesagt, wie das Armband in den Laubgang gekommen ist?"

Nein, sie fühlte stch so krank und angegriffen, daß ich nicht weiter mit ihr darüber gesprochen habe. Ich bin ja auch überzeugt, daß die ganze Sache sich sehr einfach aufklären wird," setzte er schnell hinzu, als er den eigenthümlichen Aus­druck auf dem Gesicht seiner Mutter gewahrte.

Trotz dieser Versicherung lastete es diesen Morgen schwer auf des Grafen Brust, er fand nicht Ruhe, bis das Räthsel mit den Briefen und dem Armband gelöst sein würde.

Zweimal ging er an Martha» Thüre und hörte theils voll Befriedigung, theils voll Ungeduld, daß sie noch schlief, endlich kam die Jungfer, ihm zu melden, daß ihre Herrin wach sei, aber sehr krank zu sein scheine.

Mit sprachlosem Erstaunen sah Curt, welcher Wechsel in einigen Stunden mit dem heiteren, schönen Gesicht vorgegangen war! Alle Farbe war aus demfelben gewichen, bis zu den Lippen war es todtenbleich und unter den blauen Augen lagen tiefe, dunkle Schatten. Konnte das nur Krankheit oder Ab­spannung sein? Warum faltete sie wie in stummer Todesqual krampfhaft die Hände, als sie ihn erblickte?

Martha," hob Curt an,Du siehst aus, als ob Du entsetzlich littest. Sprich, was ist Dir? Welcher Kummer könnte Dich bedrücken, von dem ich nicht wüßte? Was macht Dich krank? Warum siehst Du mich so seltsam an? War ist zwischen uns getreten?"

Er schwieg, doch es erfolgte keine Antwort.

Wenn ich nicht wüßte, daß Du kein Geheimniß vor mir hast," fuhr er fort,müßte ich glauben, es laste etwas furcht­bar Schweres auf Dir. Schau' doch nicht so traurig aus! Schau' mich an, Geliebte, und wenn Dich irgend etwas drückt, so sage es mir daß ich es mit Dir theile."

Curt legte den Arm um seine Gattin und zog ihren Kopf an sich.

Hat Dich Jemand beleidigt oder gekränkt?" fragte er zärtlich.

Nein," versetzte sie,wie kommst Du auf diese Idee?"

Bist Du dessen sicher," fprach er dringlicher,hat Dich keiner unserer Gäste irgendwie verletzt?"

Nein," sagte sie wieder, aber er sah, wie sie schmerzlich

Meine Mutter glaubte gesehen zu haben, daß Herr Lam- brecht Dir mehrmals kleine Billete zugeschoben habe und Dich damit beleidigt haben mußte ist das wahr?'

Er sah, wie sie bei dieser Frage leicht zusammenzuckte.

Allerdings gab er mir zweimal ein kleines Briefchen," stotterte sie verlegen,aber beleidigt hat er mich nicht damit."