Ausgabe 
21.11.1893
 
Einzelbild herunterladen

S46

worden war.

Einundzwanzigstes Capitel.

Lambrecht reiste zeitig am nächsten Morgen ab. Melanie war nach dem Frühstück inS Freie gegangen und Martha be­fand sich in ihrem Zimmer. So hatte die Gräfin-Mutter

Gattin bewunderte. <

Ich bemerkte etwas, das mich sehr unangenehm berührte," versetzte die Gräfin,zweimal beobachtete ich, wie er ihr heim« sich ein Briefchen, ein Billet oder etwas dergleichen zuschob."

Das muß ein Jrrthum von Dir sein, Mutter!" rief Curt heftig, während ihm heiße Röthe in das Gesicht stieg. Meine Frau würde von Niemand einen Brief annehmen."

Mie ich Martha kenne, bin ich ja überzeugt, daß nichts Unrechtes dabei ist," fuhr die Gräfin fort,gern hätte ich selbst mit ihr gesprochen, wenn die ganze Angelegenheit nicht zu deltcater Natur wäre; doch Du kannst fie leicht mit ein paar vorsichtigen Worten warnen sie ist noch jung und un­erfahren."

Ich verstehe die Sache nicht," rief Curt, indem er heftig vom Sopha aufsprang,ich muß Martha sofort fragen, wie sich die Angelegenheit verhält."

Uebereile Dich nicht, Curt," sprach die Gräfin,wozu irgendwelche Scene herbeiführen? Sprich in Ruhe mit Deiner Frau, vielleicht erklärt sich die ganze Sache sehr einfach. - Martha sieht außer Dir sehr selten Herren- Laß es mch nicht gereuen, daß ich Dich wie einen vernünftigen, überlegten Mann behandelt habe." , ±

Ich muß eine Erklärung haben," entgegnete Curt ruhig, aber bestimmt,ich will diese zwei Billete sehen und wissen, l wovon sie handeln. Keiner soll meiner Gattin auch nur um ein Haar zu nahe treten!" L t ,

In demselben Augenblick trat Melame mit von der frischen Morgenlust hochgerötheten Wangen inS Zimmer.

Sieh', Tante," sprach Melanie,was ich für herrliche Blumen gepflückt habe! Guten Morgen, Curt! Du siehst ja so ernst aus." r ,,

Da erst bemerkte sie den peinlichen Ausdruck auf Beider Gesicht.

Ich höre mit Bedauern," fuhr sie fort,daß Martha nicht wohl ist. Nanette sagte mir soeben, sie liege noch zu Bett. Ich will gleich einmal zu ihr hinaufgehen und sehen, wie sie sich befindet."

Und Du, Curt," sagte die Gräfin,machst inzwischen vielleicht eine Promenade mit mir durch den Park wenn Du nicht anderweit zu thun hast. Ich möchte ein wenig pW Luft schöpfen, bevor es so lästig heiß wird."

I In Wahrheit aber wollte sie etwas Zeit vergehen lassen,

ihr süße Worte des Friedens zu; und wieder sah sie im Geiste | 1 das bleiche, schöne Gesicht, die kalten, farblosen Lippen, die selbst im Sterben noch von Liebe flüsterten.

Um Ihrer Mutter willen!" wiederholte er dringender. < Da wandte sie sich zu ihm und legte ihre Hand in die feine»

Es sei," sprach sie sanft, -um ihretwillen wiederhole ich die Worte von Verzeihung und Liebe."

Wie verlangte es ihn darnach, die weinende, tiefbekummerte I Gestalt in die Arme zu schließen und zu trösten, aber er wagte I es nicht.

Sie sind ein Engel!" rief er.Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn Sie mich erbarmungslos von sich j gewiesen hätten! Sie haben mich gerettet. Ich will versuchen, Ihrer würdig zu werden, will versuchen, mich zu bessern. Die Zeit drängt, hören Sie mich an! Wir müsien unser Ge- heimniß bewahren. Ich habe ein neues Leben begonnen; ch bin reich und stehe geachtet da. In nächster Zert gedenke ich mich zu verheirathen erschrecken Sie nicht rch sehe ein besseres, höheres Leben vor mir doch Alles hängt von Ihnen ab. Unmöglich könnte ich die Schmach, die ich schon emmal gelitten, ein zweites Mal ertragen. Sobald unser Gehennmß I bekannt wird, sobald die Welt erfährt, daß ich Ihr Vater bin, muß auch mein Leben bekannt werden; dann erfährt die Welt, I daß ich Werner Horst bin und dann ist's um mich geschehen; ich würde meinem Leben ein schnelles Ende machen und nicht I erst warten, daß neue Schmach und Verachtung mich trifft. Sie sehen, mein Leben liegt in Ihrer Hand!" I

Ich trage kein Verlangen, das zu verrathen," erwiderte Martha kummervoll;mein Glück aber ist zerstört; ich kann meinem Gatten nicht mehr inS Auge sehen. Haben Sie I mir noch etwas zu sagen?"

Nein," gab er zur Antwort,wie Sie wiffen, reise ich heute ab und werde nie wieder hierher zurückkehren. Wrr müssen einander als Freunde begegnen und vergeffen Sie nicht, daß Sie mein Leben in Ihrer Hand haben. Sind Sie ern- verstanden?" r ~ ,,

Ja," versetzte sie in hoffnungslosem Tone,es ist wohl das Beste. Nun versprechen Sie mir das Eine: wollen Sie, wenn ich vor Ihnen sterbe, meinem Gatten die ganze Wahr­heit sagen? Er wird Sie nicht verrathen."

Er versprach es und sie lenkten ihre Schritte wieder dem

Martha," hob er, nachdem sie eine Welle schweigend nebeneinander hivgeschritten waren, an,Martha, Sie sind mein eigen Fleisch und Blut. Lasten Sie mich nur ernmal meinen Namen hören; sagen Sie nur einmal, bevor wir schei­den: Gott segne Dich, Vater."

Da wandte sie ihm ihr Gesicht mit tieftraurigem Ausdruck zu, den er nie vergaß, und leise hauchten ihre Lippen:Gott segne Dich, Vater! Lebe wohl!" ,

Hätte ich Martha immer bei mir gehabt," dachte Lam- brecht, als sein thränenfeuchtes Auge der entschwindenden Ge­stalt folgte,dann wäre ein anderer Mensch aus mir geworden."

In dieser Nacht, während das ganze Haus in Schweigen und Dunkelheit gehüllt war, da befand sich Eine unter seinem Dach, die die Qualen eines lebendigen Todes erlitt; in dieser Nacht verlor das schöne, junge Gesicht seine Jugend und strah­lende Schönheit; ein reines, liebendes Herz lehnte sich gegen ein strenges, finsteres Schicksal auf; ein goldenes Haupt warf sich schlaflos hin und her, und in der Ftnsterniß der Nacht kamen ihr immer und immer wieder die Worte in den Sinn: Ich will die Sünden der Väter an den Kindern heimsuchen."

Die junge Gräfin von Roddeck bat den Himmel, daß er sie sterben lasten möge, da das Leben für sie zu traurig ge-

freies Feld und als ihr Sohn eintrat, ging sie sofort ohne viele Umschweife auf ihr Ziel los.

Curt," hob sie an,ich denke, Du kennst mich zu gut, als daß Du mir irgendwie Gehässigkeit oder ein ungebührliches Eingreifen in Deine Angelegenheiten zumuthen könntest. Nicht wahr?"

Ich meine es sehr ernst, lieber Sohn," sagte sie auf eine scherzende Antwort von diesem.Ich habe Martha wirklich von Herzen lieb, aber sie ist sehr jung und kennt die Welt noch wenig. Sie ist so einfach und unschuldig, daß ich es doch sür meine Pflicht halte, Dich auf etwas aufmerksam zu machen, das mir an einer Anderen wohl kaum aufgefallen wäre."

Was hat meine Frau gethan?" entgegnete Curt lächelnd. Hat sie sich irgend eines furchtbaren Formfehlers schuldig gemacht?"

Nein," sagte die Gräfin,es handelt sich hier um etwas ganz anderes. Findest Du nicht, daß Herr Lambrecht ein sehr hübscher Mann ist, der sicher, wo er will, gefallen muß?"

Was hat das mit Martha zu thun?" fragte Curt schnell.

Das sollst Du gleich hören," gab die Gräfin gelasten zur Antwort.Es fiel uns Allen auf, wie er gleich am ersten Tage seines Hierseins von Martha entzückt schien. Ich habe durchaus nichts gegen ihn, er ist eben ein feiner Weltmann, aber ich glaube, er hat sich bemüht, in Martha Gefühle der Freundschaft für sich zu erwecken."

Was bringt Dich auf diesen Gedanken?" fragte der junge Graf ohne besonderes Interests; denn ihm erschien es sehr natürlich, daß Herr Lambrecht ebenso wie alle Anderen seine