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1883.
Dienstag, den 21. November.
Herzenskämpfe.
Roman von Theodor Schmidt.
(Fortsetzung.)
Zwanzigstes Capitel.
Der milde Sommerabend war einer trüben kalten Nacht gewichen. Martha hüllte flch in einen großen, warmen Shawl, der ihre Gestalt möglichst verdeckte, und begab sich mit fast widerwilligen Schritten durch eine kleine Seitenthür nach dem Weinlaubgang.
In der Ferne sah sie Herrn.Lambrechts schanke Gestalt schnell auf sich zukommen.
„Ganz gegen meinen Willen bin ich hier," hob sie an, „nur weil Sie mich um meiner Mutter willen darum baten. Was haben Sie mir zu sagen?"
„Viel," entgegnete er, „was sich nicht in wenigen Worten zusammenfaffen läßt. Frau Gräfin, fürchten Sie mich nicht I Schauen Sie mich an! Sehe ich aus wie ein Mann, der diese Unterredung aus eitlen, selbstsüchtigen Gründen wünscht?"
Sie blickte zu ihm auf und bei dem schwachen Mondschein gewahrte ste, daß auf seinem sonst so ruhigen, sorglosen Gesicht ein Ausdruck tiefer Trauer und heftiger Erregung lag:
„Sie können mir vertrauen," fuhr er fort, „voll vertrauen. Lasten Sie uns diesen Laubgang hinabgehen, Sie könnten sich erkälten, wenn wir hier stehen bleiben."
Sie schritten den breiten Weg hinab.
„Meine Zeit ist kostbar," sagte Martha in kaltem Tone, „ich wage viel, überhaupt gekommen zu sein."
„Das weiß ich," entgegnete er, „darum bat ich Sie um Ihrer Mutter willen darum. Wissen Sie, wer sie war? Kennen Sie ihre Geschichte?"
„Ja," sprach Martha traurig, „das harte Loos meiner Mutter hat mir das Leben getrübt."
„Gott fei Dank, daß mir diese lange Auseinandersetzung erspart ist," versetzte Herr Lambrecht; „also von Ihrer Mutter wissen Sie. — Wissen Sie auch etwas von Ihrem Vater?" L „Ja," gab Martha in bitterem Tone zur Antwort, „auf dem Todtenbette erzählte mir meine Mutter von ihm."
„Darf ich fragen, was sie sagte?"
„Das kann für Sie von keinem Interesse fein. Bitte, sagen Sie mir schnell, war Sie von mir wollen und lassen Sie mich dann gehen. Der Name meines Vaters erfüllt mich nur mit tiefem Schmerz."
„Gräfin," fragte ihr Begleiter, „haben Sie nie daran gedacht, wer ich fein könnte?"
Ein kalter Schauer durchrieselte sie. Bis zu der Stunde, wo er ihr goldenes Haar mit seinen Lippen berührt und sie so traurig angeblickt, hatte sie kaum noch an ihn gedacht. Jetzt beschlich sie eine seltsame Furcht; wer konnte er fein, der das Geheimniß ihrer Mutter bewahrte? Sie wandte sich nach ihm um und blickte ihn an; kalt und ruhig blieb ihr Auge auf seinem aufgeregten Gesicht haften. Bei dem schwachen Schein des Mondes glich sie mehr einem Geist, als einem lebenden Wesen.
„Haben Sie nie daran gedacht, wer ich sein könnte?" fragte er nochmals.
„Nie," antwortete sie kopfschüttelnd.
„Möchten Sie nicht Ihren Vater sehen, Martha? Trotz all' seiner Fehler hat er Sie innig lieb."
„Mein Vater brach das edelste, treueste Herz," entgegnete sie leidenschaftlich, „wie könnte ich ihn da zu sehen wünschen?"
„Still, Kind, still!" sprach er traurig. „Ihre Worte treffen mich gleich einem Dolchstoß. Versuchen Sie, mich ein wenig lieb zu gewinnen. Martha, ich bin Ihr Vater, Werner Horst; ich lege mein Leben in Ihre Hand."
Ihr schönes Gesicht war todtenbleich.
„Darauf kann ich Ihnen nur erwidern," hauchte sie irt traurigem Tone, „daß ich wünschte, ich wäre als Kind gestorben, statt zu leben, um das hören zu müssen."
„Haben Sie kein freundliches Wort für mich?" fragte er« „War mein Leben auch nicht rein und makellos, fo bin ich doch Ihr Vater."
Schweigend, mit krampfhaft gefalteten Händen schritt Martha neben ihm hin.
„O Gott, was habe ich denn gethan, daß ich so gestraft werde?" stieß sie plötzlich in heftiger Erregung hervor und blickte flehend zum Himmel.
„Beruhigen Sie sich, Kind," tröstete er sie; „ich will Ihnen nicht wehe thun, nicht in Ihr Schicksal eingreifen; wir können unser beiderseitiges Geheimniß bewahren. Ich würde kein Wort gesagt haben, wenn ich nicht gefürchtet hätte, Sie würden dem Grafen sagen, was neulich Nachmittags vorgefallen ist; Sie sahen in dem Moment Ihrer Mutter so ähnlich, daß ich nicht anders konnte!"
Bei Erwähnung ihres Gatten rang sich ein leiser Schrei von Marthas Lippen-
„Martha," sprach er, „um Ihrer Mutter willen lassen Sie uns Freunde fein."
Er wartete auf Antwort, aber heftiger Zorn und ein bitterer wilder Kummer zerrissen ihr das Herz. Die glitzernden Sterne schienen auf sie herab und der Nachtwind, mit dem zarten Dust der schlummernden Blumen geschwängert, flüsterte


