Ausgabe 
21.10.1893
 
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werden. Sieh', der Lorbeer winkt Dir schon. Greise darnach!" Er that es, aber nur welke Kränze fielen unheimlich raschelnd auf ihn herab, immer mehr und mehr, bis sie sich zu einem hohen Hügel gehäuft hatten, dann wurde es still und dunkel.

Früher als sonst erhob sich Rafaels am nächsten Morgen, nach einer in Schmerz und bangen Zweifeln durchwachten Nacht. Wie ein feuriger Ball stand die Sonne am Himmel und ver­mochte den dichten Nebelschleier nicht zu zerreißen. Die junge Frau trat vom Fenster zurück und legte die Hand über die müden Augen. Der grellrothe Schein blendete sie. Was mußte der Tag für neue Kämpfe, für erschütternde Scenen bringen! Wo die Kraft hernehmen, um solches Leid zu er­tragen?

Mazda huschte ins Zimmer und sagte ängstlich, aber doch mit sichtlichem Bemühen, die Freundin zu erheitern:Ich bin schon lange munter, und da Du auch nicht mehr schläfst, komme ich zu Dir. Doch wie blaß und leidend Du aussiehst! Mein Gott, fast könnte es mich erschrecken "

Es ist nichts nichts! Ein leichter Kopfschmerz, der vorübergehen wird- Quäle Dich nicht mit übertriebener Sorge."

Hier ein Geschenk, welches mir Johann eben übergab. Frank brachte es gestern aus der Stadt mit."

Gut, gut! Lege das Packet weg."

Willst Du es denn nicht öffnen?"

Nein!"

^Wie seltsam Du bist!. Ich hoffte, es würde Dir Zer­streuung gewähren. Darf ich die Schnur zerschneiden?"

Immerhin, wenn es Dir Vergnügen macht " Die Ant­wort klang ungeduldig, wie wenn Jemand sich beeilt, mit einer peinlichen Sache zu Ende zu kommen.

Rafaele trat wieder ans Fenster. Jede Minute beschwor doch neue Qual herauf. Was sollte daraus werden?

Herr Gott im Himmel! Was ist das? Was hat es zu bedeuten?" schrie Magda plötzlich auf.Die geraubte Kassette! Er hat sie wieder gefunden! Sieh' doch nur! Welches Räthsel! Rafaele, bist Du denn taub und stumm geworden? Ich sage Dir ja: Die Kaffette ist wieder da! Georg hat sie herbeigeschafft. So sprich, sprich! Mein Gott, Du müßtest doch jetzt zu ihm hinüber fliegen und aber das ist ja gar nicht nöthig. Hier ein Brief! Lies, lies!"

Die junge Frau hatte sich umgewandt und starrte tobten» bleich auf das Kästchen. Es war ihr, als wanke der Boden unter ihren Füßen, als wäre ihre Zunge gelähmt.

Stehe doch nicht da, wie in Stein verwandelt!" rief das Mädchen, ungeduldig hin und her trippelnd.Nie ließ Dich der Zweifel zur Ruhe kommen und jetzt klärt Georg Alles auf. Bangt Dir vor der so lange ersehnten Gewißheit? Das ist feig, kleinlich! Ich, an Deiner Stelle, würde dieses Schreiben mit wahrer Gier aufreißen und dann dem edlen Mann, der endlich Klarheit in das jahrelange Dunkel bringt, auf den Knieen danken. Du mußt lesen, was er Dir schreibt!"

Du hast Recht! Ich muß es."

Mechanisch erbrach Rafaele das Schreiben, aber je länger sie las, desto entsetzter wurde der Ausdruck ihres Gesichts.

Was ist's? Was steht hier? Laffe es mich doch wissen!" rief Magda, sie umschlingend.Du ängstigst mich! Ist es eine Unglücksbotschaft? Mein Himmel, kannst Du nicht antworten?"

Der kleine Fuß stampfte ungeduldig auf. Gleich einer vom Sturm geschüttelten Lilie schwankte Rafaele und sank dann plötzlich 'zu Boden. Wie ein goldig flammender Strom fluthete das noch feffellos herabwallende Haar über den Teppich.

Mit einem lauten Schrei stürzte das Mädchen zur Klingel und rief dem herbeieilenden Diener zu:Schnell, schnell, wecken Sie Doetor Frankl Hier ist rasche Hülfe nöthig!"

Die Wasierkaraffe ergreifend, befeuchtete sie Stirne und Lippen der Ohnmächtigen.

O großer Gott, was stand nur in dem entsetzlichen Briefe? Magda entwand ihn den krampfhaft geschloffenen

Fingern, dabei fiel ihr Blick auf den eigenen Namen, und nun vermochte sie die Augen nicht mehr abzuwenden. War es denn ein furchtbarer Traum oder grauenvolle Wahrheit? Immer und immer wieder überflog sie die letzten Zeilen, um stets mit derselben Deutlichkeit zu lesen:

Und so sei es denn gestanden, daß ich die Gemme mit dem Januskopf, die Degenfeld bei dem ländlichen Feste, welches zur Feier Deines Geburtstages abgehalten wurde, entfallen war, aufraffte und verbarg, daß ich die an dem Krankenlager Deiner Mutter wachende Magda in hypnotischen Schlaf ver­setzte und ihr befahl, den kleinen Schmuckgegenstand in den Schreibtisch zu legen und die Kaffette an meiner Thür nieder zu stellen. Nicht um mich zu bereichern, that ich es, sondern nur, weil ich Deinen Besitz keinem Andern gönnte. Trotz­dem, daß die List gelang, führte ich ein elendes Leben, denn es wurde mir bald klar, daß Du den Fernen niemals ver­gessen konntest. Indem ich jetzt in den Tod gehe, befreie ich mich von einem unseligen Dasein und Dich von verhaßten Fesseln. Daß Du meinen Namen nicht brandmarken und meiner Mutter die furchtbare Wahrheit verbergen wirst, glaube ich mit Zuversicht erwarten zu dürfen."

Ich! Ich selbst!" stöhnte das Mädchen.Ich, die den letzten Athemzug hingegeben hätte für meine Wohlthäteriunen und für ihn! Giebt es denn eine Vorsicht, einen ge­priesenen Engel Gottes, der die Schwachen beschützt?"

Rafaele machte eine kaum bemerkbare Bewegung. In diesem Augenblick trat der Diener ein, bleich, unsicheren Schrittes, wie ein Trunkener.

Herr Doetor Frank," stammelte er, und die Stimme versagte ihm.

Kommt er?" rief Magda, mit flammendem Blick empor» springend. O, wie ihr ganzes Sein erbebte in Schmerz und Empörung.

Nein, nein. Er ist starr und kalt, seine Brust hebt sich nicht mehr. Barmherziger Himmel, ich habe immer gefürchtet, daß einmal so was passiren würde. Das Fläschchen mit den wasserhellen Tropfen ist geleert. Der Schlaftrunk mag woh! zu stark gewesen sein."

Die Erschrockene hörte nichts weiter. Zu Frank hinüber eilend, blickte sie auf die wie in Stein gemeißelten Züge und in die gebrochenen Augen des freiwillig aus dem Leben Ge­schiedenen, stürmte dann wie eine Sinnlose aus dem Hause, erreichte athemlos die Eisenbahnstation und flüchtete zu einer alten in P. lebenden Verwandten. Von dort richtete sie ein langes, verzweifeltes Schreiben an Rafaele, war aber auch durch das liebevollste Zureden nicht zur Rückkehr zu bewegen.

* * *

Als Rafaele ihre Wittwengewänder abgelegt hatte, näherte sich Erich v. Degenfeld, durch seinen Freund, mit dem er in reger Correspondenz stand, von Allem unterrichtet, wieder der immer noch mit gleicher Innigkeit Geliebten und empfing von Neuem das Gelöbniß ihrer Treue.

Werner vergaß die arme, kleine Magda ebenfalls nicht- Er suchte sie oft in ihrer Einsamkeit auf, und zuweilen, wenn er von dem neu erblühenden Glücke Rafaelens erzählte, ver­klärte der leise Schimmer eines Lächelns des Mädchens blasses Gesicht, und die Ahnung, daß auch sie von schwerem Leid ge­nesen könne, klopfte tröstend an ihr Herz.

Georgs Mutter erfuhr nie die Wahrheit. Wie alle Welt, so glaubte auch sie an einen unglücklichen Zufall. Sie war alt, sehr alt geworden, aber täglich konnte man die Gebeugte auf den Friedhof hinaus wandern sehen. Bevor sie das Grab­gewölbe, in dem ihr Sohn ruhte, betrat, streichelte die Greisin jedesmal liebkosend über eine an dem Eingang desselben an­gebrachte Marmorplatte und las mit thränenverschleierten Augen, während ein wehmüthig-stolzer Zug um ihre Lippen spielte:Dem berühmten Arzte Dr. Georg Frank gewidmet von Denen, die ihm Leben und Gesundheit danken."