Samstag, den 21. Oktober.
1893
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Dunkle Mächte.
Novelle von B. Corony.
(Schluß.)
X.
Unvermuthet in den kleinen Salon tretend, hatte Frank die im hypnotischen Schlaf gemachten Geständnisse Magdas vernommen und die Ueberzeugung gewonnen, daß Alles für ihn verloren sei.
Jetzt saß er schon lange an dem Secretär und schrieb. Blatt auf Blatt deckten die festen Schriftzüge. Nun gab es ja nichts mehr zu verschweigen und zu verbergen.
Als das Schreiben vollendet und versiegelt vor ihm lag, hüllte er es nebst einem matt schimmernden Kästchen in Papier, wand eine Schnur um das Packet, versiegelte auch dieses, schellte dann dem Diener und gab es ihm mit den Worten:
„Hier ist ein Geschenk, welches ich aus der Stadt mit- brachte. Ueberbringen Sie es meiner Frau, sobald sie morgen klingelt. Ich fühle mich ermüdet, werde wahrscheinlich länger als sonst schlafen und wünsche nicht gestört zu werden."
„Sehr wohl, Herr Doctor."
Wieder allein, öffnete Frank ein anderes Fach des Schreibtisches und entnahm demselben eine zierliche Pistole. Nun war das Ende da, der wüste Fiebertraum ausgeträumt und bald mußten alle glühenden Wünsche und unerfüllten Hoffnungen in dem ewigen, unendlichen Nichts untergehen. — Und doch — sogar die starre Ruhe der Verzweiflung, der herausfordernde Trotz, mit welchem so Mancher ein durch eigene Schuld verfehltes Leben hinwirft, wollten nicht kommen, um ihm das Scheiden zu erleichtern. In der Brust des einsamen Mannes tobte die Hölle. Ein frevelhaftes Spiel mit dem Höchsten und Heiligsten, ja mit der Wissenschaft selbst, hatte er getrieben. Nun mar es verloren und mit ihm der Einsatz: Ehre und Gewiffensfrieden.
Vor ihm lagen Anerkennungsschreiben, welche ihm von verschiedenen Autoritäten zugegangen waren, Zeitungen, in denen sein segensreiches Wirken gepriesen wurde, und daneben Briefe von geheilten Patienten, die ihn ihren Wohlthäter und Retter nannten. Einige der von schweren Leiden Befreiten gehörten der ärmeren Klaffe an, und diese wußten nicht genug Worte des Dankes für feinen Edelmuth und seine Uneigennützigkeit zu finden.
„Erbärmliche Comödiel" murmelte er, die Schriftstücke verächtlich wegstoßend.
„Nichts ist wahr und echt auf dieser Welt, und sogar der Ruhm nur schnell verblassendes Flitterwerk. Sobald ein Anderer kommt, der ihnen imponirt, werden ste mich vergessen."
Gleichwohl wurde es ihm nicht leicht, einen Schauplatz zu verlassen, auf welchem so glänzende Triumphe winkten. Wie ein zorniger Titan hätte er zermalmen mögen, was sich wider ihn erhob, und mußte doch seine vollkommene Machtlosigkeit einsehen. Nein, ihm blieb nichts Anderes übrig, als den dunklen Weg in ein unerforschtes Jenseits anzutreten, und das sollte nun ohne Zögern geschehen. Langsam erhob er die Pistole und drückte den blitzenden Lauf an die Schläfe. Dabei fiel sein Blick zufällig auf den Todtenkopf. Welch' ein häßliches Gegenüber in dieser letzten, verhängnißvollen Secunde! Wie das fleischlose Gesicht zu lachen schien! Ja, so werden Viele lachen und höhnen, wenn sie von dem unerwarteten Ende des berühmten Arztes erfahren. Sie werden die Achseln zucken und einander vertraulich zuflüstern: „Er war vielleicht doch nichts als ein Narr, den seine Wissenschaft im Stich ließ und der an sich selbst verzweifelte."
„Nein, das soll nicht sein! Du hast mich rechtzeitig gewarnt, guter Freund," sagte Frank, die Pistole wieder an ihren Platz legend. So geht es nicht. Das wäre ein thörichter, jämmerlicher Abschluß. Rufen wir lieber einen unglücklichen Zufall, eine in der Zerstreuung begangene Unvorsichtigkeit zu Hülfe. — Niemand wird an Selbstmord glauben, wenn der gefeierte, vom Glück gekrönte Arzt, der Denker, von dem man längst weiß, daß er gar oft den nächtlichen Schlummer durch narkotische Mittel erzwingen muß, einmal infolge eines kleinen Versehens etwas zu fest schläft."
Wie gewöhnlich suchte er sein Lager auf, goß dann den krystallhellen Inhalt eines Fläschchens in das bereitstehende Glas Wasser und trank mit raschen Zügen.
Frank hatte das Licht gelöscht und starrte noch minutenlang in die Finsterniß hinein, bis allmählich seltsame Bilder ihn zu umgaukeln begannen. Er sah sich wieder als frohes Kind unter dem sorgfältig geschmückten Weihnachtsbaum stehen und hörte den Vater schlichte Gebete sprechen, dann flössen alle Lichtstrahlen ineinander und verwoben sich zu einem goldenen Schleier. Aber nein — das war ja schimmerndes, seidenweiches Loreleyhaar, und nur Eine gab es auf der Welt, die solchen Reichthum besaß. Und jetzt theilten zwei weiße, kräftige Frauenhände das üppige Gelock wie einen rothgoldenen Vorhang. Der Mutter Antlitz erschien, ihre klugen, braunen Augen sahen ihn an und ihr Mund sprach scharf und befehlend:
„Vorwärts! Bleib' nicht auf halbem Wege stehen. Du mußt ein großer, berühmter Mann, ein Fürst der Wissenschaft


