Nirtephaltnngsblatt znin GLetzenev Anzergev (Gsneval-Anzeigev)
Nr. 111
1803
-^T-
Donnerstag, den 21. September.
Das Erbe.
Preisgekrönte Erzählung von R. Blankenburg.
(Fortsetzung.)
„Aber sehen Sie denn nicht," rief der Pastor lebhaft bewegt, „daß es das Einzige ist, was Ihnen Ruhe und Frieden bringen kann."
„Mir?" fragte sie im Tone dumpfer Verzweiflung. „Was liegt daran? Lasien Sie mich doch leiden, ich habe es verdient, aber —" sie sprach jetzt so leise, daß dem Pastor nur dann und wann ein Wort verständlich wurde: „Nein, ich darf es nicht, — ich kann nicht fort, — ich muß meine Augen auf ihn haben. Er wird nichts wagen, wenn er weiß, daß ich in der Nähe bin und ihn täglich sehen kann, er ist nicht so ganz ihm überlassen. O Gott, wenn er arm wäre, wenn nicht an seinem Tode das Erbe hinge, wie wollte ich für ihn arbeiten, aber — nein, nein, ich kann es nicht." Der letzte Ausruf war laut gewesen, aber dann brach sie plötzlich ab und ein scheuer, angsterfüllter Blick glitt durch das Zimmer, wie ihn der Pastor schon einmal bemerkt hatte. Er erfüllte ihn mit ungewisser Besorgniß und diese sprach aus seiner Stimme, als er sagte: „Es muß noch etwas sein, Frau Hagen, was im Zusammenhang mit Ihrer Schuld Ihre Seele mit schauderndem Bangen erfüllt. Können Sie Ihr Herz gegen mich erleichtern, so will ich Ihnen gern mit Rath und That beistehen, so weit ich es vermag."
Aber sie verneinte das hastig. „Ich muß meine Last allein tragen," sagte sie ausstehend und jetzt ganz klar und gefaßt sprechend, „es ist nur Einer, der mir helfen kann, aber ich hab's nicht verdient, daß ich ihn darum anflehe. Bitten Sie Gott für mich, Herr Pastor, und — bitten Sie ihn, daß er Die in Schutz nehme, welche in Gefahr und Versuchung stehen."
Gebeugten Hauptes und langsam schreitend kehrte sie nach Crumbach zurück, wo das einsame Haus sie erwartete. Sie wußte, daß Erich diese Nacht auf der See bleiben würde, so war sie denn ganz allein. In großer Seelenangst ging sie im Zimmer hin und her, es wollte ihr scheinen, als ob erst jetzt Alles für sie verloren fei. Immer hatte ihr noch die Hoff, nung vorgeschwebt, daß sie in irgend einer Weise Erich Ersatz würde bieten können; in Grashagen, indem sie den Schein in Händen hielt, der ihr die bei dem Bankhaus in Hamburg deponirten Gelder bescheinigte, hier in Crumbach — sie wußte kaum, was sie hier noch erwartet hatte, aber erst, als sie Pastor Helfer gesprochen hatte, fühlte sie, wie nackt und bloß sie vor
Erich stehen würde, wenn es je an den Tag kommen sollte, was sie ihm angethan hatte I Wie konnte sie jetzt seine Ver« gebung erflehen, wie konnte sie ein Bekenntniß wagen? Und Eringl Es fiel ihr plötzlich ein, wie bleich und matt er am vorhergegangenen Tage ausgesehen hatte, und die seltsame Aeußerung des Pastors trat vor ihre Seele. Woher mochte es kommen, daß man den Jungen nicht für kräftig und gesund hielt. Sollte ihre Schuld sich an ihm strafen, sollte wirklich eine geheime Krankheit an dem Mark seines Lebens zehren? „Nein, nein," rief sie laut, „es kann nicht sein, so wird mich. Gott nicht Heimsuchen, es wäre hart, es wäre grausam!"
Sie sank auf einen Stuhl und faltete die Hände. Sie wollte beten, sie wollte flehen, aber kein Wort drang über ihre Lippen, es war, als ob die Angst ihre Seele zusammenpresse. Und dann stieg er wieder in ihrer Seele empor, der furchtbare, der entsetzliche Verdacht, und sie mußte den Gedanken fortspinnen, sie mochte wollen oder nicht, sie mußte berechnen, was der Tod des Kindes dem Vater für Vortheile bringen würde.
An allen Gliedern zitternd, erhob sie sich; wenn Erich hier wäre, sein Anblick würde ihr Trost geben und vielleicht, wenn er die verzehrende Angst ihrer Seele sähe, er möchte Mitleid haben, und wenn sie sprechen könnte — o nein, nein, wie konnte sie daran denken! Aber doch, wie sie sich nach ihm sehnte, wie tobt und leer war das Haus ohne ihn! Die ganze Nacht mußte noch vergehen und die bangen Stunden des kommenden Tages, wo er auf der See weilte, bei der gefahrvollen Arbeit, die ihm nicht zustand und zu der sie ihn getrieben hatte. Sie horchte angstvoll; fuhr nicht der Wind brausend daher, und hörte sie nicht das Rauschen der Wellen bis zu sich schallen? Sie verließ schnell das Haus, um sich Gewißheit zu verschaffen und blieb an der Thür stehen. Es war ein Jrrthum gewesen, was sie gesürchtet hatte; die Nacht war hell und klar, der Mond blickte freundlich hernieder und nur ein leichtes Lüftchen strich fächelnd durch die Blätter im Garten. Unwillkürlich falteten sich ihre Hände, als sie in den Gottesfrieden der Sommernacht hinausschaute. „Erbarme Dich, mein Herr, erbarme Dich," drängten sich die Worte halblaut von ihren Lippen. Sie wiederholte sie leise, nicht einmal, nein, viele Male, ehe sie in das einsame Haus zurückkehrte. Sie setzte nichts hinzu und sie nahm nichts davon. „Erbarme Dich, mein Herr, erbarme Dich."
Die Nacht verging und der Morgen kam heran. Still und geschickt verrichtete die Mutter ihre Hausarbeit; sie sorgte für ein kräftiges Mittagessen, denn Erich würde müde und hungrig heimkommen. Dann wartete sie. Die Stunde, wo Ering herangesprungen zu kommen pflegte, verrann, Niemand


