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Abend ober morgen früh, wie es mir paßt, mit ihm zurückfahren. Mach' Dir um mich keine Sorgen, alter Jungs!"
Er klingelte, um ein Frühstück zu bestellen, worauf sich beide Herren, nachdem sie dasselbe eingenommen, zur Polizei begaben, um Rücksprache mit jenem Commisiar zu halten und ihm den gefundenen Manfchettenknopf vorzulegen.
Der Beamte hörte aufmerksam die Geschichte des Ameri» kaners an.
„Und Sie haben die Ueberzeugung, daß dieser Mister Prien, welcher mit Ihrem Vermögen durchgegangen ist, sich hierher gewandt hat?" fragte er, als Warneck geendet.
„Die Ueberzeugung habe ich allerdings, Herr Commisiar!" versetzte Warneck. „Ja, sogar die Gewißheit, daß derselbe im Garten des vom Blitze eingeäscherten Hauses gewesen ist."
Das Gesicht des Beamten zeigte den Ausdruck höchster Ueberraschung und Spannung.
„Dieser goldene Manschettenknopf ist heute von Fräulein Holten dort im Garten gefunden worden," fuhr Warneck rasch fort, „bitte, Monogramm und Stempel genau zu betrachten."
„Sie glauben, daß diese Buchstaben den Beweis für Ihre Behauptung liefern?" fragte der Commisiar achselzuckend.
„Zum Theil allerdings, William Prien, das stimmt, und der Stempel erst recht. Vergleichen Sie denselben gefälligst mit meinen Knöpfen, Herr Commisiar! — Habe die Dinger bei Finch in Chicago gekauft und von ihm stammt auch dieser gefundene Knopf, oder ich will verdammt sein zur — zur —"
Er konnte nicht gleich das schlimmste Loos finden, im Stillen aber meinte er — zur Heirath.
Der Commisiar verglich die Knöpfe und nickte erregt.
„Das sieht allerdings so aus," sagte er dann, „bitte, Herr Warneck, geben Sie mir gefälligst eine genaue Personalbeschreibung jenes Menschen."
„Na, er ist groß und schön gewachsen, Hände und Füße klein, meiner Ansicht nach viel zu klein für die Figur —"
„Aber doch groß genug, um Dein Geld zu packen und damit durchzugehen," bemerkte Marbach, vor deffen innerem Auge sich seltsamerweise eine bestimmte Gestalt entwickelte.
„All right, oldboy! — Haare blond, dito Bart, Augen — meiner Treu, weiß nicht genau, welche Farbe sie haben, — nehmen mir grau an, — Blick scharf, brauchte keine Brille, — Nase fein gebogen, mit einem Wort, ein verdammt hübscher Kerl, in den fast alle Weiber vernarrt waren."
„Besondere Kennzeichen?" fragte der Beamte, ohne eine Miene zu verziehen. „Denken Sie recht darüber nach, weil hierauf besonders vigilirt werden muß."
Warneck dachte nach.
„Der ganze Kerl steht lebendig vor mir," sagte er endlich, „aber ich wüßte wirklich nicht, seinem äußeren Menschen einen Makel anzuhängen. Etwas hat er freilich, was aber der Bart verdeckt: zwischen Kinn und Unterlippe eine rothe Linie, als ob er einen scharfen Peitschenhieb erhalten hätte. Er zeigte mir dieselbe einmal und sagte, daß sie von dem Messetschnitt eines Indianers, in desien Hände er gerathen, herrühre. Der Kerl habe ihn scalpiren wollen, wogegen er sich so Übermensch» lich gewehrt, daß er nur diesen Schnitt, deffen feine Narbe gar nicht verblassen wolle, davon getragen habe. In seiner grenzenlosen Eitelkeit hat er alles Mögliche aufgestellt, um das rothe Merkmal zu vertilgen, weil der Kinnbart viel älter mache, wie er behauptete."
„Wollen hoffen, daß es ihm bis heute noch nicht gelungen ist," sagte der Commissar, zufrieden lächelnd. „Da wir den Mann nun also mit der Katastrophe der vorigen Nacht direct in Verbindung bringen müssen, so habe ich unter allen Umständen auf stricte Verschwiegenheit Ihrerseits, meine Herren, zu rechnen, indem wir es jedenfalls mit einem geriebenen Burschen zu thun haben. Ihre erste Aufgabe, Herr Warneck, besteht nun darin, auf einige Zeit aus dieser Gegend zu verschwinden, denn wenn er sich hier aufgehalten hat, weiß er auch bestimmt Ihre Anwesenheit und den Zweck Ihres Hierseins."
„Und wird jetzt schon eben deshalb über alle Berge sein," rief Warneck.
„Vielleicht — vielleicht auch nicht, — es ist eben in dieser Geschichte noch Vieles unerklärlich und dunkel."
„Zum Exempel, weshalb dieser Mensch mit einem Vermögen in der Tasche einen neuen Diebstahl begehen sollte?" schaltete Marbach ein.
„O, das läßt sich ja leicht erklären," sagte der Beamte, „hat ihn doch Herr Warneck als Spieler bezeichnet. Ein solcher geht keiner derartigen Gelegenhest aus dem Wege, um das Seine los zu werden."
„Den Henker auch," rief Warneck erschreckt, „wie konnte ich das nur vergessen. Sie haben recht, Herr Commissar, mein Geld ist längst zum Teufel, hätte mir die Reife ersparen und ruhig daheim bleiben können."
„Bah, Dir ist doch auch an der Bestrafung des Schurken gelegen, alter Freund!" meinte Marbach, den Arm um feine Schulter legend. „Und dann — schlägst Du unser Wiedersehen so gering an?"
„Nein, nein, old boy — er wäre ja ohne mich auch unerkannt und frei aus diesem schanbvollen Verbrechen entkommen."
„Ja, meine Herren, so ist es und nun lassm Sie uns ohne Abschweifung bei der Sache bleiben. Ich wiederhole also, Herr Warneck, daß Sie unbedingt auf eine Weile von hier verschwinden müssen-"
„Meinetwegen, vielleicht treffe ich ihn unterwegs, will die Augen schon offen halten."
„Ihr Freund muß über Ihre Reise stets auf dem Laufenden erhalten werden."
„Das ist selbstverständlich, mittlerweile thun Sie das Ihrige, Herr Commissar!"
„Versteht sich, werde ihm meine besten Kräfte auf die Fersen setzen."
Die beiden Herren schüttelten dem Beamten die Hand und gingen.
„Willst Du lieber sofort mit nach Rotenhof zurück?" fragte Marbach den Freund.
„Wenn Du mich placiren kannst.—"
„Gewiß, es geht ganz gut, Du willst doch erst morgen reisen?"
„Ja, ich gehe in die Berge und telegraphire von Station zu Station. — Will deshalb heute noch mit Dir beisammen bleiben."
Nach einer halben Stunde fuhren sie bei dem Doctor vor, um Fräulein Holten abzuholen.
Das Wetter war herrlich an diesem zweiten Pfingsttage, die Luft so klar und wundervoll, von Blüthendust gleichsam durchtränkt, daß Armgard Holten es in der Einsamkeit ihre« Zimmers nicht aushalten konnte und nach Tisch in den Garten hinaustrat. Sie vermied es, an jenem Fenster, hinter welchem Lotta krank lag, vorüberzugehen, da eine ihr selber unerklärliche Abneigung gegen das Kind, welche sie vergebens zu be« kämpfen suchte, Besitz von ihr genommen hatte.
Das Fenster des Krankenzimmers, das im ersten Stock sich befand, stand offen. Armgard warf aus der Entfernung einen Blick dahin und blieb erstarrt stehen. Die Kleine hatte das Bett verlassen und sich weit hinausgebeugt- Offenbar war Niemand bet ihr, da der Arzt erst die Krankenwärterin mit* brachte.
Mit hastigen Schritten eilte Armgard hinzu.
„Lotta, was machst Du für Geschichten?" rief sie hinauf. „Geh' in's Bett zurück."
, Tante — ich will zu meinem Papa! schluchzte das Kmd in so'herzbrechenden Tönen, daß es sicherlich keine Comödie sein konnte. „Ec kommt nicht wieder und Du läßt nnch mit der schrecklichen Frau allein."
„Leg' Dich in's Bett, Lotta!" gebot Armgard. „Ich komme zu Dir!"
"Ja, wenn Du auf der Stelle gehorchst."
Das Kind verschwand vom Fenster.
(Fortsetzung folgt.)


