Ausgabe 
21.1.1893
 
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Keine Antwort. Es regte sich nicht».

Und nun konnte er das Eisengitter erfaffen. Mit einem kräftigen Schwung stand er auf dem Dache. Da lag die alte Frau im Winkel am Boden und ihre beiden Hände hielten das Eisenhäuschen der Laterne fest umfaßt, als wollten sie das erstorbene Flämmchen behüten und bewahren dem fernen Sohne zur Liebe für ihn, der den Kiel des Bootes heimwärts lenkte durch Sturm und Wogen, als Wahrzeichen der Heimath, der nie versiegenden Mutterliebe.

Sie war tobt, die Alte, das Waffer spülte über ihren Kopf dahin, das eisgraue Haar lag aufgelöst in den Fluthen, und der Körper zeigte die Erstarrung des Sterbens. Mutter Katharina chatte das Leben dahingegeben um ihres Sohnes willen, getreu seiner letzten Bitte, daß doch das Licht brennen möge, wenn er in dieser Nacht nach Hause kommen werde.

Hans Adam hob mitleidig den schweren Körper aus dem Wasser und setzte ihn so gegen die Ecke des Eisengitters, daß der Kopf in angelehnter Stellung frei blieb. Dann, nachdem er sich überzeugt hatte, daß keine weitere Hilfe mehr möglich sei, wollte er wieder in das Boot springen, mußte aber zu seinem heftigsten Erschrecken sehen, daß das kleine Fahrzeug vom Winde losgeriflen worden war und nun mehrere Schritte entfernt auf den Wellen trieb, landeinwärts zwar, aber doch seiner ausgestreckten Hand nicht mehr erreichbar.

Was nun?

Stundenlang, bis zu den Knieen im Waffer stehend, dem Sturme preisgegeben zu sein, wartend, bis man ihn vom Schlöffe her suchen würde, das war äußerst unangenehm. Der Baron legte beide Hände an den Mund und stieß einen langgezogenen Ton hervor.

Halloh! Halloh! Ho!"

Aber es regte sich nichts. Die Männer waren zu weit fort, um ihn noch hören zu können.

Halloh! Ho! Halloh!»

Hier," klang es durch den Sturm zu ihm herüber. Hier 1"

Das war eine Frauenstimme! Hans Adam schüttelte den Kopf; ihn beschlich ein unangenehmes Gefühl. Wenn es Ruth wäre!

Wer ist da?» fragte er.

Jetzt klang die Antwort näher-Ich bringe Ihnen das Boot, Herr Baron, es geht ganz gut.»

Sie, Fräulein Malten?»

Er sah zwischen den Baumstämmen die schlanke Gestalt vorsichtig manöoeriren-

Adele hatte den allerkleinsten Kahn vom Pflock gelöst, eine Nußschale für zwei Personen, von den Fischern gebraucht, um zwischen ihren Fahrzeugen und dem Lande den Verkehr zu vermitteln; sie stemmte mit dem Ruder bald hier, bald dort auf den Grund und warf dann in halber Entfernung von dem Hause der alten Katharina ein Seil so geschickt durch die Lust, daß es nicht einmal der Gewandtheit des Barons bedurft hätte, um die Schnur aufzufangen und an derselben den kleinen Kahn heranzuziehen. Dann sprang er so vorsichtig als mög­lich hinein, ohne jedoch ein gefährliches Schaukeln des Bootes verhindern zu können. Seine beiden Arme umfaßten das Mädchen, um es vor jähem Fall zu bewahren.

Fräulein Malten!"

Sie sah ihn nicht an.Der Kahn!" sagte sie mit un­sicherer Stimme.

Er warf schon das Seil über einen Baumstumpf.Wie kamen ^ie nur hierher, Adele? Nein, nein, Sie dürfen mir nicht ausweichen. Ich will Alles wiffen, Alles 1 Wer gibt denn auch ein Geschenk nur halb?»

Ich habe Ihnen nichts geschenkt, Herr Baron!»

Doch, Adele, Sie kamen hierher, weil Sie mich in Ge­fahr glaubten. Es ist ja nicht zum ersten Male, daß Sie mir tapferen Beistand leisten."

Wie?"

Und nun sah sie ihn doch an, blaß und zitternd, secunden- lang, dann senkten sich die Lider, als habe der Blick eine Flamme getroffen.Ich Ihnen, Herr Baron?»

Gewiß! Haben Sie mir nicht den Herrn Commerzien- rath Liffauer von meiner Thür entfernt?»

Ach das - das -»

Weiß ich," nickte er.Und ich weiß noch viel mehr, Adele."

Adele schluchzte leidenschaftlich, ein nervöses Zittern durch­lief ihren ganzen Körper.Ich bin vielleicht böse und schlecht, Herr Baron- Wiffen Sie, was ich in dieser Nacht gewünscht

>abe?"

Nun?"

Daß das Waffer bis zum Schlöffe steigen und es zer- chellen, hinwegspülen möchte, weit hinaus in das Meer, daß nichts Lebendes verschont werde am wenigsten ich selbst."

Welch' eine Uebertreibung, Adele! Demnächst geht Ihr Beide nach Nizza, Du und meine Frau, da sollt Ihr das Leben erst recht genießen. Ich komme Euch nach sind das nicht herrliche Aussichten?»

Das junge Mädchen schauderte.Nach Nizza?» wieder­holte sie.Ganz fort von hier ganz fort?"

Für den Winter," ergänzte er, ihr das windzerfauste Haar aus der Stirn streichend.

Adele, keine Todesgedanken wieder. Man lebt, unt selbst glücklich zu sein und Anderen Glück zu spenden."

Seine Blicke magnetisirten die ihrigen.Wir haben wachenden Sinnes einen Traum durchlebt, Adele einen süßen, herrlichen Traum, nicht wahr? Umso schöner, weil die Wirklichkeit ihre Rechte einfordert."

Und als sie angstvoll schwieg, ließ er sie auf den Sitz hinabgleiten und brachte das Boot an's Land. Ihre Hand in der seinen, ging er dann mit ihr zum Schlöffe, ohne noch viel

zu sprechen.

Mit einem leisenGute Nacht!" verschwand sie durch eine Seitenthür, während er zum vorderen Portal ging und hier die Klingel zog. , , ,

Ein Lakai öffnete und oben an der Treppe, mit hoch- gehaltener Lampe in der Hand, stand Ruth.Endlich kommst Du, Hans!"

Was, Du schläfst noch nicht?"

Aber wo warst Du denn?» forschte sie.

Er schlug den Regenrock auseinander-Schau' her! Heute ist's für jegliche Erklärung zu spät.»

Und dann erloschen auf Moldt die Lichter. Wer nicht schlief, der barg doch das Gesicht in den Kiffen und suchte wenigstens die Schauer der letzten schreckensvollen Stunden für den Augenblick zu vergessen- n u ,

Rur Eine nicht. Am Fenster ihres Zimmers stand Abele und sah hinaus in die Nacht. Schauer nach Schauer ging durch ihre Adern, sie schluchzte bald und sah dann wieder mit dem Ausdruck des schrankenlosesten Glückes vor sich hin. Ein Kampf, der alle ihre Lebenskräfte in Anspruch nahm, ein heißer, leidenschaftlicher Kampf tobte in ihrer Seele und ließ sie in einem Augenblick zittern, im andern jubeln. Erst als der Mor­gen dämmerte, warf sie sich angekleidet auf ihr Bett, aber nur, um mit offenen Augen weiter zu träumen.

Auch auf Dornau war die Vernichtung hereingebrochen, viel stärker und gewaltiger noch, als Erich befürchtete. Der Schaden mochte viele Tausende betragen, vielleicht den ganzen Wohlstand auf eine Reihe von Jahren hinaus gefährden. Mit finsterer Miene standen die Taglöhner an der Stätte ihrer mühevollen, nun gänzlich zerstörten Arbeit.

Wäre nicht dieMöve so muthwillig erschossen worden!» sagte Einer und hatte mit diesen Worten der allgemeinen Stimmung den Ausdruck verliehen.Wer weiß, ob man dann ein so großes Unglück beklagen müßte."

Ja, die Möve! Was will überhaupt die Frau mit dem blassen, unheimlichen Gesichte und der Pistole in der Tasche auf Dornau? Ich sehe sie fast täglich."

Ich auch. Drüben am Moor klettert sie über die Gräben und im Walde sitzt sie zwischen den dichtesten Kräutern, die Hexe. Irgend etwas sammelt sie immer.»

Im Steinbruch habe ich sie neulich getroffen, da hatte sie ein schwarzes Tuch um den Kopf geschlungen und sang ein