nahm, sofern nur auf einen erklecklichen Gewinn für ihn selber dabei zu hoffen war. Er galt für den ständigen Berather und Rechtsbeistand einiger notorischer Wucherer, und es war ihm erst unlängst durch allerlei geschickte Kniffe gelungen, ein paar Gründer der gefährlichsten Sorte, die durch ihre schwindelhaften Manipulationen zahlreiche kleine Leute um sauer erworbene Sparpfennige gebracht hatten, vor entehrender Bestrafung zu bewahren.
Aber wenn man den Advocaten auch für schuldig hielt, so glaubte man doch nicht daran, daß er sich aus freien Stücken zu einem Eingeständniß dieser Schuld, das seine Ver- urtheilung möglich gemacht hätte, bequemen würde. Seine Unterredungen mit Paul Bergmann hatten keinen Zeugen gehabt. Wenn er die Angaben des jetzt Verurtheilten als völlig aus der Luft gegriffen bezeichnete, so stand eben eine Aussage gegen die andere, und es war unausbleiblich, daß diejenige des Rechtsanwalts zuletzt für gewichtiger angesehen werden mußte, als die des Mörders, der möglicher Weise durch eine verzweifelte Lüge seinen Kopf zu retten gehofft hatte.
Alle Welt erwartete von der bevorstehenden Verhandlung also kein anderes Ergebniß, als höchstens eine Rüge für das unpaffende Benehmen, welches Stirner dem Präsidenten des Gerichtshofes gegenüber beobachtet, und die allgemeine Ueber- rafchung war nicht gering, als der zur Reinigung seiner Ehre vorgeladene Rechtsanwalt mit dreister Stirn erklärte, Paul Bergmann habe nur die Wahrheit gesagt und er habe ihm allerdings empfohlen, seine That, deren er auf dem Wege des Jndicienbeweises kaum hätte überführt werden können, bis zum letzten Augenblick in Abrede zu stellen. Von der ungewöhnlich hohen Belohnung, welche ihm der Mörder versprochen haben sollte, wollte er freilich nichts wiffen, sondern er erklärte, daß es lediglich seine Auffaffung von den Pflichten und Rechten eines Vertheidigers gewesen sei, welche seine Handlungsweise bestimmt habe.
Und diese Auffaffung vertheidigte er nun in einer Rede, wie sie scharfsinniger und glänzender vielleicht noch niemals für eine verlorene Sache gehalten worden war. Bei einer gelehrten Disputation des sechszehnten Jahrhunderts würde er mit den oratorischen Kniffen und Kunststückchen, von denen seine lange Rechtfertigung voll war, ohne Zweifel einen großen Erfolg davon getragen haben; vor diesem aus nüchternen und scharf denkenden Juristen zusammengesetzten Ehrengerichtshofe aber versagten seine dialectischen Taschenspielerkünste ihre Wirkung. Man mochte wohl im Stillen bedauern, daß so viel Geist und Talent in den Dienst schlechter Instinkte gestellt worden sei; aber man ließ sich dadurch nicht abhalten, denjenigen Spruch zu fällen, welcher durch die Gebote der Standesehre vorgeschrieben war.
Der Name des Doctor Julius Stirner wurde aus der Liste der Rechtsanwälte gestrichen. Das Recht zur Ausübung der Advocatur war ihm durch das Urtheil der Anwaltskammer für alle Zukunft entzogen worden.
Die Angelegenheit, deren Kenntniß eigentlich erst jetzt in weitere Kreise des Publikum; gedrungen war, erregte nicht geringes Aufsehen und man beschäftigte sich ein paar Tage oder Wochen lang sehr angelegentlich mit der Person des Doctor Stirner- Dann aber wurde die Sache über einer neuen Sensations-Affaire vergessen, und man kümmerte sich nicht weiter darum, was aus dem ehemaligen Rechtsanwalt geworden sein möge. — —
Noch an demselben Tage, an welchem der Spruch des Ehrengerichts ergangen war, hatte Bernhard Rodewaldt einen Brief' erhalten, der die Namensunterschrift Stirners trug. Nach der Fassung dieses augenscheinlich in großer Aufregung hingeworfenen Schreibens konnte der Staatsanwalt nicht daran zweifeln, daß der Ausgestoßene ihn für den eigentlichen Urheber seines Geschickes ansah und daß er von glühendstem Hasse gegen ihn erfüllt war. Der Brief wimmelte von gröblich beleidigenden Wendungen und in einem sehr brüsken Ton forderte Stirner noch einmal für die ihm angeblich zugefügte Beschimpfung Genugthuung mit den Waffen.
„Wenn Sie auch diesmal feige genug sein sollten, mir
die geforderte Satisfaction zu verweigern," hieß es da am Schluffe, „so werde ich mir meine Genugthuung zu erzwingen wissen, indem ich Sie bei erster Gelegenheit auf offener Straße züchtige wie einen Buben. Seien Sie versichert, mein Herr Staatsanwalt, daß ich Ihnen nichts schenken werde — Ihnen weniger als irgend einem Menschen auf Erden!"
Bernhard Rodewaldt hatte diesen Brief in den Papierkorb geworfen und hatte nicht daran gedacht, ihn zu beantworten. Mit einem Menschen, der durch das Urtheil seiner Standesgenossen in aller Form für ehrlos erklärt worden war, hatte er nichts mehr zu schaffen, und den Drohungen Stirners legte er nicht die geringste Bedeutung bei. In der That waren dieselben auch allem Anschein nach gar nicht ernsthaft gemeint gewesen oder der Briefschreiber hatte sich bei ruhiger Ueberlegung eines Besseren besonnen. Der Staatsanwalt hörte nichts mehr von ihm, und nur durch einen Zufall erfuhr er mehrere Wochen später, daß Doctor Stirner an die Spitze eines großen Auskunfts- und Detectiv - Bureaus getreten sei.
Elfriede Hallenstein hatte Rodewaldt seit jener ersten Begegnung nicht wieder gesehen, und er vermied geflissentlich alle Orte und Veranstaltungen, wo er mit ihr oder ihrem Vater hätte zusammentreffen können.
Einigen Berührungen mit dem Doctor Ernst Hallenstein hatte er freilich nicht aus dem Wege gehen können; denn der junge Arzt hatte die Gelegenheit dazu äugens heinlich mit großem Eifer gesucht- Je weniger sich Bernhard Rodewaldt zu ihm hingezogen fühlte, desto lebhafter schien das Wohlgefallen zu sein, welches der Doctor an ihm gefunden. Als er erfahren hatte, in welchem Weinhause der Staatsanwalt zu speisen pflegte, erschien auch er fast täglich in demselben, und ungeachtet der ziemlich kühlen Haltung, welche der Andere ihm gegenüber beobachtete, geberdete er sich bald ganz so, wie wenn sie seit Langem vertraute Freunde wären. Anfänglich hatte Rodewaldt, der sich jener von seinem Bekannten entworfenen Schilderung erinnerte, den Argwohn, daß es dem jungen Arzte vielleicht nur um die Erlangung eines Darlehens zu thun sei; da aber Ernst Hallenstein niemals ein derartiger Ansinnen an ihn stellte, mußte er schließlich wohl daran glauben, daß es lediglich Zuneigung sei, was ihn zu diesem Aufdrängen seiner Freundschaft bestimmte, und er hatte unter solchen Umständen nicht das Herz, dieselbe bestimmt und un- zweideutig zurückzuweisen.
Der Name Elfriedens wurde seltsamer Weise niemals zwischen ihnen genannt, und so wußte der Staatsanwalt trotz seines Verkehrs mit dem Doctor nicht, ob die Beziehungen Stirners zu dem Hause Hallenstein noch fortbestanden oder ob sie inzwischen vielleicht sogar einen noch intimeren Character angenommen hatten. ,, _ L
Bei einem Wohlthätigkeitsconcert, dessen Besuch Rodewaldt aus besonderen Rücksichten auf seine amtliche Stellung nicht hatte vermeiden können, sah er sich plötzlich von dem Gymnastaldirector angeredet. Die Begrüßung, welche Professor Hallenstein ihm zu Theil werden ließ, war eine sehr sreundschaftliche und hatte wenig Aehnlichkeit mit seiner damaligen Verabschiedung. , , ,
„Warum in aller Welt haben Sie sich nie mehr bei uns sehen lassen, mein lieber Herr Staatsanwalt?" fragte er lebhaft. „Ich hoffe, daß es nur die Last Ihrer Geschäfte war, welche Sie davon zurückhielt; denn ich würde, es aufrichtig beklagen, wenn jenes leidige Vorkommniß bei Ihrem ersten Besuche Ihren freundschaftlichen Gesinnungen für mich und meine Familie Eintrag gethan hätte- Ihr Benehmen bei jener Gelegenheit ist mir selbstverständlich später als vollkommen correct erschienen, und ich würde vielleicht sogar Veranlassung haben, mich für die darin enthaltene Warnung noch besonders bei Ihnen zu bedanken, wenn nicht glücklicher Weise meine Tochter selbst das peinliche Mißgeschick abgewendet hätte, von dem wir durch die Bewerbung dieses sauberen Herrn Doctorr bedroht waren." , .
Bernhard Rodewaldt horchte hoch auf. Etwas wie eme beglückende Hoffnung durchströmte plötzlich seine Brust und mit unsicher klingender Stimme fragte er:


