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von Toffsky in'8 Auge. Sie erinnerte ihn an eine dunkel- rothe, aufgeblähte Päonie und als Gegenstück dazu tauchte wider seinen Willen Astas Bild in seinem Herzen auf.
Die Fürstin war ein ganzes Theil älter, als ihr Gemahl, welcher der Thronfolge halber — sein Vater, Erbprinz Alexan» der, war früh gestorben — von seinem Großvater sehr jung verheirathet worden war. Seit Jahren schon nahm die Fürstin, welche obendrein brustleidend war, am Tanze nicht mehr Theil-
Fürst Heinrich hatte mit Kennerblick gleich beim Eintritt in den Saal die Schönste herausgefunden und erbat sich Streh. lens Frau zur Eröffnung des Balles. Prinz Alexander, sein ältester Sohn, der zur Geburtstagsfeier von der Universität hergereist war, wählte sich Asta. Leonore war die einzige Dame, mit der der Fürst zu verschiedenen Malen tanzte.
Anfangs fühlte sich der Oberst nicht wenig geschmeichelt durch die Auszeichnung, welche seiner schönen Frau zu Theil wurde, dann aber wurde es ihm zu viel und er hätte es am liebsten gesehen, sie hätte sich dem Tanz ganz ferngehalten, nur um nicht wieder mit dem Fürsten anzutreten. Er deutete ihr an, es möchte Aufsehen erregen, ob sie sich der Ehre nicht entziehen könne. Im Stillen beneidete man sie und deshalb werde man ihr diese Bevorzugung nicht vergeben und sie anders auslegen. Erschrocken versprach ihm Leonore, jede fernere Aufforderung abzulehnen. Sie hatte schon im Stillen gefürchtet es möchte ihm unangenehm sein, wenn sie zu viel tanze, lasse er sich gleich nichts davon merken; sie zitterte noch in der Erinnerung an den furchtbaren Auftritt in Rom. Um Alles in der Welt wolle sie ihm nicht Grund zur Eifersucht geben.
Eben war sie nach beendeter Tour zu ihrem Mann zurückgeführt worden, als Asta in Heller Verzweiflung auf sie loseilte.
„Liebe, Einzige, Beste, rathe mir, hilf mir," jammerte sie. „Ich bin schon wieder mit dem abscheulichen Fernow engagirt, jetzt, für den kommenden Tanz. Erna stand dabei und deshalb konnte ich ihm keinen Korb geben, und er ist mir doch so unausstehlich! Er drückt mich immer an sich, es ist nicht zum Aushalten, sage ich Dir, und sein Athem fährt glühend heiß über mein Gesicht hin, ich mag den Kopf noch so sehr verdrehen. Es ist rein fürchterlich; er bläst aus zwei Nüstern Wüstenwind! Bitte, bitte, erlöse mich von ihm!" quälte sie.
„Der Kleinen zu Liebe nur noch einen Tanz, Ludwig?" flüsterte Leonore bittend ihrem Manne zu.
Er nickte, stumm gewährend.
Herr von Götz näherte sich eben der Gruppe, in der guten Absicht, Asta dadurch zu kränken, daß er Leonore aufforderte und um den nächsten Tanz bat.
„Ich muß bedauern, Herr von Götz," lehnte Leonore ab, „ich bin leider nicht mehr frei, aber meine liebe kleine Freun» bin hier ist noch nicht versagt."
Asta schüttelte heftig abwehrend den Kopf und warf der älteren Freundin einen vorwurfsschweren Blick zu, ihr durch lebhaftes Mienenspiel ihre Unzufriedenheit mit dem Arrangement kundgebend. ö
Der kleine Lieutenant hatte es bemerkt. In seinen Augen funkelte fanatische Tücke, während er sie vor heimlicher Belustigung zusammenkniff.
„Außerordentlich verbunden! Werde nicht ermangeln, meine Gnädigste," näselte er mit mühsam verhaltenem Lachen, verbeugte sich tief und trat zur Seite.
Das Zeichen zum Beginn des neuen Tanzes war gegeben worden. Die Herren engagirten ihre Tänzerinnen und Herr von Fernow nahte, um Asta zu holen. Dicht hinter ihm kam Fürst Heinrich. Er liebte es, sich frei und ungezwungen zu bewegen, er ließ nur selten seine Dame durch den Adjutanten auffordern. ,
Als der Oberst ihn kommen sah, wurde er unruhig und Leonore gewahrte, wie seine Linke am Schnurrbart zerrte, roarVin Lch/res Anzeichen von bevorstehendem Sturm' i Mit raschem Entschluß trat sie Fernow entgegen. !
„Fräulein von Schönholz läßt sie höflichst ersuchen, für viesen Tanz mich als Ersatz anzunehmen," sagte sie mit geho» vener Stimme.
' i §er also Angeredete schien nicht sehr angenehm überrascht, i doch fügte er sich mit einer artigen Redensart in den Wunsch der Damen.
Strehlens finstere Stirn glättete sich bei den Worten seiner Frau und seine Linke gab den Bart frei.
Ueber Fürst Heinrichs Züge flog ein Schatten des Un« muths. Er veränderte jedoch seine Richtung nicht, legte den Kopf mit unnachahmlich stolzer Geberde noch mehr in den Nacken, ging an Leonore vorbei und forderte Asta auf. Götz machte ein süßsaures Gesicht, während er pflichtschuldigst mit tiefem Bückling seine Tänzerin dem Fürsten abtra^
Ein schadenfrohes, boshaftes Lächeln hob Astas Oberlippe; es drückte dem kleinen Lieutenant beredter als ein Dutzend Worte aus, wie froh sie war, von ihm loszukommen, und das ärgerte ihn.
Leonore hatte ihren Zweck erreicht: der Fürst suchte sie nicht wieder auf.
Asta kam vom Tanz mit Serenissimus ganz aufgeregt, mit glühenden Wangen zurück und bedankte sich hundertmal für das große Opfer, das Leonore aus Freundschaft für sie gebracht. Sie würde ihr das niemals vergessen, betheuerte sie.
Leonore wehrte lächelnd die überschwänglichen Dankes- äußerungen der Kleinen ab, weil Fernow doch ebenso gut wie Götz ihrem letzten Tänzer hätte nachstehen müssen.
Da unterbrach Götz die Streitenden, indem er nunmehr ein Recht auf die folgende Extratour beanspruchen zu glauben dürfte.
„Sie haben kein Glück bet mir! Ich muß leider danken! Ich darf mir nicht zu viel zumuthen und schlug bereits meinem Vetter den Tanz ab," entgegnete Leonore.
„Ja, lieber Götz, Sie müssen entschuldigen," stimmte der Oberst eifrig bei.
„Ich bitte hiermit um den früher bewilligten Ersatz, gnädige Frau," erklärte Götz rasch.
Asta sah ihn mißtrauisch von der Seite an. Nach kurzem, secundenlangem Schwanken, ob Herr von Fernow nicht doch vielleicht vorzuziehen sei, legte sie mit einem trotzigen Zurückwerfen des Kopfes ihren Arm in den seinen. Biegen oder brechen, dachte sie, jetzt gilt es. Deine Meinung soll er zu hören bekommen, mag's ihm behagen oder nicht. Schlimmsten Falls kann er dich nur stehen lassen.
„Ich bin keine gewandte Partnerin," hob sie heraus- fordernd an, „Fräulein Ehrenberg vom Ballet wird sicher besser tanzen."
„Kann darüber nicht urtheilen. Habe noch nicht das Vergnügen gehabt, mit der Dame zu tanzen," parirte er ihren schnippischen Ausfall sehr ruhig. „Eins aber weiß ich für gewiß, Fräulein Ehrenberg würde keinem ledigen Herrn Be- suche abstatten."
„Was meinen Sie damit?" stammelte Asta, verlegen werdend.
„Fräulein Ehrenberg würde Herrn Werner nicht ohne Be- gleitung im Atelier ausgesucht haben, mein gnädiges Fräulein, und vor Besuchern hinter die Fenstervorhänge geflüchtet sein."
Asta hatte bei dieser herbe verurtheilenden Auseinandersetzung den Kopf tiefer und tiefer gesenkt. Ihr rosiges Kinn vergrub sich in den Maiblumenstrauß, der ihre Brust schmückte- Sie fühlte sich schuldig und schwieg.
Mitleid wollte in ihm aufsteigen. Ihre Hilflosigkeit war sie wirksamste Vertheidigung. Er that ihm fast weh, daß Scham und Verlegenheit sie derartig niederdrückten; darauf war er nicht gefaßt gewesen, sondern auf eine schneidige Ent- zegnung. Er fühlte sich entwaffnet; aber nein, er wollte con- equent sein. Ein guter Feldherr steht bei halbgewonnener Schlacht nicht still und läßt sich den Vortheil aus der Hand nehmen; er verfolgt den Sieg weiter und treibt den weichenden Feind aus allen Verschanzungen.
(Fortsetzung folgt.)


