Drenstag, den 20. Juni.
Nr. 71
1893.
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zunr Gietzenev Anzeigen (Geneval-Anzeigev)
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Verschlungene Pfade.
Roman von Max Hochberg.
(Fortsetzung).
Der Oberst verließ dröhnenden Schritte» den Balkon, während Leonore wie erstarrt auf ihrem Platz verblieb, un- fähig, sich zu erheben und ihm zu folgen. Er ging nach der Straße hinunter. Da» Blumenschiff war schon weitergerollt. Er konnte eö im Gedränge unmöglich verfolgen und feststellen, von welchem der zahlreichen Bemannung der Strauß geworfen worden.
Auf seine Frage erfuhr er, es sei da» Schiff der Maler, eine Thatsache, die seine Erregung nicht herabstimmte.
Er verzog noch eine kurze Weile, um seiner Empfindung Herr zu werden und kehrte dann zu seiner Frau zurück, die sein Kommen nicht zu bemerken schien. Ihr Kopf war leicht gesenkt, ihre Wimper streifte fast die Wange. Das verhäng- nißvolle Bouquet lag noch genau in derselben Lage am Boden, die es beim Niederfallen angenommen hatte, es war augenscheinlich nicht angerührt worden.
' Er stellte sich neben ihren Stuhl nnd dabei trat sein Fuß auf den gemalten Amor. Er machte auf die Damen des Nachbarbalkons aufmerksam, um sie dadurch zu zwingen, den Kopf zu wenden und wahrzunehmen, welche Beachtung er für den ihr geworfenen Strauß und sein Maleremblem hatte. „Sie will wahrscheinlich Flora aus der Kalksteingrube versinnbildlichen," verspottete er eine ältere Engländerin, die ihre Freude daran fand, ein Füllhorn aus Papiermachs mit Gipskügelchen zu füllen und sie auf die Paflanten hinabzuschütten.
„Ein plumpes Vergnügen," sagte Leonore mit vornehmer Geringschätzung, ohne ihn beim Sprechen anzublicken. Im Nu zog er den Fuß von dem Atlasband zurück, weil er sich durch ihre Aeußerung mitgetroffen fühlte. Es gährte in ihm; sie hatte rhm eine Zurechtweisung ertheilen wollen und deshalb ihren Worten einen Doppelsinn verliehen. Er nahm den Platz hinter ihrem Stuhl ein. Sie sollte wenigstens nicht den Triumph haben, den Zorn über die erlittene Niederlage in sei- nem Gesichte zu lesen. - Sie hatten sich in ihrem Salon das Nachtmahl sermren laflen.
Der Kellner überbrachte die eingelaufenen Briefschaften, darunter ein graues, viereckiges, edelweißverzierte» Couvert mit krauser Handschrift.
„Von Asta," lächelte Leonore und erbrach es.
„Was schreibt denn meine kleine Verwandte?" meinte der Oberst beiläufig.
„Nichts von Bedeutung. Sie erzählt von Erna und — Verschiedenem, was sie so gerade interessirtl" — „Hans," hatte sie hinzusügen wollen, es aber aus Vorsicht unterlaflen-
„Darf man den Brief lesen oder enthält er Geheimnisse?" forschte der Oberst. Er war mißtrauisch geworden, der abgebrochene und veränderte Gedankenausdruck seiner Frau war ihm nicht entgangen.
„Ich habe ihn erst zur Hälfte durch," erwiderte sie halb ablehnend.
„Ich bitte um den Brief I"
Leonore blickte betroffen auf: die Bitte war im Befehlston gesprochen. Sie war auf's Tiefste empört und entschlossen, den Brief zu verweigern.
Da hielt er ihn schon mit raschem Griff, ehe sie noch wußte, wie es überhaupt zugegangen. Er durchflog mit Hast den Anfang. Erna wäre meistens verstimmt, schrieb Asta, und scheine an ihr die Wirkung ihrer Gardinenpredigten erproben zu wollen. Im Grunde genommen habe sie aber Recht: die Männer taugten alle nichts. Selbst Herr von Götz, der Tugendspiegel, dies Ideal von Ritterlichkeit, hätte ihr Annette von Toffsky anvertraut, die es von dem siebzehnjährigen Leiningen wisse, der an der Thür gehorcht habe, wie Herr von Steffeck seinen ältesten Bruder besuchte, Herr von Götz lasse für sein Geld eine vom Ballet für das Schauspiel ausbilden! Es sei nicht zu glauben, aber es sei wirklich wahr! Herr von Steffeck habe gesagt, wenn er (Steffeck) es noch thäte! Herr von Götz habe doch gar nicht die dazu erforderlichen Mittel.
„Du Glückliche, Beneidenswerthe," begann die letzte Sette, „Du bist mit dem einzigen guten Menschen, den es giebt, in Rom, mit meinem lieben Herrn und Meister. Muß das schön fein, alle die Herrlichkeiten dort und die Denkmäler vergangener Jahrhunderte mit ihm zu sehen! Und er erzählt so himmlisch! Man lernt dabei, ohne es zu wissen! Ach, und der Car- neval. — Werdet Ihr Euch köstlich amüsiren! Der schlechte Mensch hat mir übrigens meine beiden letzten Briefe unbeantwortet gelassen, und daran bist Du gewiß schuld und Du wirst dafür sorgen, daß er mir nun bald schreibt. In seinem letzten Briefe gab er an: Gedulden Sie sich nun eine kurze Zeit, in vier Tagen haben Sie meine Adresse mit dem Brief aus Rom."
„Also ist der Maler doch in Rom!" brauste Strehlen auf. „Ich täuschte mich gestern nicht, als ich ihn erkannte! Himmeldonnerwetter! Er spielte mir Comödie vor mit seinem Zurückbleiben in Venedig. Es war eine ausgefeimte Schurkerei! Er wollte nur meine Freundin mit den klugen, hellen Augen los werden, weil sie Euer Spiel durchschaute. Gesteh'», die Blumen gestern und heute waren von ihm? Natürlich, von


