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Armgard Holten befand sich in ihrem Hause in Moorkirch. Hierher war sie geflüchtet vor der qualvollen Unruhe ihres Innern, vor einem Schreckgespenst, das sie verfolgte, seitdem Doctor Peters die Vollmacht zum Handeln von ihr erhalten hatte. Sie fürchtete sich vor ihren eigenen Gedanken, da die
für ihn einen einzigen Weg gab, den der Selbsterhaltung und des eigenen Vortheils.
„Ja, des Vortheils," murmelte er mit einem hohnvollen Blick auf die lebensgroßen Brustbilder von Armgards Eltern, „die theure Braut hat'S mir ja freigestellt, nehmen wir also unser Recht, da die Zeit mangelt, ihre Rückkehr zu erwarten. Vorwärts also!"
Er entledigte sich geräuschlos seiner eleganten Stiefel und lächelte befriedigt bei dem Gedanken, die Sporen, welche man ihm in jenem Dorfe angeboten, ausgeschlagen zu haben. Ja, Herr Julius konnte in diesem Augenblick noch an kleinliche Nebendinge denken und darüber lächeln. Sonderbares Menschenhirn, das in den sürchterlichsten Augenblicken armseligen Gedanken nachhängen kannl
Wieder stand er aufhorchend still, rollte da nicht ein Wagen? Bah, sie waren ja bei der Heuernte beschäftigt, er hatte es trotz seiner roilben Aufregung sehr wohl bemerkt. Er ging geräuschlos nach der Thür, welche in Armgards Boudoir führte, dieselbe war, wie er vermuthete, verschlossen. Der elegante Herr zog einen krumm gebogenen Nagel aus der Tasche, um dar Schloß zu öffnen. Seine wohlgepflegte, schöngeformte, weiße Hand zitterte nicht bei diesem unheimlichen Thun. Dann zog er den Nagel plötzlich wieder zurück und starrte vor sich hin.
„Wie lautet doch der Schlußpastus jener famosen Vollmacht ?" fragte er sich, seine Gedanken anstrengend. „Richtig, wenn ich die Verlobung aufheben wolle, wäre meine holde Braut zu jedem Opfer bereit. — Hätte gleich mit dem alten Narren von Doctor unterhandeln und die Sache in’s Reine bringen sollen, anstatt^jetzt zum gemeinen Einbrecher zu werden. Hm, wenn ich ihr einige Zeilen hier ließe, sie schwiege gewiß, weil sie zum Schaden noch Spott ernten würde. Und doch widerstrebt es mir, weil sie unerwartet heimkehren und mich dabei überraschen könnte. Vielleicht hat sie nicht viel Baares im Hause, die Zeit verrinnt, es würde zu spät sür mich!"
Er athmete schwer, der Angstschweiß perlte ihm auf der Stirn. Die kleine Standuhr schlug die vierte Nachmittagsstunde.
„Vor sieben kann der nächste Zug nicht eintreffen," rechnete er, „ich halt's hier nicht aus. Also hin zu ihr auf dem schnellsten Renner aus ihrem Stall. Noch wagt man es nicht, mir Widerstand entgegen zu setzen. Um Halbsechs Uhr muß ich in Moorkirch sein und eine Stunde später schon über alle Berge. Bah, den Kopf hoch und Deinem Stern vertraut, Du bist jetzt aller Ketten ledig!"
Er schauerte wieder zusammen, zog dann rasch die Stiefel an und verließ das Zimmer.
„Habe drinnen Kopfschmerzen bekommen," sagte er zu der überraschten Mamsell, „will lieber nach der Stadt reiten, begegne meiner Braut vielleicht unterwegs."
„Wollen Sie vorher etwas genießen, Herr Steindorf?" fragte sie gemeffen.
„Ein Glas Wein, wenn ich bitten darf, aber rasch," sagte er im Vorbeischreiten. Dann ging er schleunigst nach dem Pferdestall, wo sein abgehetzter Gaul sich an der Krippe gütlich that, suchte den besten Renner heraus und befahl einem dienstfertig hinzutretenden Knechte, denselben sogleich zu satteln und vor's Haus zu sühreu. .
„Der versteht sich auf Pferde," brummte der Knecht einem Kameraden zu.
„Und auf's Commandiren," meinte dieser mit einem scheuen Blick auf die dahinschreitende elegante Gestalt.
Mamsell Evers stand bereits mit dem Wein auf der Treppe. Er stürzte zwei Gläser davon hinunter, schwang sich dann auf's Pferd und ritt im schärfsten Trabe davon.
alten Zweifel wieder Besitz von ihr genommen hatten und sie unablässig mit der Frage peinigten, ob sie nicht recht daran gethan, einem Ertrinkenden den letzten Strohhalm der Rettung zu entziehen, ihn grausam angesichts des sicheren Hafens in's stürmische Meer wieder hinauszustoßen?
Das gemordete Kind schien die Hände nach ihr auszustrecken, um sie festzuhalten und an ihre Pflicht zu mahnen. Ihre ganze Willenskraft und klare, kalte Lebensanschauung, die sie sich so schwer erkämpft halte, waren von ihr gewichen und nur die Schwäche und mnthlose Resignation zurückgeblieben!.
Sie wunderte sich über die eigene, jäh aufgeflackerte That- kraft, mit welcher sie die Vollmacht geschrieben und sich nrplötz- lich zum Handeln aufgerafft hatte und entfloh nach der Stadt, von dem unbestimmten Angstgefühl getrieben, daß jede nächste Stunde ihr irgend etwas Entsetzliches bringen müsse. Er würde kommen, um Rechenschaft von ihr zu fordern für ihren Wort- bruch, der Mann, den sie einst mit einem Kmderherzen so leidenschaftlich geliebt, und vor dem sie jetzt ein Grauen, eine unsägliche Furcht empfand.
Auch hier in der Stadt mußte er sie finden, fein erster Weg würde doch ihrem Haase gelten. Wohin sollte sie vor ihm flüchten?
„In's Hospital - zu Tante Hanna!" sprach sie unwillkürlich diesen rettenden Gedanken laut und entschlossen aus, ohne zu bemerken, daß die alte Wirthschafteriu sie bekümmert beobachtete und sich besorgt im Zimmer zu schaffen machte, um in ihrer Nähe zu fein, da sie ihr Fräulein noch für recht krank hielt. t r P -
Die plötzliche Energie Armgards beruhigte sie em wenig, sie brachte ihr geschäftig Hut, Handschuhe und Sonnenschirm und bemerkte zu ihrem Manne, daß das Fräulem recht merkwürdig seit ihrer Verlobung geworden sei, was dieser sehr natürlich fand, da die alte Siebe, welche so lange eingerostet gewesen sei, nun eine viel „dollere Consuschon ' bei einem Frauenzimmer anrichten thäte.
Armgard schritt in der gewohnten graziösen Haltung durch die Straßen dem etwas entlegenen Krankenhause zu. Man blickte der anmuthigen Gestalt nach, grüßte vielfach und machte seine Glossen über die verliebte Erbin, welche mit ihrem Reich- thum so lange auf den ungetreuen Liebsten gewartet und sich endlich noch zum Gespött der Stadt gemacht hatte. Man gönnte ihr diesen Mann von Herzen, der sie doch nur um ihres Geldes halber jetzt heirathe und verurtheilte sie, daß sie nicht einmal so viel Ansmndsgefühl bewahrt und das Trauerjahr um das so schmählich gemordete Kind innegehalten habe.
Armgard hörte glücklicherweise nichts von diesem Urtjeil, anscheinend ruhig und stolz schritt sie dahin, freundlich die Grüße erwidernd, doch Niemand Rede stehend. So gelangte sie unangefochten in's Krankenhaus, wo der Arzt sie freundlich begrüßte und sofort auf ihre Bitte zu Tante Hanna führte.
„Sie hat heute einen besonders guten Tag, zeigt eine erfreuliche Aufmerksamkeit für die Außenwelt und nimmt merklich an körperlichen Kräften zu," sagte der Arzt, sie die Treppe hinauf geleitend. „Gehen Sie dort nur hrnem, mein gnädiges Fräulein, Tante Hanna sitzt in ihrem Lehnstuhl am Fenster, j Armgard dankte ihm und öffnete behutsam die Thür. In dem freundlichen Zimmer duftete und blühte ein reicher Blumenflor, da man von allen Seiten der gute» Tante Hanna die schönsten Sträuße sandte, unbekümmert, ob sie sich daran erfreuen konnte oder ob ihr Auge theilnahmlos darüber hin- ■ftreifte. Dankbare Herzen hatten das Bedürfmß, ihrer Siebe -für die Greisin Ausdruck zu geben und wären unsagbar glücklich gewesen, hätten sie ahnen können, daß Tante Hanna be- reits die Nähe ihrer Sieblinge empfand und ihr Blick mit entern firmenden Ausdruck auf den Blumen hastete.
Die Wärterin erhob sich bei Armgards Erscheinen und deutete lächelnd auf die Kranke, deren Stuhl dicht an bas offene Fenster gerückt war, Damit ihr der volle, ungehinderte Ueberblick des blühenden Gartens zu Theü werde.
(Fortsetzung folgt.)


