Ausgabe 
20.4.1893
 
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Nein, er muß ein Allerweltsmensch, ein Commödiant sein," fiel Mister Hilbrecht mit großer Entschiedenheit ein, sonst fängt er keinen geriebenen Spitzbuben. Sage Ihnen, Gentlemen, wir haben drüben famose Detectivs. Ist da ein gewisier Mister Haws, könnt' ihn nicht für vieles Geld haben, war just hinter einer Falschmünzer-Gesellschaft her, der hält' ihn mir aus dem rollenden Zuge herausgeholt. Ihr Mister Eckert ist ein Kohlkopf, aber kein Detectiv, der überhaupt nicht krank werden darf."

Doctor Peters lachte belustigt auf.

Gott fei Dank, daß es nur wenige von dieser Sorte gibt," bemerkte er dann,wäre sonst ein Unglück für uns Aerzte."

Wolfius hingegen war sehr ernst geworden.

Schelten Sie meinen Freund Eckert nicht, Mister Hil­brecht," sagte er halblaut,ich wette mit Ihnen, daß er den Mister Prien noch eher fängt als Sie "

Wetten?" schrie der Amerikaner.Wie hoch? Kalkulire, Mann, daß Sie dabei liegen, by Jowel"

Ich wette um zehn Flaschen Sect, Siri"

Abgemacht, Sie sind Zeuge, Doctor I"

Mister Hilbrecht reichte ihm die Hand, welche Wolfius kräftig schüttelte.

Sie reisen aber mit uns," sagte der Amerikaner,dürfen Ihren Freund nicht sprechen."

Selbstverständlich, ich reise mit Ihnen, Mister Hilbrecht!"

Ueber das ernste Gesicht des Detectivs zog's wie leiser Spott.

Eine Bedingung muß ich im Namen meines Freundes daran knüpfen," fuhr er rasch fort,die Erlaubniß Ihrerseits, Sie holen zu lassen, wenn der Vogel im Netze steckt, um die Persönlichkeit festzustellen."

All right, er kann mich rufen und ich komme, werde Ihnen meine Adresse in Moorkirch geben."

Dann müssen Sie sich ja immer zu Hause halten, Mister Hilbrecht!" wandte der Doctor ein.

Verdammt, das geht nicht, muß den old boy doch packen '

Er darf Sie dort nicht sehen, Mister Hilbrecht!" sprach Wolfius.Bleiben Sie hier, bis mein Freund Eckert Sie ruft"

Halten Sie mich für ein Rhinozeros, Sir?" schrie der Amerikaner zornig.Wär' mir eine schöne Wette! Nein, gleiche Sonne, gleiches Recht, ich lasse von seiner Spur nicht mehr und werde Ihnen das F ld nicht allein überlassen."

Doctor Peteis sah auf Wolfius, der ungeduldig die Achseln zuckte Es fchien ihm plötzlich ein anderes Licht über die Persönlichkeit desselben aufzugehen und sein Vorschlag ihm vollständig berechligt zu sein.

Bitte, Mister Hilbrecht," mischte er sich deshalb ver- mittelnd ein.Ihr Zorn ist grundlos, Herr Wolfius hat recht, sein Vorschlag ist sehr vernünstig- Wenn jener Mensch Sie dort erblickt, so ist er hinreichend gewarnt, um sofort von d-r Blldfläche zu verschwinden. Mir ist es allerdings ganz unbegreiflich, weshalb er nach dem Schauplatz feiner Verbrechen zurückkchren sollte. Wenn Sie sich doch nur nicht in der Person geirrt haben."

Unsinn, Sir! Kenne den Vogel zu genau! Es war Mister William Prien, darauf will ich gleich hunderttausend Dollars verwetten. Aber hier in dem Neste bleib' ich doch nicht."

Lassen Sie uns einen Ausweg suchen, Mister Hilbrecht!" begann Doctor Peters auf's Neue-Setzen Sie zum Exempel eine kurze Frist, Herr Wolfius!"

. Mn, sagen wir drei Tage," erwiderte der Detectrv rasch,geben Sie mir diese kurze Frist, da ich meinen Freund doch erst instruiren muß, Sir!"

Der Amerikaner schüttelte ungeduldig den Kopf.

Unsinn, Mann, weder Sie noch Ihr Freund, der kranke Detectiv, kennen den Mister Prien, was wollen Sie dort ohne mich beginnen? Und weiter, Sir! Was soll ein Kranker dort? Kommt mir wahrhaftig beinahe der Gedanke, als ob Sie den Kerl entwischen lassen möchten."

Der Gedanke wäre doch zu dumm, Mister Hilbrecht!" rief der Doctor.Ich bürge für diesen Herrn, geben Sie nach, bleiben Sie drei Tage hier, mein Gott, die kurze Frist gewährte ja selbst der Tyrann von Syrakus."

Der Amerikaner lächelte als Republikaner verächtlich über diesen ihm völlig unbekannten Tyrannen, den er für irgend einen deutschen Monarchen halten mochte. Endlich aber gelang es der vereinten Ueberredung der beiden Herren, ihn zum Bleiben zu bewegen. Er gab Handschlag und Wort darauf, versicherte aber energisch, daß er genau nach dreimal vierund­zwanzig Stunden auch ungerufen abreisen werde. Dann be­gleitete er Beide nach dem Bahnhof und sah ihrer Abfahrt zu-

*

Mittlerweile war Julius Steindorf mit dem Schnellzuge bis zur letzten Station vor Moorkirch gekommen und hier aus­gestiegen. In dem eine Viertelstunde entfernten Dorfe, wo er hinreichend bekannt war, miethete er sich ein kräftiges Reit­pferd und sprengte mit verhängten Zügeln über die Chaussee, welche an Rotenhof vorüber nach Evenheim führte. Wo er sich eine Strecke abschneiden konnte, benutzte er ohne Skrupel die Feldwege und nur vor dem früheren Heim, da« er um eines Weibes willen verscherzt, hielt er das Pferd an, um mit wilderregten Augen hinüber zu schauen. Seine Lippen beweg­ten sich dabei lautlos, wie in einem inneren Krampfe und wüthend ließ er die geborgte Reitgerte über das Pferd sausen, daß es im rasenden Galopp mit ihm davon stürmte-

Wie die Gedanken während dieses tollen Rittes in seinem fiebernden Gehirn tobten, wie höhnend die Zeilen des verhäng- nißvollen Docnments in den Händen des verhaßten Doctors vor ihm in der Luft tanzten und dann?

Die Hölle ist los!" murmelte er plötzlich, als ob ihm die Kehle zugeschnürt wäre und mit einem Ruck hielt er das dahinstürmende Pferd an. Das gehetzte Thier zitterte heftig, er ließ es im Schritt gehen, nicht aus barmherziger Schonung, sondern nur deshalb, weil er, als er Edenheim'schen Boden be­trat, sein Blut beruhigen, seine Gedanken sammeln und ordnen wollte, um einen Entschluß für die nächste Stunde zu fassen.

Immer finsterer wurde dabei sein Gesicht, das eine asch­fahle Farbe angenommen hatte. Es erschien plötzlich wie ge­altert unter der Wucht der Gedanken.

Bah, Hirngespinnste, Kinderei!" murmelte er.Jetzt beißt es, das Letzte aus dem Schiffbruch retten. Der Doctor kann vor Abend nicht hier sein und"

Er brach ab und schüttelte sich wie von einem plötzlichen Grauen gepackt. Dann wurde er ruhiger, sein Gesicht glättete sich und nahm den Ausdruck stiller Resignation wieder an. So gelangte er nach Ebenheim, wo ihm von Mamsell Evers der Bescheid wurde, daß Fräulein Holten nach der Stadt gefahren fei.

Und wann kehrt meine Braut zurück?" fragte er, sich gewaltsam bezwingend.

Das kann ich nicht sagen, sie war gestern auch dort und kehrte erst gegen Abend wieder zurück."

Ich will hier warten!" sagte er kurz und schritt die Treppe hinauf in's Wohnzimmer.Wünsche ein wenig zu schlafen," wandte er sich noch einmal zu der Mamsell, als diese sich entfernte,und werde mich deshalb, um vor Störungen sicher zu fein, einschließen. Wenn, das Fräulein zurückkehrt, klopfen Sie nur an." , ,

Die Mamsell ging und hörte kopfschüttelnd, wie Steindorf den Schlüssel umdrehte. Die Rollgardinen waren der Sonne halber herabgelassen, er konnte ungestört ruhen. Einen Augen­blick stand er in der Mitte des ebenso geräumigen als behag­lichen Zimmers, dessen gedämpftes Licht wohlthätig auf feine erhitzten Augen einwirkte.

War ihre Abwesenheit ein Glück oder ein Unglück für ihn? Er schien einen Augenblick darüber zu grübeln und richtete sich dann entschlossen auf. Er war mit sich im Reinen, da er sich, nach jener Vollmacht zu schließen, unbedingt sagen mußte, daß nicht die Liebe zu ihm, sondern der Tod seiner Kindes sie in seine Arme geführt habe und es jetzt nur noch