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Donnerstag, den 20. April.
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Tante Hannas Geheimniß.
Original-Roman von E. v. Linden.
(Fortsetzung).
„Was? Ich einen Extrazug bezahlen?" rief der alte Herr ganz entsetzt. „Das sollte mir einfallen, da es mir im Grunde gleichgiltig ist, ob der Mörder geköpft wird oder nicht."
„All right!" stimmte Mister Hilbrecht, ihm zunickend, bei. «Ist ganz vernünftig von Ihnen, Sir! — Ich aber will ihn hängen sehen, das will ich!"
Er bekräftigte diesen Entschluß mit einem Faustschlag auf den Tisch, welcher alles darauf Befindliche in's Schwanken brachte.
„Guten Tag, Herr Doctor!" Mit diesem Gruß trat im selben Augenblick ein einfach, aber sehr anständig gekleideter Tourist, welcher seit einigen Minuten der Unterhaltung am Tische mit sichtlichem Interesse gefolgt war, näher.
Doctor Peters blickte den Herrn überrascht an und nickte dann freundlich.
„Guten Tag, mein lieber Wolfius? — Was haben Sie denn hier in Göttingen zu thun? Wollen Sie Universitäts- Studien machen?"
„Herr Doctor haben immer einen Witz für mich in Bereitschaft," erwiderte Wolfius, dessen geheime Detectiv-Function der alte Herr nicht kannte, indem er ihn nur für einen gewöhnlichen Agenten hielt. „Ich habe einen Auftrag für Herrn Julius Steindorf, den ich hier in Göttingen treffen sollte. Sie haben ihn wohl nicht gesehen, Herr Doctor?"
„Herrn Steindorf? — Gewiß habe ich ihn gesehen und auch gesprochen. Er ist jedoch mit dem vorigen Zuge nach Moorkirch zürückgefahren."
„Ach, das ist schade," sagte Wolfius in bedauerndem Tone, „hätte ihn so gern gesprochen, er sollte nämlich, wie es heißt, sich hier bei uns in der Nähe ankaufen wollen, und da habe ich ein prachtvolles Gut'für ihn in Vorschlag. — Halb und halb ist mir die Geschichte auch nicht recht glaublich, da er mit seiner Braut ja das schönste Gut der Welt, das schuldenfreie Edenheim, erhält."
„Allerdings," meinte der Doctor, „es müßte denn sein, daß er sich von der Frau unabhängig machen und ein eigenes Besitzthum dagegen in die Wagschale werfen will. Da könnte er am Ende nächstens sein väterliches Gut Rotenhof zurückkaufen, da der arme Marbach wohl sterben wird."
„Ach, was Sie sagen, Herr Doctor! — Er muß wirklich sterben?" rief Wolfius mit ungeheuchelter Theilnahme. „Der
prächtige junge Herr, wie mir das leid thut. Wenn man doch den Thäter packen könnte, welcher die ganze Gegend unsicher macht und so viele Schandthaten auf dem Gewissen hat. Ich könnte den Verruchten mit kaltem Blute köpfen sehen."
„Wollen ihn schon packen," sprach jetzt der Amerikaner, ingrimmig ausspuckend, dazwischen. „Kenne den Burschen wie meinen Augapfel, — ist mir diesmal entwischt, aber ich stelle ihn wieder oder ich will verdammt sein."
„Sie haben den wirklichen Mörder gesehen?" fragte Wolfius, dem eine leichte Röthe als einziges Zeichen der Erregung in's Gesicht gestiegen war, mit halblauter Stimme.
„Yes," den wirklichen Mister Prien, um dessentwillen ich von Amerika herüber gekommen bin."
„Dann sollten Sie lieber etwas leiser sprechen," meinte Wolfius, „der Bursche könnte Freunde haben, welche ihn warnen. Weshalb haben Sie ihn denn nicht gepackt und wo ist er geblieben?"
„Konnte ich vielleicht hinter'm Zuge herlaufen, der ihn nach Moorkirch entführte, dort treffe ich ihn, will seine Spur schon wiederfinden, hab' eine feine Nase darin. Brauche den deutschen Detectiv nicht, der sich irgendwo verkrochen hat."
„Sie suchen doch nicht den Herrn Eckert?"
Mister Hilbrecht zog seine Brieftasche hervor und nahm eine Karte heraus, von welcher er den Namen Eckert las.
„Criminal-Commiflar Frenze! sendet Herrn Eckert den Mister Hilbrecht aus Chicago, welcher Mister Prien genau kennt."
So las der Amerikaner und legte die Karte wieder bedächtig in seine Brieftasche.
„Weshalb haben Sie auf diese Karte hin Herrn Eckert nicht aufgesucht, Mister Hilbrecht?" fragte Wolfius erstaunt.
„Weil ich ihn nicht finden konnte, — kutschirte von Nest zu Nest, fand keine Spur von ihm, aber eine von Mister Prien, und kam hierher."
„Das war gut und klug von Ihnen gehandelt, Mister Hilbrecht," sprach Wolfius freundlich. „Es ist em seltsames Zusammentreffen, daß ich just diesen Herrn Eckert kenne und sehr befreundet mit ihm bin. Ich traf ihn in der kleinen Harzstadt L, wo er krank därniederltegt Er war sehr unglücklich und theilte mir so viel von seiner Mission mit, daß ich ihm versprach, meine Augen offen zu halten und jeden Verdächtigen, der mit dem mir gegebenen Signalement Aehnlichkeit besäße, mif’s Korn zu nehmen."
„Da konnten Sie aber bös hereinfallen, mein Lieber!" meinte der Doctor kopfschüttelnd. „Ein Detectiv muß Spitz- buben-Augen haben und die Spreu vom Weizen sofort zu unterscheiden wissen."


