Ausgabe 
19.12.1893
 
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Geschwistern und der Dante stürmisch begrüßt. Gemeinsam zog nun die ganze Familie nach der Wohnung der Tante Hopfen, wo dieselbe zu Ehren ihres Lieblings ein feines Abend» essen hatte Herrichten lassen.

Die gute, energische Tante Hopfen war voll von gerechtem Stolz heute; die Stunde war gekommen, wo man ihr die end» liche Anerkennung dafür, daß sie allein Johanna so weit ge» bracht, nicht versagen konnte. Auch der Professor Halm, so hoffte sie, würde heute endlich einmal ein lobendes Wort für sie haben. Darin aber sah sich die gute Dame doch getäuscht. Er ließ zwar ihren Speisen und Getränken alle Gerechtigkeit widerfahren, aber irgend ein anerkennendes Wort hatte er bis jetzt noch nicht weiter geäußert, außer, daß er zu Johanna sagte:Hast Deine Sache ganz gut gemacht, Mädchen, hätte es wirklich kaum gedacht."

Jetzt aber klopfte der Professor an fein Glas, und die Tante spitzte erwartungsvoll die Ohren. Nun würde ja wohl Johannas und ihr Lob in feiner, gewählter Rede erklingen. Aber wieder war es eine Täuschung. Der Professor ließ zu­nächst nur seine Frau leben, die ihm vier hoffnungsvolle Kinder geschenkt, von denen die ältere Tochter, in deren Wiege die Grazien eben keine Gaben gelegt, sich zu einer großen Sängerin entwickelt hätte; auch seine beiden Söhne, die Studenten, wür­den bald auf eigenen Füßen stehen und feine Jüngste, die Helene, sei der Eltern Stolz und Augenweide, ihr müsse ja wohl Amor selbst Rosen auf die Lebenswege streuen, so möge denn die ganze liebe Familie leben, auch die Tante mit ein­begriffen, die ja eine gute Seele sei und sich zumal um Jo­hanna sehr verdient gemacht habe.

Das war das ganze Lob, welches der armen, getäuschten Tante zu Theil wurde. Die Gläser erklangen und wohl oder übel mußte sie in den Jubel der Uebrigen mit einstimmen, ob­gleich sie innerlich ergrimmt war, besonders über die Affenliebe des Professors zu seiner jüngsten Tochter, der hoffärtigen Helene.

Auch der Toast des Capellmeisters Braun, den man zu dem kleinen Feste geladen, auf seine Schülerin vermochte die Tante nicht zu versöhnen, da ihrer dabei auch nicht gedacht wurde. Sie mußte sich schon mit dem Bewußtsein, Gutes ge» than zu haben, begnügen und auf alle Anerkennung verzichten. Erst als ihre Gäste die Wohnung verlassen, wurde ihr dieselbe herzlich und reichlich von Johanna zu theil, die sich ihr. als es still in den Räumen geworden, stürmisch um den Hals warf und bewegt rief:Dir allein, Tante, danke ich ja doch Alles, was ich bis jetzt erreicht habe!"

Ja allerdings, Deinen Eltern dankst Du es wenigstens nicht und Dein Vater, nimm es mir nicht übel, Kind, der macht sich wirklich complett lächerlich mit seiner Bewunderung für das eitle Närrchen, die Helene!"

Aber sie ist doch auch wunderhübsch, Tante!"

Hübsch, nun ja, doch entsetzlich oberflächlich und kokett; sie kokettirte heute Abend sogar mit dem Capellmeister, weil kein anderer Herr weiter da war, als Dein Vater und Deine Brüder. Der hat aber doch nur Augen für Dich, mein Kind."

Für mich?" rief Johanna und sah ganz verblüfft aus. Sie hatte in dem Capellmeister, trotzdem er unverheirathet und ein Mann in seinen besten Jahren war, stets nur ihren Lehrer gesehen, und er in ihr jedenfalls auch nur die Schülerin. Was wollte die Tante mit dieser Anspielung?

O, Tante, mich wird nie ein Mann jemals mit begehr­lichen Augen ansehen, dazu bin ich viel zu häßlich," sagte sie ernst.Meine Kunst wird man bewundern, mich, das häßliche Mädchen, aber nie!"

Nun, wir wollen abwarten, was die Zukunft bringt," erwiderte die Tante.Ich denke, mit Deiner Kunst wirst Du Dir mehr Herzen erobern, wie die eitle Helene mit ihrem schönen Puppengesicht."

IV.

Zwei Monate waren vergangen, in welchen Johanna sich die Gunst des Publikums immer mehr und mehr erobert hatte.

Ihre glühende Hingabe für die Kunst, der sie einzig und :

allein nur lebte, wurde durch die schönsten Erfolge gelohnt Da gab es keine Rolle, welche Johanna nicht mit dem tiefsten künstlerischen Verständniß ausfaßte und wiedergab.

Die Stimmen, die anfangs gegen Johannas häßliches Aeußere laut wurden, verstummten bald. Die Macht des Genies, die da gewaltsam fortreißt und die Menschen über das Alltägliche erhebt, bewährte sich glänzend bet der jungen Künst­lerin.

Einer ihrer eifrigsten Bewunderer, der nie eine Vorstellung versäumte, in welcher Johanna auftrat, war aber der Premier­lieutenant Curt von Bornstetten.

Gestrandet mit allem Hoffen und Lieben auf dem Meer des Lebens, hatte er die Versetzung nach der kleinen Residenz mit Freuden begrüßt, er hoffte, in der Stille und Abgeschieden- heit dort schnellere Heilung von seinem Kummer. Aber gleich am ersten Abend nach seiner Ankunft in der neuen Garnison hatte der Gesang Johannas so lockend und bestrickend hinein­geklungen in all' seinen bitteren Schmerz. Seitdem bannte ihn diese Stimme mit fast dämonischer Macht in ihre Zauber» kreise.

Die Abende, wo er die Stimme Johannas nicht hören konnte, verbrachte er in verzehrender Sehnsucht danach, hi­er dann endlich den schüchternen Versuch wagte, sich bei der jungen Sängerin einzuführen.

Es war ein heller Februarmorgen, als er zum erstenmal die Wohnung Johannas betrat. Als Vorwand feines Besuchs hatte Curt von Bornstetten, der auch sehr musikalisch gebildet war, der jungen Sängerin eine eigene kleine Composttion einer Gedichts von Lenau vorgelegt und diese war sofort auf das Liebenswürdigste bereit, ihm das Lied zu singen.

Auf ihre Aufforderung, sie zu begleiten, fetzte sich der junge Offizier etwas beklommen an das Instrument und schlug mit zitternden Fingern die ersten Aeeorde seiner Composttion an und nun setzte Johanna ein, so sanft, so innig, wie er ihre Stimme noch nie gehört zu haben glaubte.

Was wußte sie aus der einfach traurigen Melodie zu machen, die er einst in melancholischer Stimmung für das letzte Gedicht Lenaus:

Sahst Du Dein Glück vorübergehen" gefunden.

Hinträumend wird Vergessenheit

Die Herzenswunde schließen Die Seele sieht mit ihrem Leid Sich selbst vorüber fliehen" schloß Johanna jetzt leise und schaute dann sinnend herab aus den interessanten Kopf des jungen Offiziers und in ihrem Her­zen wollte etwas Wurzel fassen, etwas ihr Fremdes, Unbekann­tes, aber voll süßen, bestrickenden Zauber».

Tausend Dank!" rief Bornstetten jetzt begeistert.Sie haben unendlich viel aus meiner kleinen bescheidenen Compost­tion gemacht." Er beugte sich herab, um ihre Hand zu küssen und dann sah er zu ihr auf mit Augen, in denen noch die ganze selige Schwärmerei der Jugend leuchtete.

Johanna strich wie träumend über ihre Stirn und es sang und klang an ihr Ohr wie ferne, süße Stimmen, die sangen von Jugend, von Glück und Liebe, die riefen ihr zu: Blicke auf, bis jetzt hast Du nur der Kunst gelebt, nun aber wollen sich Dir des Lebens Seligkeiten erschließen und das ist schöner wie alle Kunst.

Sie vergaß in diesem Moment, daß sie häßlich, daß sie darum kein Anrecht hatte an diese Seligkeiten und daß e» besser war, sie ging mit gesenktem Blick daran vorüber und blieb nur ihrer Kunst treu.

Warum aber ein so unendlich trauriges Lied?" fragte sie jetzt.Neigen Sie so sehr zur Schwermuth?"

Das Lied entstand in den bittersten Stunden meines Lebens, in welchen ich mich, verzweifelt, trostlos, wie ich war, zu der Musik flüchtete."

Und Sie fanden Trost in ihr?"

Nur sehr geringen, erst als es mir vergönnt war, Ihre Stimme zu hören, gnädiges Fräulein, da empfand ich die tröstende Macht der göttlichen Kunst, da wurde der leidenschaft­liche Schmerz nach und nach milder in meinem Herzen."