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NntrrhattESsblatt 3«m Gieftenev Anzriger (G«neval-Anzeiger)

Dienstag, den 19. December.

stand noch in den glücklichen Jugendjahren, in welchen man alle Freude und alles Leid mit ganzer Seele erfaßt. So hatte jetzt die Trauer um feine heißgeliebte Braut, welche der Tod schnell und plötzlich dahingerafft, sein ganzes Sein aus den Fugen gebracht und ihm Augen und Ohren verschloffen gehalten für alles Gute und Schöne, welches das Leben der Jugend auch nach harten Prüfungen bietet. Die Stimme Johannas aber schien Curt von Bornstetten zuzurufen:Erwache! Das Leben hat noch große, ungekannte Schönheiten auch für Dich!"

Und er erwachte! Mehr und mehr erhellte sich sein ver­düsterter Blick, längst verklungene Saiten wurden in seines Herzens Tiefen angeschlagen, die sangen und klangen wieder von Jugendglück, von Liebe.

Gewaltsam fast zog ihn die Kunst in ihren Zauberbann, die göttliche Kunst, die da ihrer genialen Jüngerin ihren Stempel aufgedrückt, so daß man darüber vergaß, daß ihr aller äußerer Liebreiz, alle Schönheit versagt war.

Auch Curt von Bornstetten sah Johannas unschöne Züge in diesem verklärenden Glanz und wie gebannt hing sein Auge an ihrem Antlitz, zum großen Verdruß von Johannas schöner Schwester Helene, der dieser schöne, fremde Offizier unendlich intereffant erschien.

Helene machte wiederholt vergebliche Anstrengungen, seine Aufmerksamkeit zu erregen, endlich zum Schluß der Oper wur­den diese doch noch mit Erfolg gekrönt. Sein Blick streifte jetzt noch einmal zu ihr herüber und eine fahle Bläffe überzog in diesem Moment sein Gesicht. Das blonde Köpfchen dort oben, das sich so schmachtend in den weichen Sammet des Sessels schmiegte, großer Gott, es glich ja Zug für Zug der gestorbenen Braut Curts, nur noch jünger und lieblicher war es, umstrahlt von dem ganzen Zauber erster Jugendfrische.

Mit innerem Frohlocken bemerkte Helene den Eindruck, den sie auf den Offizier machte. Sie war schon sehr geneigt ge­wesen, Johanna um ihre Kunst zu beneiden, aber ihre sieghafte Schönheit war doch wohl höher anzuschlagen als diese Stimme.

Mochten die Menschen dieselbe noch so sehr anerkennen und bewundern, und wie jetzt am Schluß der Oper stürmisch in die Hände klatschen und Beifall rufen, einzig und allein ihrer Schönheit willen bewundert zu werden, erschien der kleinen Ko­ketten doch beglückender.

Johanna wurde wiederholt herausgerufen, mit glückstrahlen­dem Antlitz verneigte sie sich vor dem freudig erregten Publi­kum. Ihre Collegen und Colleginnen beglückwünschten sie ziem­lich herzlich und aufrichtig zu diesem Erfolg, daß derselbe nicht allzugroßen Neid erregte, verdankte sie wohl hauptsächlich ihrem unscheinbaren Aeußern.

Draußen int Foyer wurde Johanna dann von Eltern,

(Fortsetzung.)

Man gab die berühmte Wagner'sche OperDer fliegende Holländer". Die schwermüthigen Weisen der Ouvertüre waren jetzt verklungen, der Vorhang rollte in die Höhe und die Blicke der Zuschauer richteten sich gespannt nach der Bühne. Ja, sie war häßlich, diese neue Sängerin, welche dort als Senta in dem einfachen Fischeranzug stand. Alle Kunst hatte nicht ver­mocht, diese harten Züge wesentlich zu mildern, aber als Jo­hanna jetzt sang, als der Wohllaut ihrer Stimme den Raum erfüllte, da empfand wohl ein jeder Kunstfreund etwas von der Macht des Genies, das da in dieser unscheinbaren Hülle wohnte, und fast gewaltsam die Zuhörer packte und hinriß. Wie wußte Johanna als Senta von dem geheimnißvollen Sehnen und Träumen des jungen Herzens zu singen und wie herrlich sang sie dann das Erwachen zum Leben, zum Lieben, als nun die düstere Erscheinung des Holländers ihr gegenüber stand. Das war echte, wahre Kunst, wie sie der große Meister Wagner schon in diesem seinem Erstlingswerke offenbart, welche die junge Sängerin voll tiefem Verständniß dem Publikum kündete.

Gar verschieden war der Eindruck, den diese noch nie in solcher Vollendung gehörte Rolle auf dasselbe machte. Vielen Zuhörern allerdings ging das wahre Verständniß dafür ab, ihre Alltagsseelen vermochten sich doch nicht so ganz hineinzu­finden in diese göttliche Welt der Kunst. Viele Andere jedoch empfanden es voll Dankbarkeit, daß ihnen hier durch Johanna Halm etwas selten Vollkommenes geboten wurde. Zu diesen Auserwählten zählte entschieden jener melancholisch blickende junge Offizier, der erst nach dem Beginne des ersten Actes in die Fremdenloge getreten war.

Mit vornehmer Haltung hatte er sich dort auf einen Fau­teuil gesetzt und dann die Blicke wie müde und gelangweilt im Theater herumschweifen lassen. Etwas länger hatten sie auf Helene Halms lieblichem Gesicht ihm gegenüber geruht. Der jungen Dame war das nicht entgangen, ihre großen Kinder­augen spähten von Zeit zu- Zeit zu dem jungen Offizier hin­über, der jetzt wieder düster vor sich hinblickte, bis er bei dem Klang von Johannas Stimme jäh emporfuhr.

Der Eindruck, den dieser seelenvolle Gesang auf ihn machte, war fast überwältigend. Gewaltsam riß er ihn heraus aus dem dumpfen Hinbrüten trostloser Trauer, welcher er sich, un­zugänglich für alle Trostesworte, schon seit längerer Zeit rück- haltlos hingegeben. Kurt von Bornstetten, so hieß der Offizier,

Die beiden Schwestern

Novelle von F. Sutau.