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„Wecken Sie Magda!" schwebte ihr auf den Lippen und brückte sich wohl auch in ihren Zügen aus, denn Werner winkte ihr mit ernstem Blick und gebieterischer Geberde, zu schweigen, und sie gehorchte, gleichsam selbst unter der Macht eines stärkeren Willens stehend.
In die Ecke des Sophas geschmiegt, dessen Purpurfarbe die Schwärze des üppigen, krausen Haares und die Bläffe des seinen Gesichtes noch mehr hervorhob, sah das Mädchen unheimlich schön aus.
„Schlafen Sie fest?" fragte Werner.
„Ich schlafe," erwiderte sie, kaum die Lippen bewegend.
„Dann versetzen Sie sich in jene Nacht zurück, wo Frau von Waldau, schwer erkrankt, Ihrer Aussicht und Pflege überlasten wurde."
„O nein — nein! Nur solche Erinnerungen nicht heraufbeschwören!" flüsterte Rafaele, ohne zu wissen, was sie mit peinlichem Zagen erfüllte.
„Schweigen Sie!" gebot er leise, aber mit einem Herrscherton, vor dem sie verstummte.
„Erinnern Sie sich aller Vorgänge jener Nacht?"
„Ja." —
„Was geschah, als Frau v. Waldau im tiefen, narkotischen Schlummer lag?"
„Ich ging zu Rafaele hinüber und beruhigte sie."
„Und dann?
„Dann kehrte ich an das Bett der Kranken zurück."
„Wen fanden Sie dort?"
„Frank und Katharina."
„Was geschah weiter?"
„Er schickte die Dienerin fort."
„Und dann?"
„Dann legte er die Hand auf meine Stirne und befahl mir
Sie zögerte.
„Was?"
Die Hypnotisirte antwortete nicht. Noch einmal fragte Werner, ohne ein besseres Resultat zu erzielen-
„Wecken Sie sie," flüsterte Rafaele, sich, einer Ohnmacht nahe, schwer auf den Tisch stützend. „Mir ist, als würde ich Furchtbares, Grauenhaftes hören. Nie war mir zu Muthe, wie in dieser Stunde."
Werner achtete kaum auf ihr leises, angstvolles Flehen, und Magda diesem traumhaften Zustand zu entreißen, würde ihr unmöglich gewesen sein. Wie es stets bei tiefen Hypnosen der Fall ist, reagirte das Mädchen nur auf die Befehle des Hypnotiseurs.
Werner mußte die Suggestion mehrmals wiederholen, ehe sie angenommen wurde. Marmorblaß, gleichsam zu Stein erstarrt, stand die junge Frau da. Ein unbeschreiblich banges Vorgefühl lastete mit erdrückender Schwere auf ihr. Die immer wieder von Neuem ausgesprochene Frage: „Was sagte Frank zu Ihnen, nachdem er die Hand auf Ihre Stirne gelegt hatte?" war ja ganz unverfänglich und bezog sich nur auf die damals ertheilten ärztlichen Verhaltungsmaßregeln — und dennoch harrte die athemlos Lauschende der Antwort mit sinnverwirrender Angst.
„Er sagte," erwiderte Magda endlich, „wenn die auf dem Kamin stehende Uhr eine halbe Stunde nach Mitternacht zeigt, werden Sie den Schlüssel, welchen Frau v. Waldau so sorgfältig verwahrt, aus seinem Versteck nehmen und den alten Schreibtisch aufjchließen."
Wie von einem bösen Traum gequält, stöhnte Rafaele und preßte die Hände an die fieberhaft hämmernden Schläfen.
„Was that und sagte er weiter?" mahnte Werner mit befehlendem Ton.
„Dann gab er mir die Gemme mit dem Januskopf in die Hand und fuhr fort: „Sie werden diesen kleinen Gegenstand in die mittlere Schublade legen, die Kassette aus oxydir- tem Silber jedoch wegnehmen und an der Thüre des Zimmers, welches ich in dieser Nacht bewohne, niederstellen, den Schlüssel an seine gewöhnliche Stelle legen und erwachen, ohne sich dieser Vorgänge und meines Befehls zu erinnern."
„Was geschah nun?"
„Ich that, wie mir besohlett wurde."
„So war sie es, die ich in jener Nacht an meiner Thüre vorüberhuschen hörte. Es ist furchtbar! — Grauenvoll!"
Rafaele taumelte, griff mit den Händen in die Luft und machte eine Bewegung, als wolle sie fliehen. Wie eine gräßliche Vision, wie eine Verkörperung des Finstern, Unheil- bringenden gewahrte sie in diesem Moment Frank unter der Portiere stehend, die Brauen gefurcht, das Antlitz verzerrt von Wuth und Verzweiflung. Bei seinem Anblick wandte sich die in tiefster Seele Erschütterte mit einer Geberde des Entsetzens ab und stürzte durch die andere Thüre aus dem Zimmer. Gleich darauf war auch Frank verschwunden, ohne daß Werner und die nun wieder erweckte Magda ihn bemerkt hätten.
Letztere wußte nun nichts mehr von Dem, was sie im hypnotischen Schlaf ausgesagt. Der Schleier des Vergessens hatte sich neuerdings wohlthätig über jene traurigen Vorgänge gesenkt.
„Bleiben Sie noch hier. Sie sind erschöpft und bedürfen der Ruhe," bat der junge Arzt und eilte zu Rafaele hinüber, die er in einem Zustande höchster Aufregung traf.
„Das Mädchen darf nichts von alledem erfahren! Nicht wahr, Sie sehen selbst ein, daß wir sie schonen müssen," sagte er hastig und unfähig, schmerzliche Sorge zu verbergen. „Ihr können und dürfen Sie doch nicht zürnen. Trotz dieser That ist sie rein wie der Engel Gottes."
„Ich weiß es! — Wie sollte ich so ungerecht und lieblos sein, das arme Kind für das schwerste Leid meines Lebens verantwortlich zu machen?" erwiderte die junge Frau. „Aber lassen Sie mich allein. Ich kann jetzt nicht sprechen."
„Fräulein v. Bodenstein hat, wie gesagt, Alles wieder vergessen —"
„Ich werde sie nicht daran mahnen. — Leben Sie wohl, lieber Herr Doctor. Verzeihung, wenn ich Ihnen unfreundlich erscheine. — Mir ist, als müsse ich vergehen in hoffnungslosem Jammer. Welche Zukunft liegt vor mir!" —
„Gnädige Frau" —
„Still! — Lassen Sie mich allein."
Er gehorchte. Hier konnte kein Sterblicher Trost und Rath bringen. Was nun zu geschehen hatte, das mußte diese große, fleckenlose Seele selbst und ohne fremden Beistand finden.
Ein schweres, furchtbares Ringen begann. Wie eine Wahnsinnige, die vergebens den Ausgang sucht, um immer wieder vor verschlossenen Thüren und vergitterten Fenstern zu stehen, schritt Rafaele rastlos auf und ab. Sie fühlte, daß es ihr unmöglich sei, länger mit dem Manne, der sie so elend gemacht und in so satanischer Weise ihr Schicksal gelenkt hatte, zu leben. Es war ihr, als müsse das Dach, als müßten die Wände des Hauses einstürzen, um sie und ihn zu begraben. Nervös schrak sie zusammen, sich plötzlich von weichen Armen umschlunaen füülend.
„Was ist Dir, Du Liebe?" fragte Magda, die leise ins Zimmer geschlüpft war, zärtlich, und küßte die blassen, zuckenden Lippen der Freundin.
„Nichts! - Nichts!"
„O doch! Man könnte meinen, es sei Dir Furchtbares geschehen."
„Genug — genug! Frage nicht!"
„Hast Du kein Vertrauen mehr zu mir? — Ich will ja nur Dein und Georgs Glück."
„Das vermag uns kein Gott zu geben."
„Rafaele! — Ich fürchte mich vor Dir- Du siehst so fremd — so zürnend aus."
„Was soll ich Dir erwidern? Ich möchte ungestört sein." „So schroff hast Du mich noch nie von Dir gewiesen." Mit von Thränen überströmtem Gesicht wandte sich Magda der Thüre zu.
Die junge Frau eilte ihr nach und schloß sie leidenschaftlich in die Arme.
„Vergieb, wenn ich Dich kränkte! Ach, Du armes, theures Kind! Nie warst Du mir so lieb, wie gerade jetzt. Ich habe ja nun Niemand mehr auf der Welt, als Dich, mein süßes


