Ausgabe 
19.10.1893
 
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berg und erfreut sich des unumschränktesten Vertrauens und ; Ehre retten kannst, dann bist Du mehr als mein Bruder, dann der höchsten Achtung des greisen Besitzers." hast Du mir das Höchste wiedergegeben, denn ich gestehe offen:

nur Deiner Energie, nur Deiner gewaltigen Willenskraft ist

Ich möchte so gern an seine Rechtschaffenheit glauben, aber ich kann er nicht mehr, und inRafaelensHerzen dürfen keine neuen Zweifel wachgerufen werden. Ich will nicht,

es zu verdanken, wenn ich mir nicht längst eine Kugel durch den Kopf jagte. Was soll auch ein Mensch, dem ein so häß- liches Brandmal aufgedrückt ist, auf dieser Welt? Mag sich doch so bald als möglich der Hügel über ihm wölben! Ich bin am Ziele deffen, was ich thun konnte mein Heil steht nur mehr bei Dir."

Und ich halte Wort!" sagte Werner, den Brief ver­schließend.

In Clauswitz ankommend, hörte er, Doctor Frank sei seit einigen Tagen verreist und seine Rückkunft noch unbestimmt. In dem kleinen blauen Salon empfing ihn Magda.Rafaele schläft," sagte sie.Gönnen wir ihr die kurze Ruhe: Ich möchte sie nicht stören. Sie blieben uns aber recht recht lange fern."

Hätten Sie mich vermißt?" fragte er lebhaft, ihre kleinen Hände in die seinen schließend.

Ein sanftes und schnell schwindendes Roth särbte die schmalen Wangen.Warum sollte ich es leugnen, Doctor Werner? Ich und meine Freundin, wir leben in selbstgeschaffe» ner Einsamkeit, die uns doch mitunter peinlich wird. Rafaele will nicht in die Welt treten und ich füge mich dem, was sie bestimmt. Da sehnt man sich denn doch nach offener, ehr­licher Aussprache, nach dem lieben Gesicht eines aufrichtigen Freundes und das sind Sie uns ja, nicht wahr?"--

So gewiß ein Gott im Himmel lebt, will ich nur dar Rechte und Gute!"

Ich glaube es."

Kindlich zutraulich klangen diese leise und fast andächtig gesprochenen Worte.

Daß ich es nur gleich sage, Fräulein von Bodenstein, ich komme mit einer Bitte. Darf ich auf Gewährung derselben hoffen?"

Wenn diese in meiner Macht liegt, sicher."

Sie sagten mir, Frank habe Sie wiederholt in hypnoti­schen Schlaf.versetzt."

Ja, das ist geschehen. Später genügte schon ein bloßer Auslegen seiner Hand, ein scharfes Fixiren, um den seltsamen Zustand hervorzurufen."

Würden Sie mir auch gestatten, Sie zu hypnotisiren?"

Erstaunt blickte sie ihn an und erwiderte nach längerem Zögern:Vorausgesetzt, daß Rafaele damit einverstanden ist und zugegen sein will: ja."

In diesem Augenblick erschien die junge Frau auf der Schwelle. Ein lang herabwallendes Gewand von blauem Cachemir umhüllte die herrliche Gestalt. Das goldig schimmernde Haar war nur kunstlos aufgesteckt und zeigte gerade deshalb seine bewunderungswürdige Fülle- Einzelne schwere, flimmernde Locken hatten sich gelöst und lagen auf Schulter und Busen.

Magda flog ihr entgegen.

Doctor Werner möchte mich in magnetischen Schlaf ver­senken," sagte sie mit reizendem, etwas verlegenem Lachen- Ich weiß nicht, wie Du darüber denkst und machte ihm natür­lich keine Zusage. Du müßtest ja dabei sein- Aber wenn er Dir unangenehm ist, wenn Du meinst, es unterbliebe bester"

Durchaus nicht," unterbrach Rafaele.Was Georg so und so oft gethan, kann doch nichts Unrechtes sein- Ich bin gerne bereit, dem interestanten Experimente beizuwohnen."

So lasten Sie uns nicht länger zögern!" rief Werner mit einer gewiffen Hast. Er geleitete Magda zu dem Divan. Sie sank in die weichen, schwellenden Kisten, stellte die Füßchen auf das Fell eines Tigers und blickte starr nach dem glänzen­den Gegenstand, den der junge Arzt ihr zeigte. Allmälig schloffen sich auf sein Geheiß die langen, an den Enden um­gebogenen Wimpern.

Eine seltsame, unerklärliche Bangigkeit ergriff Rafaele- Oft genug hatte sie solchen Experimenten beigewohnt, ohne sonderliche Erregung zu empfinden, und jetzt machte athem- beraubende Angst ihr Herz mit wilder Heftigkeit schlagen und eisiges Schauern durchbebte sie wie Fteberfrost. Die Bitte:

daß es geschieht! Frank soll glücklich sein!"

Wie die schwarzen Augen heiß und leidenschaftlich funkeln konnten! Etwas wie Eifersucht schlich sich in Werners Seele. Und doch was ging ihn denn das kleine Mädchen an? Nicht um ihretwillen, sondern um eine heilige Mission zu erfüllen, um sein verpfändetes Ehrenwort zu lösen, war er gekommen.

Auch ich bin ja leider, wenigstens vorläufig, nicht im Stande, Entlastungsgründe geltend zu machen. Gleichwohl könnte vielleicht in jener Nacht, als Frau von Waldau im narkotischen Schlafe lag, das Kästchen geraubt worden sein," bemerkte er.

O nein! Wozu das, was längst nach allen Richtungen hin erwogen wurde, noch einmal erörtern? Die Dienerschaft schlief in den Parterreräumen. Nur ich und Frank wachten. Mir würde sicher kein Geräusch, wäre es auch noch so leise gewesen, entgangen sein."

Möglicherweise wurden Sie selbst vom Schlummer über­mannt."

Das stelle ich entschieden in Abrede! Diese Voraussetzung kränkt mich- Wie sollte mich die Sorge um ein theures Leben und das heilige Versprechen, welches ich der Freundin gab, nicht wach gehalten haben?"

Und Niemand blieb Ihnen zur Seite?"

Niemand. Nur Frank gab mir die nöthigen Verhaltungs- ' maßregeln und zog sich dann ebenfalls zurück. Doch jetzt genug davon! Rafaele kommt. Sprechen wir von etwas Anderm."

Nicht wahr, ich blieb recht lange fort?" sagte die junge Frau freundlich lächelnd.Es war mir unmöglich, die blaue Seide, welche ich zu meiner Stickerei bedarf, aufzufinden. Nun, lieber Doctor, wollen wir uns von jenen fröhlichen Tagen unterhalten, wo wir gleich muthwilligen Kindern durch den Garten liefen und heitere Spiele arrangirten. Ihnen muß das Alles jetzt freilich recht nichtig vorkommen."

Da irren Sie sich, gnädige Frau. Ich gedenke immer noch gern jener Zetten und vor Allem des Abends, an welchem Doctor Frank Fräulein von Bodenstein in Hypnose versetzte und dadurch in glänzender Weise über einen argen Zweifler siegte."

Wie beschämt der Gerichtsrath Wernecke dann war!" rief Magda lachend.

Und mit Recht! Sind Sie seitdem wieder in hypno­tischen Schlaf versetzt worden?"

O gewiß mehr als einmal doch wann und wie oft das geschehen ist, weiß ich nicht anzugeben."

Doch Sie, gnädige Frau? Ihr Herr Gemahl stellte doch sicher auch mit Ihnen Versuche an?"

Rafaele schüttelte verneinend den Kops.Er wollte es, aber ich sträubte mich mit aller Macht meines Willens dagegen. Nein, in dieser Hinsicht hätte ich niemals nachgegeben. Es mag kindisch, lächerlich erscheinen aber ich lasse meine Gedanken, mein ganzes Sein nicht unterjochen. Mich in Hypnose zu ver­setzen, gelang ihm nicht und wird ihm nie gelingen. Dagegen wehre ich mich ebenso entschieden, als wenn mir jetzt Jemand Eisenfesseln anlegen wollte."

Noch eine halbe Stunde verweilte Werner bei den Damen, von Verschiedenem sprechend, und entfernte sich darauf, nachdem er die freundliche Aufforderung, bald wieder in Clauswitz zu erscheinen, erhalten hatte.

IX.

Einige Zeit verging, ehe der junge Arzt wieder das be­rühmte Sanatorium besuchte. Es gab viel zu thun in P. Er hatte sich eine Wohnung gemiethet. Auch ein Schreiben von Erich von Degenfeld war eingetroffen und die letzten Zeilen desselben lauteten:Wenn Du das vermagst, wenn Du meine ,