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Donnerstag, den 19. Oktober.
Dunkle Mächte.
Novelle von B. Corony.
(Fortsetzung.)
„Wie ernst und still ist Ihre Freundin geworden, die einst durch unversiegbar scheinende Heiterkeit Aller entzückte/" sagte Werner eines Tages zu Magda, als die junge Frau den Garten verlaffen hatte, um im Hause einige Befehle zu et» theilen.
„Der Gram ist nicht leicht aus einem Herzen gleich dem ihrigen zu bannen," erwiderte das Mädchen.
„Ich hielt sie für glücklich."
„Geliebt, von Allem umgeben, was das Auge eines Weibes zu erfreuen vermag und einen hochgeachteten Namen tragend, sollte und müßte sie es auch sein, aber eine bittere Täuschung bereitete ihr unheilbaren Schmerz. Doch darüber zu sprechen bin ich nicht berechtigt. Die Sache wurde als Geheimniß be» handelt und daher —"
„Ihre Worte beziehen sich wohl auf das Verschwinden der Kasiette und auf Erich von Degenfeld?" fragte er ruhig.
„Mein Gott, von wem erfuhren Sie, was vorgefallen ist?" tief sie bestürzt.
„Natürlich von Erich selbst. Wir waren schon zu jener Zeit innig befreundet und correspondirten eifrig. Er theilte mir sofort mit, was sich ereignet hatte und durch welch' ein rätselhaftes Zusammentreffen seltsamer Umstände der Verdacht auf ihn gelenkt wurde."
„Es war schrecklich — schrecklich! Die arme Rafaele!" stöhnte Magda.
„Ich versage ihr mein innigstes Bedauern keineswegs, aber sie hätte nicht so schnell den Glauben an ihn verlieren sollen."
„So schnell? — Gott weiß, daß sie den SLwerkompro- mittirten warm vertheidigte und sich mit verzweifelter Energie an die Hoffnung klammerte, es werde ihm doch noch gelingen, sich zu rechtfertigen. — Da es nicht geschah, gab sie endlich dem Wunsch der kranken Mutter nach, und reichte Frank die Hand. — Aber ruhig ist es noch immer nicht geworden in ihrer Seele. An der Seite des edlen Mannes findet sie kein Glück, weil ihr die Fähigkeit, zu vergessen, leider nicht verliehen ist."
„Sie selbst scheinen unter dem Druck dieser Verhältnisse zu leiden," sagte Werner, fie lange und forschend betrachtend.
„Wie wäre es anders möglich? Als Rafaele Georgs Braut geworden, zürnte ich ihr, weil ich ahnte — nein, wußte,
daß sie ihn elend machen würde. — Es ist wirklich so gekommen. Sie sind Beide beklagenswert. Könnte ich ihnen nur helfen! Könnte ich nur die Erinnerung an einen Unwürdigen aus dem Herzen dieser Frau reißen, der so viel gegeben ist und die es nicht weiß und nicht wissen will, weil ihre Gedanken immer wieder zu der Vergangenheit zurückkehren, weil sie sich in ihren Kummer hüllt, wie in einen schwarzen Schleier, durch den man selbst den blauen Himmel und die lachende Natur nur in trüber, düsterer Beleuchtung sieht."
„Erich ist kein Unwürdiger," sagte Werner mit großer Entschiedenheit.
Ueberrascht und zweifelnd blickte sie zu ihm auf. „Einst dachte ich auch so — doch das ist längst vorüber."
„Warum?"
„Weil er nichts that, um seine Ehre von diesem Fleck zu reinigen. Weil er nicht den Muth hatte, noch einmal vor Rafaele hinzutreten und sie mit der unwiderstehlichen Macht der Wahrheit von seiner Schuldlosigkeit zu überzeugen."
„Sagen Sie lieber: weil ihm sein Stolz verbot, sich ihr zu nähern, nachdem Frau von Waldau auf die Frage: „Theitt auch Rafaele diesen Verdacht?" erwiderte: „Was die Augen sehen, kann selbst das zärtlichste Herz nicht leugnen." — In solchem Falle würde auch ich ohne Abschied gegangen fein."
„Aber Sie hätten dann doch sicher Alles gethan, um den wahren Thäter zu entdecken."
„Was berechtigt Sie zu der Annahme, daß Erich das nicht auch that?"
„Der Umstand, daß das Dunkel heute noch ebensowenig gelichtet ist, wie vor nun beinahe fünf Jahren."
„Es gibt finstere Thaten, die kaum an das Tageslicht zu bringen sind, weil der Einzige, welcher Zeugniß abzulegen im Stande wäre, seine guten Gründe hat, zu schweigen."
„Ich verstehe Sie nicht, sehe aber, daß Degenfeld einen mächtigen Anwalt in Ihnen besitzt."
„Er ist mein Freund, an dessen Ehrenhaftigkeit ich glaube, wie an meine eigene. Ich weiß, daß er das Licht nicht zu scheuen braucht und ebensowenig in träger Gleichgiltigkeit verharrte. Sein geringes Vermögen und den Frieden seiner Nächte opferte er in rastlosem Ringen nach einer Klarlegung des Unbegreiflichen. Er ruhte nicht, bis ich ihm sagte: „Gieb es auf, einen raffinirten Dieb, einen Verbrecher im gewöhnlichen Sinne des Wortes zu suchen. Du hast mit andern Mächten zu kämpfen und diesen gegenüber besitzest Du keine Waffen." — Doch davon später! Sie sehen mich fragend an und ich kann vorläufig keine Erklärung geben. Erich von Degenfeld ist jetzt der Verwalter eines großen Gutes bei Königs-


