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„So komm', Grete," und er kehrte mit ihr in dar Haus zurück. Als er auf der Schwelle seines Zimmers stand, ließ er die Hand der Kleinen fahren. Er hatte hier erst bemerkt, wie dunkel es schon geworden war. „Sage Mama, Gretchen, daß ich meine Lampe haben möchte," sagte er, während er die Thür schloß. Dann wandte er sich zu der ihm völlig Unkenntlichen. „Verzeihen Sie einen Augenblick, ich habe keine Ahnung, wen ich vor mir habe," begann er, indem er ihr doch die Hand reichte.
„Er ist nicht nöthig, Herr Pastor," war die Antwort, „ich habe nur eine Frage an Sie, und Sie werden sie mir ebenso gut beantworten können, ob Sie wissen, wer ich bin oder nicht."
Er horchte aufmerksam, kam aber zu keinem Resultat. Hatte er die Stimme mit dem etwa« eigenthümlichen Tonfall schon gehört, und wenn das der Fall war, wo? Die Frau sammelte sich einen Augenblick, ehe sie wieder begann: „Wenn Jemand ein Testament gemacht hat und er hat Einen nicht bedacht, der sonst der Nächste gewesen wäre, weil er Schlechtes von ihm geglaubt hat, und es kommt nachher heraus, daß sich das anders verhalten hat, läßt sich dann das Testament wieder aufheben?"
Sie hatte nach ihrer Meinung den Sachverhalt sehr klar dargelegt und lauschte nun mit großer Spannung auf die Entgegnung de« Pastor«, die in ganz anderer Weise erfolgte, al» sie erwartet hatte. „Es kann Jedermann seinem Testamente Bestimmungen zufügen oder auch es ganz aufheben und ein anderes an feine Stelle fetzen. Ein Testament neueren Datums hebt das frühere auf," war des Pastors Ausspruch.
Sie seufzte ungeduldig. „Nein, nein, so habe ich e« nicht gemeint," rief sie lebhafter. „Wenn, sage ich, der Vater nun gestorben ist und das Testament ist in Kraft getreten, worin Einer enterbt ist, der es nicht verdient hatte; läßt sich das auf keine Weife wieder gut machen?"
Er wußte jetzt, wen er vor sich hatte, er wußte, wer mit athemloser Angst auf seine Entscheidung wartete. Er gab sie ernst und mit fester Stimme: „Niemals läßt sich ungeschehen machen, was Sie an Ihrem Sohne verschuldet haben, Frau
In diesem Augenblick wurde die Thür geöffnet; der Pastor schritt auf das eintretende Mädchen zu, dem er die Lampe aus der Hand nahm, und entließ es sofort- Dann setzte er die Lampe auf den Schreibtisch und wandte sich wieder zu der Frau, die auf einen Stuhl gesunken war und das Gesicht in den Händen verborgen hatte. Ein leises Stöhnen drang zwischen ihren Lippen hervor, dann hob sie den Kopf in die Höhe. „Und wenn ich etwa« angeben und die Schuld auf einen Andern legen könnte, Herr Pastor? Wenn ich es vor Gericht bringen könnte, daß es vor Jedermanns Augen läge, daß, daß —"
Der Pastor konnte nur wiederholen: „Des Vater« Testament, dar Erich ausdrücklich von dem Erbe ausfchließt, würde in jedem Falle bestehen bleiben."
Sie erhob sich, wie um Abschied zu nehmen, blieb aber
zaudernd stehen und fragte dann stockend: „Herr Pastor, was
weiß Erich von der Sache?"
Er überlegte einen Augenblick, ehe er sagte: „Ich glaube,
ich breche sein Vertrauen nicht, wenn ich Ihnen sage, daß er
vermuthet, daß seines Vaters Frau — denn ich kann Sie nicht seine Mutter nennen — mit List nach seinem Erbe gestanden hat, daß sie im Verein mit dem Schwiegersohn ein Verbrechen nicht gescheut hat, ihn um sein Recht zu betrügen, denn, Gott sei Dank, um seines Vaters Segen hat sie ihn nicht bringen können. Er hatte Schritte gethan, von denen er hoffte, daß sie ihm einen Beweis in die Hand geben und seinen Namen reinigen würden, wo nicht, so wollte er wieder zur See gehen, al« seiner Schwester Tod ihn anderen Sinnes machte. Ec nahm ihr und ihrem Kinde zu Liebe die Schande vor der Welt auf sich, die seine Enterbung ihm brachte, und er trägt das Kreuz dem Herrn nach, wie es einem Manne und Christen geziemt, und ich weiß, mit welchem helligen Ernst er nach der
Gesinnung gerungen hat, die dem Feinde vergibt und ihm wohlthut."
„Hungert ihn, so speise ihn, dürstet ihn, so tränke ihn," sagte sie dumpf, „ich fühle die feurigen Kohlen auf meinem Haupte brennen."
Eine Pause entstand, dann trat der Pastor zu ihr und legte die Hand auf ihren Arm, während er mit erschütterndem Ernst sagte: „Gott läßt sich nicht spotten, Frau Hagen; es hat kein Segen auf Ihrem Thun gelegen. Ihre Tochter ist dahingewelkt, wie ein früh verwelktes Blatt vom Baume, und nun droht dasselbe Schicksal dem Enkel, an dessen Gedeihen Sie sich erfreuten, und wessen wird sein —"
Sie war bei seinen Worten erschrocken zusammengefahren, jetzt unterbrach sie ihn mit erstaunter Frage: „Wie kommen Sie zu dieser Meinung, Herr Pastor? Ertng ist gesund und kräftig. Er gleicht viel mehr seinem Onkel, al« meiner armen Tochter."
„Es war mir so mitgetheilt worden," antwortete der Pastor betreten, aber sie beachtete seine Worte kaum, al« sie fortfuhr: „Das ist'« nicht, Herr Pastor, aber und dann brach hervor, was sie bisher zurückgedrängt hatte und machte sich ungestüm Bahn — „er hat mich aus der Verstoßenheit genommen in fein Haus und an seinen Herd! Er ist um mich besorgt wie ein Sohn und — o Gott, mein Gott, ich kann nicht« für ihn thun. Ich muß mit ansehen, wie ihm Alle« genommen wird, sein Gut und sein Recht und nun auch das Mädchen, da« er liebt!"
Sie stöhnte schmerzlich auf, dann fuhr sie, sich scheu umblickend, fort: „Herr Pastor, es hat mir geschauert vor Malte seit meine» Manne» Tode. Wie er da so heraufstürzte und an sein Sterbebett heran mit der Lüge im Munde, denn Erich hatte mich nie bedroht! War'», daß er ihm keine Zeit lassen wollte, den Sohn zu sehen oder — ich darf nichts sagen, ich —" und sie biß krampfhaft die Zähne zusammen, als ob sie die Worte mit Gewalt zurückhalten müßte. Aber dann fuhr sie fort und hob die Hände zu ihm in die Höhe: „Helfen Sie mir, Herr Pastor, was soll ich thun," und er la» die Angst ihrer Seele in den zu ihm aufgeschlagenen Augen. Tiefe« Mitleid stieg in seinem Herzen für die unglückliche, unter den Folgen der eigenen Sünde so bitter leidenden Frau empor, und er sprach ernst und doch milde in bestimmtem Tone: „Ein offene« Äekenntniß ist da« Einzige, was Ihnen Frieden bringen kann. Sagen Sie Erich die ganze Schuld, welche Sie gegen ihn auf dem Herzen tragen."
Aber sie schüttelte heftig den Kopf. „Was sollte da« nützen?" fragte sie ungestüm. „Wenn es ihm zu seinem Recht verhelfen könnte, so wäre das eine andere Sach«, aber Sie haben mir selbst gesagt, daß es unmöglich ist."
„Es kann ihn nicht zum Herrn von Grashagen machen," wiederholte der Pastor und sie fuhr schnell fort: „Ich hätte es über mich vermocht, wenn das hätte fein können. Er würde dann Ering zu sich genommen haben und vielleicht — vielleicht hätte er mir noch vergeben können!" Sie sprach leise in abgebrochenen Sätzen, während sich in ihrem Ton Muthlosigkeit und so tiefer Schmerz ausdrückte, daß der Pastor tief erschüttert war, aber er konnte nur seinen Rath wiederholen: „Sagen Sie Erich Ihre ganze Schuld, suchen Sie seine Verzeihung, Frau Hagen."
Wieder schüttelte sie den Kopf. „Ich kann e« nicht, ich darf es nicht wagen. Denken Sie nicht, daß die Worte sich auf meine Lippen gedrängt haben, wenn ich mich in seinem Hause Abend« niedergelegt und Morgen» erhoben habe, so daß ich die Zähne zusammenbetßen mußte, sie nicht auszusprechen? Meinem Gott habe ich'» geklagt mit Thränen und Schmerz, aber vor Menschen muß ich schweigen."
Sie wartete einen Augenblick, eheste fortfuhr: „Ich habe keine Entschuldigung, ich habe keine Sühne, und meine Sünde ist grob, riesengroß. Er würde sich von mir wenden, mich hinausstoßen — und, und ich kann nicht gehen, ich muß in Crumbach bleiben."
(Fortsetzung folgt.)


