„In der Thal! Und das beweisen Sie, indem Sie sich so nahe zu mir setzen, daß mein Barsge-Kleid Gefahr läuft, von Ihnen zerknittert zu werden I"
„Pah! Es geschieht nur, um durch den Rauch meiner Cigarre die Fliegen von Ihnen fern zu halten!"
Sie lachte hell auf.
„Für gar so naiv dürfen Sie mich denn doch nicht halten! Eine Frau, die, wie ich, schon einmal verheirathet gewesen, nimmt die Worte und Handlungen der Männerwelt nicht immer für so baare Müme, wie sie gelten sollen."
»Hat Ihnen Ihr verstorbener Herr Gemahl diese Ansicht beigebracht?"
„Nehmen wir den Fall, daß er es gethan!"
„Dann hat er nicht gut um Sie gerathen! Dann wollte er, daß Sie. nachdem er gestorben, einsam, ohne Stütze durch da» Leben hinwandern!"
„Lassen wir das! ... In jedem Falle hat er mich gelehrt, daß die Fliegen sich in keiner Hinsicht an die Rauchwolken kehren, mit denen die Herren der Schöpfung das Dasein erfüllen. ... Ich traute diesem blauen Geringe! zuerst auch verschiedene Kräfte zu. Allein im Laufe der Ehe, welche ich führte, kam ich zu der bestimmten Ueberzeugung, daß sie nur in der Einbildung beruhen. Ich konnte so nahe bei meinem Gatten sitzen, daß ich wie eingehüllt war in den von Euch so vergötterten blauen Dunst. Die Fliegen ließen sich dadurch ebensowenig verscheuchen, wie die — Sorgen!"
Sie war ernst geworden, beinahe traurig. Eine Pause trat ein, während welcher ihr großes braunes Auge sinnend in die Ferne lugte.
Ich suchte die kleine Hand zu erhaschen.
Sie entzog mir dieselbe, indem sie that, als ob sie mein Unterfangen nicht bemerkt habe.
„Uebrigens," fuhr sie fort, „erinnere ich mich auch eines Falles, in welchem sich die Fliege als ein durchaus nutzbringendes Lebewesen bethätigt hat. Es war in Rußland, ich glaube in einem Dorfe bei Kiew, wo sich die Geschichte zugetragen hat- Ein Bauernmädchen fiel bei Gelegenheit einer Flußfahrt in die Wellen und ertrank. Da sie, aus dem Wasser gezogen, kein einziges Lebenszeichen mehr verrieth, wurde sie mit ihren Leichenkleidern angethcm und aufgebahrt. Am zweiten Tage flog durch die geöffnete Thür in das Zimmer, wo die Todte lag, eine große Fliege. Sie setzte sich der Leiche auf die Nase und kroch dann in dieselbe hinein. Plötzlich nieste die Todte, schlug die Augen auf und erhob sich von ihrem Lager. Man kann unmöglich die Freude der Mutter des verstorbenen und nunmehr wieder lebendig gewordenen Mädchens und die Verwunderung der anwesenden Leichengäste schildern- Als die Bauern das Jnsect wieder zum Vorschein kommen und im Zimmer Herumfliegen sahen, erklärten sie einhellig, daß die Seele in Gestalt einer Fliege in den tobten Körper zurückgekehrt sei und denselben zum Leben gebracht habe. Anstatt de» schon zugerüsteten Todtenschmauses wurde nun ein Freudenfest gefeiert, wobei man den Beschluß faßte, nie mehr eine Fliege zu tödten, nachdem man erkannt, einen wie wichtigen Zweck sie unter Umständen im Dasein des Menschen zu erfüllen hätten"
„Sie erzählen allerliebst, meine gnädige Frau! Sagen Sie mir nur da» Eine: wäre es nicht sehr hübsch, wenn Sie dies angeborene Talent weiter entwickeln möchten?"
„Wie soll ich das verstehen?"
„Je nun! . . . Ich denke es mir etwa so! . . . Es ist Winterabend und die Flamme spielt im Kamin. Im Zimmer herrscht jene stilvolle Behaglichkeit, wie sie nur durch das Walten einer Frau hervorgebracht werden kann. Nehmen wir an, daß es draußen außerdem so kalt ist, daß der Schnee unter den Sohlen Derer knirscht, welche darüber hinweg schreiten. Und ein Anderer sitzt dabei, der wie berauscht von dem holden Ton ist, welcher an sein Ohr schlägt. Er kann sich nicht satt hören an dieser ihm so innigwerthen, klangvollen Stimme! Sie aber wissen dies und erzählen unablässig, immerfort —"
„Von den Fliegen?" fiel sie gleichgültig ein.
Ich sprang auf. „Ah, wie grausam Sie sind! Also da Sie nicht anders wollen, bleiben wir bei den — Fliegen!"
„Nachdem ich meine Geschichte erzählt habe, ist die Reihe wieder an Ihnen!"
„Richtig! Mir fällt ein, daß ich noch ein Mttel gegen die Fliegenplage auf Lager habe. Es rührt von Professor Jäger, dem bekannten Enthusiasten über alles Wollene, her. Er behauptet, daß die Fliege eine instinctive Abneigung gegen diesen Stoff hat. Personen also, welche sich, wie er es an« räth, beständig und ganz und gar in Wolle kleiden, wären demnach vor der Zudringlichkeit dieses Jnsect» für immer geschützt!"
„Da» läßt sich hören!"
„Wohl gemerkt: eine echte, unverfälschte Schafwolle! Sie darf nicht einmal eine andere Farbe angenommen haben, alr jene gelblich verwaschene, welche sie von Natur besitzt. Am besten ist es sogar, wenn sie noch ihren ursprünglichen Geruch, der so unausstehlich ist, beibehalten hat."
„Lieber Himmel! Man wird von Tag zu Tag älter!"
„Wie!" rief ich aus. „Das sagen Sie, die mit allen Reizen der Jugend ausgestattet sind! . . . Schelten Sie mich, so sehr Sie wollen! Bekennen Sie sich zu Grundsätzen, die meinen liebsten Hoffnungen einen Damm setzen! Allein zwingen Sie mich nicht dazu, Zeuge zu sein, wie Sie sich selbst verleumden!"
„Wie aufgeregt Sie sind!"
„Es handelt sich ja doch um eine Dame!"
„Sie irren sich: es handelt sich blos um — Fliegen!" „Zur Strafe sitzt eben wieder eine auf Ihrer Wange!" „Nun wohl! Ich gestatte Ihnen, sie zu verjagen!"
„Sie müssen jedoch still halten!"
„Wissen Sie, daß das feine Gefahren hat?"
„Inwiefern?"
„Ich erinnere mich eines Falles, wo ein junger Mann unter dem Vorgeben, eine Fliege verscheuchen zu wollen, einfach und entschlossen die betreffende Stelle — ich glaube, er mar sogar auch die Wange — geküßt hat!"
„Wenn ich mir nun dasselbe auch erlaubte?"
„Habe ich es Ihnen verboten!" versetzte sie mit einem Blick, der mein Herz vor Glück überströmen ließ.
„Selma! Theures, geliebtes Wesen!" rief ich aus, indem ich sie in meine Arme schloß.
„Was machen Sie?" sagte sie, indem sie sich den Anschein gab, al» wollte sie sich meiner Liebkosungen erwehren.
„Ich verjage Fliegen," erwiderte ich, indem ich einen Kuß nach dem andern auf die blühenden Wangen, den kleinen rosigen Mund heftete.
So saßen wir eine Weile, innig umschlungen und dar Glück kostend, welches unvermuthet in unsere Herzen eingezogen war.
„Du hast es mir eigentlich recht schwer gemacht, mich zu erklären," nahm ich schließlich da« Wort.
„Ich? • - . Inwiefern?"
„Immer, wenn ich daran ging, Dir da» Geständniß meiner Liebe zu machen, hast Du Dich hinter diese verdammten Fliegen verschanzt. Es fehlte wirklich nicht viel, so wäre ich überhaupt gar nicht dazu gekommen."
„Das geschah Dir schon recht! . . . Warum ließest Du überhaupt so lange auf Dich warten!"
„So hast auch Du mich schon früher ein wenig gern gehabt," rief ich ebenso erstaunt wie erfreut.
„D, eine ganze Zeit!"
„Aber, mein Lieb! Wie konnte ich es wagen? Assessor Liebenow war doch immer an Deiner Seite! Ich glaubte wirklich, er sei Dir nicht gleichailtia!"
„Der abscheuliche Mensch I Ich ließ ihn mir nur gefallen, weil Du gar keine Anstalten machtest, Dich zu einer Erklärung emporzuraffen. Du weißt ja: In der Roth —"
„Frißt der Teufel Fliegen!" fiel ich lachend ein.
Redaction: A. Scheyda. —Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.
S 308 —


