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geflüchtet haben!
Der Oberst lachte von Neuem, Hugo Neukamp aber machte ein ärgerliches Gesicht und wiederholte ungestüm das Klingelzeichen, das bis jetzt ohne Erfolg geblieben war. Auch diesmal wartete er vergebens auf das Erscheinen seines Dieners, und es blieb in der That nur die Annahme übrig, daß sich die Domestiken in der Furcht vor einer Wiederholung der Tumulte an irgend einem anderen Orte in Sicherheit gebracht hatten, sobald sie eine Möglichkeit dazu gesehen.
Als mehrere Minuten verstrichen waren, ohne daß sich etwas im Hause regte, sagte der Oberst, welcher zu Asmus getreten war und ihn in leisem Gespräch festgehalten hatte, mit ziemlich entschiedener Betonung:
„Ihre Leute haben sich allem Anschein nach aus dem Staube gemdcht, lieber Sohn, und auf dar Anspannen Ihres Wagens würden wir unter solchen Umständen doch wohl allzulange warten müssen. Ich nehme für mich und meine Töchter die Begleitung des Doctor Asmus mit herzlicher Dankbarkeit an und ich denke, auch der Herr Assessor wird sich uns be-
rettungslos und elend hätten umkommen müssen, wenn es den Excedenten etwa eingefallen wäre, das Haus in Brand zu stecken."
Valentini erschauerte in nachträglichem Entsetzen über diese furchtbare Möglichkeit.
„Ach, machen Sie doch keine schlechten Witze!" stieß er mit einem verzerrten Lächeln hervor. „Wir sind ja am Ende nicht in Afrika oder in einem Jndianerkriege. Aber ich leugne allerdings nicht, daß ich mich keineswegs sehr behaglich unter Ihrem Dache fühle und daß ich Ihr gastliches Haus je eher, desto lieber verlassen möchte. Ich würde Sie in meinem de- rangirten Zustand gar nicht erst noch einmal belästigt haben, wenn im ganzen Haufe nur ein einziges lebendes Wesen aufzutreiben gewesen wäre, bei dem ich mich hätte unterrichten können, ob jetzt wirklich die Lust rein ist. Es ist Alles wie ausgestorben — weiß der Himmel, wohin diese Feiglinge sich
reitwillig anschließen.
„Aber das ist doch keine Frage," versicherte Valentmt eifrig. Herr Neukamp wird vielleicht die Freundlichkeit haben, uns mit einigen Waffen zu versehen!"
„Dessen bedarf es nicht!" erklärte der Doctor ruhig. „Ich übernehme die Bürgschaft dafür, daß Ihnen nichts ge- schieht, sofern Sie die Leute, die uns begegnen könnten, nicht etwa durch Ihr Benehmen zu neuen Gewaltthätigkeiten herausfordern l"
„Ich?! — Ach, du lieber Gott!" jammerte der Assessor. „Mir ist wahrhaftig nicht fehr herausfordernd zu Muths."
„Natürlich bleibst Du unter meinem besonderen Schutz, Ediths I" sagte Neukamp, indem er den Revolver vom Tisch nahm und ihn, nachdem er ihn prüfend betrachtet, in die Brusttasche seines Rockes steckte. „Es wird doch gut sein, wenn für den Nothfall auch wirksamere Vertheidigungsmittel da find, als schöne Worte."
Monika legte ihre Hand auf Doctor Asmus Arm und bat, indem sie mit ihren ausdrucksvollen, grauen Augen flehend zu ihm aufsah:
„Kommen Sie — unsere Mäntel sind draußen, und es wird Zeit, daß wir uns zum Fortgehen rüsten."
Rascher, als es wohl unter anderen Umständen der Fall gewesen wäre, hatte sich die kleine Gesellschaft in ihre winter- lichen Ueberkleider gehüllt, und der Einzige, dessen zitternde Hand durchaus nicht das linke Aermelloch feines Pelzes finden konnte, war der Assessor Valentini. Aber auch ihm hatte der Oberst endlich mit einem kräftigen Ruck zur Vollendung seiner Toilette geholfen, und nachdem Neukamp noch einmal vergeblich nach den Dienstboten gerufen, traten alle Sechs schweigend in die Winternacht hinaus.
Rings um sie herrschte eine fast undurchdringliche Finster- niß. Nur die weiße Decke des hartgefrorenen Schnees, der unter ihren Tritten knisterte und knarrte, verbreitete eine matte Helligkeit, welche wenigstens die in unmittelbarer Nähe befindlichen Gegenstände zu erkennen gestattete. Die nächste Umgebung der Villa war jetzt ganz menschenleer; aber bei den
Fabrikgebäuden, an denen sie vorüber mußten, standen einige kleine Gruppen, in denen anscheinend sehr eifrig debattirt wurde.
Doctor Asmus, der mit Monika und dem Obersten voranging, lenkte seine Schritte so, daß sie hart an den Leuten vorüberkamen; der Assessor drängte sich so dicht als möglich an den jungen Arzt heran, Neukamp aber, der Ediths am Arme führte, blieb absichtlich um mehrere Schritte zurück, damit es nicht etwa den Anschein gewänne, als wünsche auch er durch den Doctor gedeckt zu werden.
Die Arbeiter mochten nicht wenig erstaunt sein, als sie des kleinen Zuges ansichtig wurden; aber es wurde kein feindseliges Wort gegen die Vorübergehenden laut. Die lebhaften Gespräche verstummten vielmehr völlig, so lange sie sich in Hörweite befanden, und an einer Stelle, wo der Weg ziemlich enge war, traten die dort aufgestellten Männer schweigend bei Seite, ohne daß es einer Aufforderung dazu bedurft hätte.
Noch ein paar hundert Schritte weiter und jede Gefahr war überwunden, denn schon schimmerten aus verhältnißmäßig geringer Entfernung die Lichter der Stadt herüber, die so friedlich dalag, als ob zu ihren Bewohnern nicht einmal eine dunkle Kunde von den stürmischen Austritten bei der Hartog- schen Fabrik gedrungen wäre.
Da glaubte Doctor Asmus, der mit schärfster Aufmerksamkeit umherspähte, zu seiner Linken etwas wie den Schatten einer menschlichen Gestalt wahrzunehmen, die mit lautlosen Schritten über den Schnee dahinhuschte.
„Wer da?" rief er stehen bleibend mit lauter Stimme in die Dunkelheit hinein. Aber es kam keine Antwort zurück, und auch das schärfste Auge vermochte nichts von den Umrissen oder den Bewegungen eines lebenden Wesens wahrzu- I nehmen.
„Glauben Sie, daß man uns verfolgt?" flüsterte zähneklappernd und kaum vernehmlich der Assessor. „Vielleicht wäre es gut, wenn wir im Laufschritt die Stadt zu erreichen suchten"
„Niemand hindert Sie daran, Herr!" rief der Ober/!, den die schlotternde Aengstlichkeit des jungen Menschen m endlich nervös machte, ärgerlich zurück. „In Zukunft aber werden Sie sicherlich gut thun, bei solchen Gelegenheiten hübsch daheim hinter dem Ofen zu bleiben."
Neukamp hatte das kurze Verweilen der Vorhut benutzt, um mit langen Schritten an ihnen vorüberzugehen und die Spitze zu nehmen. m .
„Wollen Sie Jagd machen auf Gespenster, lieber Schmie- gerpapa?" fragte er über die Schulter zurück. „Hier giebt es jetzt nichts Gefährliches mehr, als vielleicht einige Hasen,
Sie gingen weiter und hatten nach Verlauf von zehn Minuten das erste Gebäude der Stadt, ein niedriger Gärtnerhäuschen, erreicht. Wenn bis dahin die Spannung, die auf Allen lastete, das Zustandekommen einer eigentlichen Unterhaltung verhindert hatte, so schien ihnen jetzt dar Gefühl, sich endlich in vollkommener Sicherheit zu befinden, die Sprache wieder zu geben. Monika wenigstens brach das Schweigen, indem sie, zu ihrem Begleiter gewendet, sagte:
„Sie haben sich seit so langer Zeit fern von uns gehalten, Herr Doctor — hatten Sie denn einen Grund, uns böse ^in^Fräulein Monika!" erwiderte er, indem er ihre Hand, die auf seinem Arm ruhte, ein klein wenig an M drückte. „Ihnen wenigstens könnte ich niemals böse sein. Sie werden mir immer der Inbegriff alles Guten und Edel- müthigen bleiben." ,
„Nicht doch!" mahnte sie mit gesenktem Köpfchen. „Aber, wenn Sie uns nicht zürnten, warum kamen Sie nicht rote sonst, gelgentlich wenigstens, zu einem flüchtigen Besuch heran/ - Der Papa hat so oft nach Ihnen' gefragt und auch Editha --
„Evitha?" - Der Ton, in welchem er diesen Namen wiederholte, mußte ihr wohl mehr verrathen haben, als em lange Erklärung. Wenigstens fragte sie nicht weiter, obwohl er ihr ja die eigentliche Antwort noch turntet schuldig geblteven war und sagte statt dessen hastig:
| „Ihre Patientin in Eberbach ist inzwischen hoffentlich


