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schützen und schonen ihre Nester, wir füttern sie im Winter — soll da so Eine, wie diese Frau hier, Eine, die ^Cigarren raucht und rudert und reitet, uns in solcher Nacht durch ihren Uebermuth ein Unglück zuziehen? Was hatte ihr die arme Möve zu Leide gethan?"
„Ha, ha, ha!" lachte die schöne Frau, daß es beinahe schaurig durch das Heulen des Sturmes in die Nacht hinaus klang. „Ja, was hatte mir doch die arme Möve gethan, daß ich ihr die Schrotkörner in’s Herz sandte?"
„Wir wollen gehen," warf Erich ein. „Kommen Sie, gnädige Frau!"
Und dann setzte er in französischer Sprache hinzu: „Reizen Sie die Leute nicht, Madame! Der Aberglaube in Bezug auf die Möven ist allgemein verbreitet; es wäre unbesonnen, ihm entgegentreten zu wollen."
„Und meine Pistole?" fragte sie grollend. „Sollen mir Ihre Knechte Gesetze vorschreiben dürfen, Herr Wolfram?" '
Er zuckte die Achseln. „Versuchen Sie Ihr Glück, gnä- dige Frau!"
Mit einem schnellen, vom Zorn dictirten Ruck flog die Waffe plötzlich weit hinaus in das schäumende Meer. „Jetzt ist ja wohl der Weg frei, nicht wahr, Ihr Leute?"
„Zum Fortgehen, ja. Schieben Sie auf Dornauer Grund und Boden keine Möve wieder, Madame; er möchte sonst für Sie nicht so leichten Kaufes abgehen, wie heute."
Das Gesicht der schönen Frau war weiß vor Zorn; sie hielt mit der Linken die Kapuze zusammen und verabschiedete sich, flüchtig grüßend, von dem Gutsbesitzer. „Ich empfehle mich Ihnen, Herr Wolfram."
„Darf ich nicht das Vergnügen haben, Sie.bis zu Ihrem Wagen zu begleiten, gnädige Frau?"
„Ich danke. Almosen nehmen war nie meine Sache."
Und dann ging sie durch den tobenden Sturm sicheren Schrittes davon. Der Großknecht sah ihr kopfschüttelnd nach. „Eme Hexe ist sie doch!" beharrte er.
„Em Währwolf vielleicht, die kommen in allerlei Gestalten, sagt meine Großmutter, besonders aber als schöne junge Frauen — so eine hat sie in ihrer Jugend selbst gekannt. Die war mit fremden Soldaten in das Land gekommen und trieb Nachts auf der Haide ihr Zauberwesen. Später brach dann auch eine furchtbare Seuche aus — Menschen und Thiere starben wie die Fliegen im Herbst."
„Seht Ihr wohl! Und etwas Anderes ist es auch mit dieser Frau nicht; so oft sie mir begegnet, wende ich den Kopf."
Erich sah von Einem zum Anderen. „Wer jetzt nicht augenblicklich zu seiner Arbeit zurückkehrt, der ist morgen ent- laffen," sagte er in befehlendem Tone.
„Ja, Herr, ja."
Und alle Schaufeln wurden schleunigst in Bewegung gesetzt. Das Wasser stand jetzt schon unmittelbar vor den drei Ulmen.
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Im Schlosse brannten während der ganzen Nacht die Lichter. In dem vollständig ausgeräumten Gartensaal waren Frauen und Kinder untergebracht, in einer Scheune die Männer. Seufzer und Klagen ertönten überall, bitterliches Weinen und das Flehen geängstigter Herzen.
Jever neue Windstoß schreckte die Armen hastig empor. Vielleicht begruben ja jetzt die Wogen ihr Heim, den ganzen irdischen Besitz, Alles, was sie ihr eigen nannten. Und wenn es so war — wohin dann am nächsten Morgen mit den Kindern, den Kranken?
Eine bange, furchtbare Frage.
Immer noch kamen Nachzügler. Das Wasser stieg und stieg ; auch die Verwegensten wagten es nicht mehr, in den bedrohten Räumen zu bleiben; sie schlichen zitternd vor Furcht und Grauen den Berg hinauf und klopften an die gastliche Thür, die sich keinem Bittenden verschloß, Alle bis auf Eine — die alte Katharina. „Ich bleibe!" hatte sie gesagt. „Es ist um meinen Anton, er soll das Licht sehen."
Für Jeden und Jede hatte Ruth ein freundliche- Wort
des Willkommens, einen warmen Trunk, einen Platz, an dem die Bedrängten aufathmen und neue Hoffnung schöpfen konnten. Sie hatte die Alten seit ihrer Kindheit gekannt, sie war die Gespielin der Jüngeren gewesen, Alle liebten sie und flüchteten sich zu ihr in jeder Roth des Lebens. Pastors Ruth war ein Engel, darüber gab es im ganzen Dorfe nur eine Stimme.
In dieser Schreckensnacht ging sie leise waltend ab und zu; auch Cäcilie war einen Augenblick unten bei den Frauen im Saal gewesen und hatte ihre Gäste freundlichst begrübt, aber doch nicht lange, und als sie ging, sahen ihr mitleidige Blicke von allen Seiten nach.
Arme Cilli! — Höchstens noch ein paar Jährchen wird sie's treiben.
Auch Hans Adam wachte. „Es könnte Hilfe nöthig werden," meinte er. „Die Springfluth ist es, was ich fürchte." Ruth seufzte. „Für das Predigerhaus?'' fragte sie.
„Für Alles," gab er zur Antwort. „Auch für Erichs halbfertigen Damm- Er sah heute Abend aus wie Jemand, der am Rande des Verderbens steht — so viel, dachte ich, könnte ihm der geringe Verlust nicht ausmachen."
„Horch!" rief Ruth. „Was war das?"
Beide hielten den Athem an. Dann kam das Geräusch wieder, sturmgetragen vom Meere herüber.
„Die Kirchenglocken! — O mein Gott, nun steht das Wasser vor der Thür des Predigerhauses."
Der Baron sah nach der Uhr- „Die Fluth kann eingetreten sein," sagte er heimlich seufzend. „Ich will hinabgehen." „Aber doch nicht allein, Hans?"
„Es werden mich schon elliche Männer begleiten. Für Pastors brauchst Du nicht das Geringste zu fürchten, Kind; diese Mauern trotzen dem Sturme."
Ruth antwortete nicht, aber als er fortging, sah sie ihm sorgenvoll nach. Welch' eine entsetzliche Nacht!
Die junge Frau des Predigers war ihre liebste Freundin; das Kind hatte sie selbst aus der Taufe gehoben. Und nun saßen diese Leute, zum Tode geängstigt, auf dem dunklen Boden, den das Geflügel mit ihnen theilen mußte.
Unaufhörlich tönten die Glocken; „helft! helft!" riefen diese hastigen, einander überstürzenden Klänge.
Auch nach Dornau flogen die Gedanken des jungen Mädchens. Armer Erich! Nun stand er vielleicht ganz allein auf dem Schauplatze der Verwüstung, sah die Erträgnisse seines eisernen Fleißes zerschellt und zersplittert auf den hochgehenden Wogen treiben und Niemand war bei ihm, um ihn zu trösten, ihm ein gutes Wort zu geben.
Wie im Traum ging Ruth von einer Stelle zur anderen. Es war ihr im Herzen so weh, als sei aller Sonnenschein für immer unter mächtig dunklen Wolken begraben und als werde die dichte Finsterniß nimmer wieder weichen.
Während dessen ging Hans Adam über den Schloßhof. Er hatte den Regenrock von oben bis unten fest zugeknöpft und den Hut tief in's Gesicht gedrückt. Mit gesenktem Kopfe eilte er, so schnell es anging, vorwärts.
Ein leichtes Geräusch ließ ihn aufblicken. Huschte da nicht ein weibliches Wesen den Berg hinab?
Aber das war ja unmöglich. Ein Schatten mußte ihn getäuscht haben.
„Wer ist da?" rief er.
Keine Antwort.
Und dann wurden |feine Gedanken jählings abgezogen Ein dumpfes Donnern und Krachen, ein Zerschellen und Brechen vom Dorfe her übertönte jeden anderen Laut; dann, als sich das Geräusch verzogen hatte, waren die Kirchenglocken verstummt. Man hörte nichts mehr.
„Der Thurm ist gefallen," dachte Hans Adam und es durchschauerte ihn eisig kalt- „Wie traurig — der liebe, alte Thurm!"
Vier oder fünf Männer schlossen sich ihm an, lauter Freisassen von Molvt, die alle ihren gütigen Gebieter von Herzen liebten und für ihn durch das Feuer gegangen wären.
(Fortsetzung folgt.)


