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„Arau Bürklin? — Sie sollte hier an dieser Stelle sein?" „Gewiß. Da unten am Wasser schnuppert sie herum. Auf Dornauer Gebiet ist ste ja überhaupt den ganzen lieben Tag zu finden, bald auf dem Gaul, bald zu Fuß oder im Boot. Sie fischt auch, Herr."
Erich lachte. „So laß' sie doch fischen, Peter. Dre Ostsee
ist groß."
„Ach, was das betrifft, so verursacht sie keinen Schaden — an ihre Angel kommt nie ein Fisch. Die Thiere sind in dieser Beziehung klüger als wir Menschen, Herr; sie gehen dem Spuck aus dem Wege."
„Was sagst Du da, Peter? Dem Spuck?"
Der Kutscher besah das Goldstück, zuckte die Achseln und lächelte verlegen. . „Die Leute sagen, ste sei eine Hexe", preßte er endlich hervor. _
„Die Frau Bürklin? Eine junge, auffallend schöne Dame?
„Daß Dichl — Die findet der Herr schön? — Augen so schwarz wie ein blankgewichster Stiefel, und einen Mund voll eitel Spott und Bosheit! — Nein, da sind doch unsere Pastorstöchter andere Mädels, besonders die Jüngste! „Zum Anbeiben!" sagte der Fuchs, als er die Taube verschlang."
Erich wandte sich ab. Hatte sich heute denn Alles verschworen, um ihn zu ärgern und den inneren Zwiespalt zu verstärken?"
„Dummes Zeug!" antwortete er. „Frau Bürklm ist so wenig eine Hexe, wie Du ein Zauberer bist, mein guter Peter. Das Goldstück hat sie Dir als Trinkgeld geschenkt — sehr anständig, scheint mir." .
Und den verblüfften Knecht sich selbst überlastend, gmg Erich zum Strande hinab. Er wollte sehen, ob Anna that- sächlich in diesem Sturme draußen sei, und noch dazu mit der Wunde an der Stirn. ,
In ziemlich geringer Entfernung von den Arbeitern standen am Ufer dicht zusammen drei alte Ulmen, die miteinander schon seit Jahrhunderten den drohenden Meeresstürmen Trotz geboten Haden mochten; auf Stämmen vom Umfang großer Wagenräder wiegten sich hohe Blattkronen, in denen jetzt der Wind seine rauschenden Melodien sang. Diese vereinte Widerstandskraft konnte er nicht brechen; nur dürre Zweige und halbverwelkte Blätter r»ß er aus dem Gefüge und streute sie weithin über Master und Land.
Im Schutz der alten Stämme stand Anna- Em grauer, von oben bis unten fest geschlossener Mantel mit gleicher Kaputze verhüllte Kopf und Gestalt; um die Stirn schlang sich ein weißes Tuch, und die Füße steckten in derben Lederstiefeln. Unbeweglich sah ste hinaus in das Chaos über dem Meer.
Noch stärker als am Strande von Moldt tobten hier die empörten Elemente. Von der tief in die Bucht einschneidenden Landzunge zurückgeworsen, stürzten sich die Fluthen donnernd und brausend auf das Ufer, weißen, schnell zerrinnenden Schaum zurücklassend, hier und da aber auch festere Gegenstände, los» gerissene Planken,. todte Schafe, noch mit dem Seil um den Hals, ganze Bäume und zersplitterte Einfriedigungen aus Holz.
Ueberall gähnten Abgründe, thürmten sich Berge. Es zischte und knatterte in oen Lüften wie fernes Gewitter.
Anna stand unbeweglich gleich einer Bildsäule. Als der Gutsbesitzer näher trat, schrak sie plötzlich auf. „Sie, Herr Wolfram? — Freilich, dies ist Dornauer Grund und Boden, — ich bin widerrechtlich eingedrungen."
Er grüßte gelassen. „In wollte mich überzeugen, ob es in der That möglich sei, gnädige Frau. Was führt Sie an diesen — stark bedrohten Punkt?"
„Ihr Kutscher hat also meine Gegenwart schon verrathen? — Nun, Herr Wolfram, ich beobachte eine Möve, das ist Alles."
„Eine Möve?" wiederholte er. „Unmöglich!"
„Doch!" beharrte sie. „Das Thier kommt gleich wieder. Geben Sie nur Acht."
Und er blieb ne^en ihr in der geheimen Hoffnung, das Gespräch auf den Brief des Commerztenrathes bringen zu können. Ein unabweisbares Etwas sagte ihm, daß es nicht wohlgethan sei, ein derartiges Dokument in ihren Händen zu
lassen- Es gibt Vorgefühle, Ahnungen, die sich gewaltsam aufdrängen; zu diesen gehörte auch der Gedanke an da» zerknitterte Blatt, welches Erich im Besitz gehabt und vielleicht voreilig weggegeben hatte.
Frau Bürklin, die „Hexe", würde ja nicht zögern, von dem durch Zufall in ihre Hand gelangten Schriftstück den ausgiebigsten und wenn nöthig gewissenlosesten Gebrauch zu machen.
„Da ist die Möve!" sagte sie jetzt. „Sehen Sie, Herr Wolfram!"
Eine große weiße Raubmöve stand zwischen zwei Wasser- bergen flügelschlagend in der Lust, sie äugte mit gesenktem Kopfe nach einer bestimmten Stelle, an der das hohe Dünen- gras jetzt von den Fluthen gänzlich überschwemmt war; ein schriller, durchdringender Schrei bebte aus ihrer Brust hervor, sie wurde von dem stürzenden Wellenberg fortgetragen und verschwand in dem Gischt, der sie verschlungen zu haben schien.
„Armes Thier!" sagte mit den tiefsten Tönen ihrer wohlklingenden Stimme die schöne Frau. „Armes Thier! Da am Uferrand lag sein Nest mit den letzten halbflüggen Jungen - und nun ist es dahin, nicht mehr zu finden, ob auch die Augen spähen und spähen. Arme« Thier!"
„Sind Sie so mitleidig, gnädige Frau?
„Zuweilen — und trotzdem ich Cigarren rauche. Meinen Dank übrigens für die prompte Rücksendung jenes Briefes. Ihnen fehlte der Muth, das Blatt an feine rechtmäßige Eigen- thümerin zurückzugeben, nicht wahr? Sie wollten nicht gestehen, den Inhalt des „fremden Schriftstückes" doch in aller Stille gelesen zu haben?" „
Und dann, als er wortlos vor ihr stand, lachte sie über- cküthig. „Aergern Sie sich nicht, Herr Wolfram, es ist ganz gut so. Ich behalte das Blatt."
„Da ist die Möve!" setzte sie rasch hinzu. „Jede Sturm- woge läßt das gequälte Geschöpf neu wieder hoffen und spähen — da, ich bin minder grausam als die unerbittliche Natur."
Ihre Rechte griff in die Brusttafche des Mantels, eine Pistole kam zum Vorschein und der Schuß krachte. Getroffen stürzte das Thier in die Tiefe hinab.
Zugleich wälzte sich eine gewaltige Welle, höher als alle vorigen, auf den Strand. Bis dicht an die Ulmen rauschte das schillernde Naß, ehe es zurückwich und in tausend Tropfen zerstäubte.
Erich erschrak. „Kommen Sie, gnädige Frau," sagte er. „Die Gefahr wächst von Augenblick zu AugenbliA"
Anna lachte. „Sie fürchten, mich aus dem Wasser ziehen zu müssen, nicht wahr? Ich werde so oft lästig."
Ehe der Gutsbesitzer antworten konnte, näherte sich dem Platze, an dem Anna und er standen, eine Anzahl dunkler Gestalten, seine eigenen Knechte und Tagelöhner, die ihre Arbeit verlassen hatten und jetzt in ziemlich bedrohlicher Haltung vor- drangen. ,
„Mit Verlaub, Herr!" sagte der Großknecht vom Hofe.
„Nun, Schulz, weshalb arbeitet Ihr nicht?"
„Daran soll's nicht fehlen, Herr. Auf ein paar Minuten wird ja die Sache doch nimmer ankommen, denke ich."
„Dann sprecht rasch, Leute. Ich höre."
Der Mann ballte die Faust und nach ihm thaten es alle Uebrigen. „Hier ist eine Möve geschossen worden," rief Schulz.
„Ja, ja, wir Alle sind Zeugen."
Anna Bürklin kreuzte die Arme, ihr schöne», blasses Gesicht leuchtete in un verhülltem Hohn.
„Eine Volkrjustiz," sagte sie. „Der Zertgerst spricht. Wohlan denn, Leute, ich habe die Möve erlegt."
„Ach — die verdammte Hexe! Also auch Schußwaffen trägt sie bet sich. Heraus damit!"
Und der Großknecht streckte gebieterisch den Arm au». „Geben Sie mir sogleich die Pistole, Madame!"
„Und wenn ich mich dessen weigere?"
„Dann nehmen wir ste mit Gewalt."
„Schulz, Sie vergessen sich!"
„Das ist nicht wahr, Herr! Wir schießen niemals die Möven, das wissen Sie. Die Thiers bringen uns Glück, wir


