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Samstag, den 18. November.
Herzenskämpfe.
Roman von Theodor Schmidt.
(Fortsetzung.)
Siebzehntes Capitel.
In einem traulichen Zimmer in einem der reizendsten Häuser der Breitenstraße der Residenz saß Frau von Grabau mit ihrer Freundin und Gesellschafterin, Fräulein Löben. Frau von Grabau war mehr elegant als schön; Niemand wußte, wie alt sie war, ja, noch mehr — Niemand konnte es rathen, für Dreißig sah sie zu alt, für Vierzig zu jung aus. Ihr dunkles Haar war noch stark und üppig, ihre Wangen färbte noch eine zarte Röthe, ihre dunklen Augen sprühten noch Feuer und Leben, und noch keine Falte oder Runzel verunzierte ihre hübschen, angenehmen Züge.
Als ihr Gemahl, ein in der Residenz seiner Zeit hochangesehener Mann, starb, ließ er seine Frau in den besten Verhältnissen zurück und die junge Wittwe, noch in der Blüthe ihrer Jahre, in der besten Gesellschaft ausgenommen, fühlte sich wohl in ihrer freien, unabhängigen Stellung.
Die Damen waren eben von Einkäufen aus der Stadt zurückgekehrt und irgend etwas hatte Frau von Grabau besonderes Vergnügen verursacht, denn ihre Augen funkelten und eÄt frohes Lächeln erhellte ihre Züge.
„Ich versichere Ihnen," sagte sie zu Fräulein Löben, „ich habe nie einen so feinen, eleganten Herrn gesehen; Doctor Wildung ist ja ganz nett, aber mit Jenem nicht zu vergleichen. Frau Räthin Petersen sagte mir, er habe sie neulich mit Bitten bestürmt, daß er mir vorgestellt werde. Wie ich höre, ist er auch sehr reich: er soll sich in Amerika ein großes Vermögen erworben haben und bewegt sich hier in der besten Gesellschaft. Ich habe wirklich noch nie einen Mann mit so feinen Manieren und von so sprudelndem Geiste kennen gelernt. Frau Räthin Petersen meinte, er werde mir vielleicht morgen seine Aufwartung machen — ob er kommen wird? — Was meinen Sie, kleidet mich besser das grüne Kleid mit den Spitzen oder das blaue mit der reichen Sammetgarnitur?"
Es war ein klarer, sonniger Maitag, als Frau von Grabau in eleganter Toilette, mit einer feinen Handarbeit sich kokett in den Sammtfauteuil zurücklehnte, während Fräulein Löben ihr vorlas.
Davon jedoch hörte Jene kein Wort; all' ihre Gedanken eoncentrirten sich in der Visite, die sie so sehnlich erwartete;
und als es hastig an der Hausthür klingelte und dann feste, männliche Schritte den Corridor herabkamen, da ergoß sich ein freudiges Erröthen über ihre Züge und ihre Hand zitterte fast, als sie ihren Verehrer begrüßte.
In siebzehn Jahren gehen große Veränderungen in der Welt vor, und Niemand hätte in dem eleganten Herrn mit dem dünken Vollbart den einstigen Maler und Spieler Werner Horst wiedererkannt. Er hatte stch ein elegantes Haus ge- miethet, es auf das Kostbarste ausgestattet und stch in den besten Gesellschaften eingesührt. So bedurfte es nur noch eines Zieles, um stch seine Stellung zu sichern: einer guten Hetrath. Er brauchte kein Geld, wohl aber gute Verbindungen; als er von Frau von Grabau hörte, glaubte er gefunden zu haben, war er suchte, und alsbald that er die geeigneten Schritte, sich ihr zu nähern.
Lächelnd und erröthend lauschte Frau von Grabau den Complimenten und Schmeicheleien des galanten Fremden, und als dieser nach einer langen, lebhaften Unterhaltung sich endlich wieder verabschiedete, geschah es mit dem festen Entschluß, das Herz dieser hübschen, selbstgefälligen Wittwe zu erringen und sie bald als die Seine heimzuführen.
An demselben Tage machte er aber noch eine Bekanntschaft-
Er lernte in seinem Club Herbert von Kalborn kennen. Dieser fand Gefallen an dem immer heiteren, gesprächigen Herrn Lambrecht, der ihm versprach, ihm bei seiner Candidatur bei der nächsten Landtagswahl behilflich zu sein und zur Revanche dafür bat Herbert, ihn bei seinem intimen Freunde, dem Grafen von Roddeck, einführen zu dürfen.
Achtzehntes Capitel.
Unter dem tiefblauen Himmel Italiens, der immer nur auf die Menschheit herablächelt, erholte die junge Gräfin Martha sich allmälig wieder; konnte sie auch keinen Tag, keine Stunde ihr Geheimniß vergessen, so lastete es doch nicht so schwer auf ihr, die großartige, herrliche Natur des Südens brachte sie auf andere Gedanken. Erst nach vollen sechs Monaten kehrten sie wieder in die Heimath zurück, und voll Freude über Marthas gutes Aussehen wurden sie von Curts Mutter und Melanie jubelnd begrüßt.
„Willst Du uns begleiten, Curt?" fragte feine Mutter wenige Tage später. „Ich will einen Besuch bei Frau von Grabau machen."
„Leider muß ich auf dieses Vergnügen verzichten," entgegnete dieser, „ich erwarte den Besuch eines Herrn Lambrecht, eines Freundes von Herbert."
Der Name glitt an Marthas Ohr vorüber, ohne daß sie


