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weiter darauf geachtet hätte. Der Wagen rollte davon und heiter und lächelnd saß sie an der Gräfin Seite. Sie sahen einen großen, schlanken Herrn durch den Park kommen, aber keine Ahnung hegte Martha, daß es ihr Vater war.
Curt empfing seinen Gast in seinem Arbeitszimmer, desien Hauptschmuck ein herrliches Gemälde über dem Kamin bildete, Marthas Porträt, das dem Maler Dornbusch herrlich gelungen war. Die Sonne fiel schräg durch das Fenster und ließ ihre Strahlen in vollem Glanz auf das goldene Haar und schöne Antlitz fallen; die blauen Augen und süßen Lippen lächelten auf den Beschauer herab, in jedem Zuge prägte sich tiefer Seelenadel und edle Unschuld aus.
Sofort beim Eintreten fiel Herrn Lambrechts Blick auf das Gemälde, er stutzte und stieß unwillkürlich einen leisen Ausruf der Ueberraschung aus. Dann trat er näher und betrachtete es lange. Wachte oder träumte er? Das Zimmer, der Graf, Alles verschwand vor seinen Augen wie in einem dichten Nebel, er sah sich wieder in den Bergedorfer Wäldern, im kühlen Schatten hoher Bäume, vor sich Magdalenens schönes Antlitz, unter seinen zärtlichen Worten erröthend und den sanften Blick zu Boden senkend.
„Sie bewundern das Bild," sagte der Graf, „es ist auch wirklich ein Meisterwerk."
»Ich — ich kannte früher Jemand, der diesem Bilde ähnlich war," stammelte Herr Lambrecht.
„Es ist das Porträt meiner Frau," erklärte Curt; „ich bedaure, daß die Damen nicht zu Hause sind; doch wir gedenken nächster Tage unsere Villa auf dem Lande zu beziehen und würden uns freuen, wenn Sie uns dann auf einige Tage das Vergnügen Ihrer Gesellschaft machten. Mein Freund, Herr von Kalborn, versprach, Mitte nächster Woche zu uns zu kommen, — vielleicht schließen Sie sich ihm da an?"
Paul Lambrecht nahm diese Einladung dankend an und verließ in gehobener Stimmung das Haus, denn mit Recht durfte er sich sagen, daß er auf den jungen Grafen einen entschieden günstigen Eindruck gemacht hatte.
Einige Tage waren verflossen und Lambrecht machte seinen Besuch in der Villa des Grafen Roddeck.
«Ich glaube, die Damen sind im Garten," sagte Graf Curt, als der Diener Herrn Lambrecht in das Zimmer führte.
Er schritt seinem Gast voran die Terrassenstufen herab; Herr Lambrecht folgte ihm, und wie sein Blick bewundernd über die herrlichen Blumenbeete glitt, blieb sein Auge plötzlich auf etwas haften, das sein Herz fast stillstehen und seinen Körper in höchstem Schrecken erzittern ließ. Hatte Magdalene ihre Jugend und Schönheit wiedergefunden, war sie von den Todten auferstanden, um ihn in seiner Schmach vor der ganzen Welt bloszustellen? Seine Augen starrten die Erscheinung an, es entrang sich seiner Brust ein tiefes Stöhnen, und nur mit Mühe vermochte der starke Mann, sich aufrecht zu erhalten. Aber steh', es war kein Trugbild seiner Sinne — denn neben ihr stand eine vornehme Dame mit edlen Zügen, und jetzt trat der junge Graf heiter lächelnd zu den beiden Damen heran.
Herr Lambrecht zitterte, als die Gestalt sich ihm näherte; krampfhaft durchzuckte es sein Gesicht und seine Hände bebten, als der Graf ihm die Dame als seine Gemahlin vorstellte. , Lambrecht war zu erregt, um einen ruhigen Gedanken fassen zu können- Gleich einem Dolchstoß durchzuckte ihn Marthas melodische Stimme; dieselbe Stimme hatte er zuletzt seinen Namen in wilder Verzweiflung ausstoßen hören.
Er erwiderte Marthas liebenswürdige Begrüßung mit ein paar kaum verständlichen Worten, dann wandte er sich hastig ab.
„Was ist Ihnen?" fragte der Graf, erschrocken über das bleiche, aufgeregte Gesicht seines Gastes.
„Nichts, nichts," stammelte dieser hastig, „es ist schon vorüber, der starke Blumenduft hat mich etwas betäubt."
Noch immer starrte er die junge Gräfin an — er konnte sich das Geheimniß nicht erklären, denn Magdalene hatte ihm seiner Zeit keine Silbe über die Adoption Marthas durch die Gräfin Scherwiz gesagt. Gewaltsam nahm er sich zusammen, denn schon zog sein seltsame» Benehmen der Anderen Aufmerk
samkeit auf sich. Die Gräfin-Mutter glaubte, die Schönheit ihrer Schwiegertochter habe einen so tiefen Eindruck gemacht, während ihr Sohn in stummer Ueberraschung dabei stand und sich im Stillen fragte, ob es möglich sei, daß sein Gast sich vor seinen Augen in die junge Frau verliebte.
Mit einer verzweifelten Anstrengung gewann Paul Lambrecht seine äußere Ruhe wieder; es konnte ja doch nur eine zufällige Aehnlichkeit sein, die ihn so betroffen machte.
Man setzte sich zu Tisch, man plauderte und lachte, und Herr Lambrecht unterhielt sich lebhaft mit der jungen Gräfin. Dann folgte diese der Aufforderung, setzte sich an den Flügel und sang mehrere Lieder mit ihrer vollen, glockenhellen Stimme.
Wer konnte sie sein, die mit Magdalenens lieblicher Stimme sang? Da plötzlich — und — bis an den letzten Tag seines Lebens vergaß Paul Lambrecht nicht den tödtlichen Schrecken, der ihn dabei durchzuckte — plötzlich, wie ein elec- trischer Schlag kam ihm der Gedanke: konnte sie nicht Magdalenens und seine Tochter sein? Wer sonst konnte diese Züge, dieses Lächeln haben? — Er mußte seine Neugierde befriedigen, er mußte wissen, ob sie es war!
Sobald die junge Gräfin das Lied beendet hatte, trat er zu ihr und begann sich lebhaft mit ihr zu unterhalten. Er beugte sich zu ihr herab und sein erstaunter Blick fiel auf ihre juwelengeschmückten Finger. Da zwischen kostbaren Ringen mit Perlen und Diamanten gewahrte er einen einfachen Goldreif, auf welchem das Wort „Treue" eingravirt war. Diesen Ring hatte er vor dreiundzwanzig Jahren mit eigener Hand an Magdalenens Finger gesteckt.
Er erinnerte sich, daß diese ihm gesagt hatte, eine reiche Dame habe ihr Kind an Kindesstatt angenommen; jetzt galt es, in Erfahrung zu bringen, wer diese Dame war. Er zog Herbert von Kalborn in eine lebhafte Unterhaltung und warf gelegentlich die Worte hin: „Die junge Gräfin ist eine reizende Frau — ich erinnere mich nicht gleich ihrer Abstammung. Sie ist wohl
Sein Herz klopfte bang bei dieser Frage, aber er verbarg seine Aufregung unter einem ruhigen Lächeln.
„Die Tochter der Gräfin Scherwiz," gab der Graf zur Antwort, „das heißt, deren Adoptivtochter, die nur den Namen der Gräfin trug und das ganze, sehr bedeutende Vermögen geerbt hat."
„Und wer waren ihre wirklichen Eltern?" fragte Lambrecht weiter, und alle Farbe wich aus seinem Gesicht.
„Das habe ich nie gehört," versetzte Herbert, „ich glaube, entfernte Verwandte der Gräfin Scherwiz. Doch, Sie entschuldigen mich," fügte er rasch hinzu, als Melanie von Selten sich mit einer Frage an ihn wandte.
Neunzehntes Capitel.
Bestürzt, verwirrt, von einer Fluth von Gedanken und Empfindungen bestürmt, blieb Lambrecht wie an den Boden gewurzelt stehen. Welche Freude — welcher Stolz für ihn — seine Tochter, sein einziges Kind — eine der schönsten und gefeiertsten Damen der Residenz — an einen Grafen verheirathet zu sehen! Als Vater der Gräfin Roddeck war ihm mit einem Male seine Stellung gesichert. Welch' stolzer Augenblick für ihn, wenn er von «seinem Schwiegersohn, dem Grafen" und von „seiner Tochter, der Gräfin" reden konnte. Doch bei ruhigerer Ueberlegung mußte er sich eingestehen, daß eine un- übersteigliche Kluft ihn von seinem Kinde trennte. Sobald er sich als ihr Vater zu erkennen gab, würde er mehr verlieren, als gewinnen. Bei einer so wichtigen Angelegenheit würde keine aus der Luft gegriffene Angabe über seine Persönlichkeit stichhaltig sein, und er wäre gezwungen, sich als Werner Horst zu erkennen zu geben; damit fiel der stolze Bau, mit dem er so mühsam seine elende Vergangenheit zugedeckt hatte, in Trümmer. Er mußte Frau von Grabau gestehen, daß er sich einer Lüge schuldig gemacht, als er ihr gesagt hatte, er sei niemals verheirathet gewesen, und damit würde er alle Hoffnung verlieren, daß sie je die Seine würde.
Der Gedanke, so viele und große Vortheile vor Augen zu


