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um sich und schlug mit Vorliebe einen derb burschicosen Ton an, welcher dem Staatsanwalt nicht sonderlich sympathisch war.

Ein lockerer Zeisig, dieser Herr Doctor!" flüsterte ein näherer Bekannter Bernhard Rodewaldt gelegentlich ins Ohr. Schon als Student in Bonn soll er ganz unsinnige Schulden gemacht und seinem braven Vater, der keineswegs ein Krösus ist, kummervolle Stunden verursacht haben. Hier aber scheint er's nicht viel besser zu treiben; denn man erzählt sich von ihm bereits die tollsten Geschichten. Wenn der Professor nicht bei Zeiten die Zügel etwas straffer anzieht, wird er voraussichtlich noch manchen Verdruß an diesem allzu lebens­lustigen Jünger Aesculaps erfahren."

Mit einem gewissen Bedauern hatte der Staatsanwalt diese durch das Auftreten des Doktors hinreichend bestätigte Characteristik vernommen; aber er hatte das Mißfallen, das ihm der Bruder erregte, sehr bald und sehr vollständig über dem Wohlgefallen an der liebreizenden Schwester vergessen. Aus ärmlichen Verhältnissen hervorgegangen und durch die Umstände frühzeitig zu ernster Arbeit gezwungen, hatte Bern­hard Rodewaldt bisher wenig Gelegenheit gehabt, die Freuden heiterer Geselligkeit zu genießen, und die Namen der jungen Damen, mit denen er außerhalb seines Berufes in Berührung gekommen war, hätten sich leicht an den Fingern herzählen lassen. Darum muthete ihn Elfriedens ungesuchte Liebens­würdigkeit wie etwas ganz Neues, bisher Ungekanntes an; darum tönte ihm ihr silberhelles Lachen wie die süßeste Musik in das Ohr und darum ließ jeder freundliche Blick ihrer lachenden braunen Augen sein Herz in rascheren Schlägen klopfen.

Er war eben in einem sehr eifrigen Gespräch mit ihr begriffen und lauschte in Hellern Entzücken ihrem zugleich klugen und naiven Geplauder, als sich die Thür des Salons öffnete, um die lange, hagere Gestalt des Doctor Julius Stirner sichtbar werden zu lassen. Der Professor hatte eine kleine Weile zuvor geäußert, daß man noch nicht zu Tische gehen könne, weil man aus das Erscheinen eines lieben Freundes zu warten habe, und nach der Art der Begrüßung, welche der Hausherr dem Eintretenden zu Theil werden ließ, konnte Rodewaldt nicht daran zweifeln, daß kein Anderer als Stirner mit jenemlieben Freunde" gemeint gewesen sei. Er verfärbte sich ein wenig und brach die Unterhaltung mit Elfriede so plötzlich ab, daß das junge Mädchen ganz erstaunt und betroffen zu ihm aufsah. Einige hastige, kaum verständ­liche Worte der Entschuldigung murmelnd, zog er sich, um einer etwaigen Begrüßung durch den Rechtsanwalt auszu­weichen, tiefer in den Hintergrund des Zimmers zurück, und er nahm gleich darauf eine günstige Gelegenheit wahr, um dasselbe unauffällig ganz zu verlassen.

Während er draußen auf dem Gange rasch nach Hut und Ueberrock griff, beauftragte er das verwundert zusehende Mädchen, ihn mit einer eiligen und dringenden Abberufung bei dem Hausherrn zu entschuldigen. Noch ehe aber die Die­nerin ihren Auftrag hatte ausführen können, trat der Pro­fessor selbst heraus und fragte in höchstem Erstaunen, was dieser plötzliche Aufbruch bedeuten solle.

Für einen Moment dachte Bernhard Rodewaldt wohl daran, bei dem eben erfundenen Vorwand zu beharren; aber die überdies sehr unwahrscheinlich klingende Lüge wider­strebte seiner ehrlichen Natur und seiner Achtung vor dem liebenswürdigen Gelehrten so sehr, daß er, nachdem das Mäd­chen außer Hörweite war, ganz offen erklärte:

Ich bitte Sie, mich für heute zu beurlauben, verehrter Herr Professor, weil zwingende Gründe es mir unmöglich machen, mit Herrn Doctor Stirner an dem nämlichen Tische zu sitzen."

Director Hallenstein war sehr bestürzt.

Darum also vermieden Sie es, ihn zu begrüßen? Ich habe allem Anschein nach eine Ungeschicklichkeit begangen, ihn zugleich mit Ihnen einzuladen; aber wie hätte ich ahnen können, daß eine so weitgehende Feindschaft zwischen Ihnen besteht I Oder hätte Ihre Entschließung etwa einen anderen Grund? Wären es vielleicht gar Bedenken gegen die Ehren­

haftigkeit des Rechtsanwalts, welche Ihnen den Aufenthalt in einer Gesellschaft unmöglich machen, der auch er angehört?"

Ich bitte Sie, mir die Antwort darauf zu erlassen, Herr Professor," sagte Rodewaldt ausweichend.Herr Doctor Stirner gehört, wie ich vermuthe, zu Ihren näheren Freunden."

Er verkehrt seit mehreren Monaten in meinem Hause und ich gestehe, daß ich lebhaftes Gefallen an seinem scharfen Verstände und an seiner geistreichen Unterhaltungsgabe ge­funden habe. Ueber seinen Character aber bin ich zur Zeit noch völlig im Unklaren, und wenn irgend ein Makel auf demselben haften sollte, so bitte ich Sie dringend, mir nicht zu verschweigen, was Sie darüber wissen."

Der Staatsanwalt machte auch jetzt eine verneinende Bewegung; aber noch bevor er die ablehnende Antwort hatte geben können, fuhr der Professor mit vermehrter Eindringlich­keit fort:

Es handelt sich dabei für mich nicht blos um die Furcht, vorübergehend einen bedenklichen Gast unter meinem Dache zu haben, sondern es sind ganz andere, unendlich viel wichtigere Dinge, welche da auf dem Spiele stehen könnten. Im Vertrauen gesagt, Herr Staatsanwalt: Doctor Stirner bewirbt sich um die Hand meiner Elfriede, und ich bin bis zu diesem Augenblick nicht abgeneigt gewesen, ihn zu meinem Schwiegersohn zu machen. Begreifen Sie nun, daß es ein ganz besonderes Interesse für mich haben muß, die Beweg­gründe Ihrer befremdlichen Entschließung kennen zu lernen?"

Es war gut, daß die unsichere Beleuchtung des Ganges den Augen des Professors verbarg, wie blaß Bernhard Rode­waldt mit einem Male geworden war. Seine Erwiderung ließ eine kleine Weile auf sich warten; dann aber klang es mit der ruhigen Entschlossenheit eines wohlüberlegten, festen Entschlusses von seinen Lippen:

Ich begreife es vollkommen, aber ich bedauere, Ihnen nach dieser vertraulichen Mittheilung die gewünschte Antwort erst recht schuldig bleiben zu müssen. Nicht ich kann mich dazu berufen fühlen, Ihnen eine Auskunft zu ertheilen, die möglicherweise das Glück und den Herzensfrieden Ihrer Tochter gefährden könnte. Nehmen Sie immerhin an, daß es allein eine Empfindung persönlichen Hasses gegen den Doctor Stirner fei, die mich von hier vertreibt und versuchen Sie, mir wegen der gesellschaftlichen Unart, die in meinem Benehmen liegen mag, nicht allzu lebhaft zu zürnen."

Der Professor sah in der Thai recht verdrießlich aus.

Ich kann Sie zum Reden natürlich ebensowenig zwingen als zum Hierbleiben, Herr Staatsanwalt," meinte er,und da ich Sie nach wie vor für einen Ehrenmann halte, muß ich auch die Motive Ihres Schweigens wohl refpectiren. Aber es darf Sie nicht Wunder nehmen, wenn ich den Rechtsanwalt von Ihrer Entfernung und von der Erklärung, welche Sie mir für dieselbe gegeben haben, in Kenntniß setze. Ich glaube das nicht nur ihm, sondern auch mir selber schuldig zu sein."

Zustimmend neigte Bernhard Rodewaldt das Haupt.

Gewiß! Und ich habe nicht die geringste Einwendung dagegen zu machen. Wenn Herr Doctor Stirner nach einer näheren Begründung Verlangen trägt, so soll sie ihm nicht vorenthalten bleiben."

Es war eine ziemlich kühle Verabschiedung, welche dem Staatsanwalt zu Theil wurde, und als er auf die Straße hinaustrat, um langsam den Heimweg nach seiner einsamen Junggesellenwohnung einzuschlagen, war ihm das Herz recht schwer.

Er konnte seine Handlungsweise nicht bedauern; denn was er gethan hatte, war ihm als ein unabweisliches Gebot der Ehre erschienen, und wenn er noch einmal vor die näm­liche Entschließung gestellt worden wäre, würde sie sicherlich genau in demselben Sinne ausgefallen fein. Aber wenn nicht Unzufriedenheit, so war es doch aufrichtige Betrübniß, die ihn erfüllte. Erst jetzt wurde er sich mit voller Klarheit bewußt, wie tief der Eindruck gewesen war, welchen der Liebreiz El­friedens auf ihn gemacht; erst jetzt kam ihm die Erkenntniß, daß er auf dem besten Wege gewesen war, sich einem schönen, beglückenden Traume hinzugeben, der nun unter dem rauhen