Ausgabe 
18.7.1893
 
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Clienten ertheilt habe, diesem Gerichtshöfe keine Rechenschaft schuldig."

Der Vorsitzende biß sich auf die Unterlippe, aber er 6e* wahrte doch seine ruhige Haltung. Ohne den Vertheidiger noch eines weiteren Blickes zu würdigen, wandte er sich an den Staatsanwalt mit der Frage, ob er angesichts dieser ver­änderten Sachlage neue Anträge zu stellen wünsche. Als er verneinte, wurden die Fragen, welche von den Geschworenen zu beantworten waren, formulirt und nach einer kurzen Rechts­belehrung von Seiten des Präsidenten zog sich die Jury in das anstoßende Berathungszimmer zurück. Ihre Abwesenheit währte kaum eine Viertelstunde; dann traten die zu Richtern berufenen Männer mit ernsten Gesichtern wieder in den Saal und der Obmann verkündete, daß der Angeklagte Paul Berg­mann mit Stimmeneinheit des Todtfchlags schuldig befunden worden sei. Der Staatsanwalt beantragte eine Zuchthausstrafe von fünfzehn Jahren; der Vertheidiger verzichtete ebenso wie der Angeklagte aus jede weitere Bemerkung, und nach einer Berathung mit den Beisitzern des Gerichtshofes, welche nur wenige Minuten in Anspruch genommen hatte, verkündete der Präsident das Urtheil, welches dem Anträge des Staatsanwalts entsprach.

Scheinbar gefaßt nahm der Mörder den Spruch entgegen, der ihn für immer aus der Gesellschaft ehrlicher Menschen ausstieß; er wurde abgeführt und mit einem tiefen Aufathmen verließen die Zeugen des düsteren Justizdramas den heißen, dumpfigen Saal.

In dem für die Mitglieder des Gerichtshofes bestimmten Vorzimmer trafen der Staatsanwalt und der Vertheidiger für einen Moment zusammen. Bernhardt Rodewaldt ging an dem Advocaten vorüber, ohne ihn zu grüßen und scheinbar, ohne ihn zu sehen; die Augen des Doctor Julius Stirner aber i folgten dem Davonschreitenden mit einem Ausdruck wilden, iödtlichen Hafies, und die unverständlichen Worte, welche seine blassen Lippen hinter ihm drein murmelten, enthielten sicher­lich einen nichts weniger als freundlichen Wunsch für den Mann, dem es soeben gelungen war, der Gerechtigkeit z» einem kaum noch erwarteten Siege zu verhelsen-

II.

In dem Hause des Gymnasialdirectors Profesior Hallen­stein hatte sich zwei Tage nach dieser denkwürdigen Gerichts­verhandlung eine kleine Gesellschaft zusammengefunden, zu der auch der Staatsanwalt Bernhard Rodewaldt gehörte. Er war mit dem verdienstvollen und allgemein geachteten Ge­lehrten fchon seit längerer Zeit befreundet, aber er betrat feine Wohnung heute zum ersten Male. Auch war er den beiden Kindern des Profesiors, einem sünfundzwanzigjährigen Sohne und einer achtzehnjährigen Tochter, noch nie zuvor be­gegnet, und es war darum wohl zu begreifen, wenn ihn die auffallende Schönheit des jungen Mädchens, das erst vor drei Monaten aus einer Schweizer Penston heimgekehrt war, auf eine sehr angenehme Weise überrascht hatte- Er war nicht darüber im Zweifel, daß ihm niemals ein anmuthigeres und reizenderes Geschöpf begegnet sei, als Elfriede Hallenstein, und feine Bewunderung für ihre jugendfrtsche Holdseligkeit, ihre schalkhafte Grazie und ihren klaren, ungekünstelten Verstand wuchs von Minute zu Minute während der lebhaften Unter­haltung, die er vor dem Beginn der Tafel mit dem Töchter­chen des Hauses führen durfte.

Weniger günstig war der Eindruck, welchen er von dem Bruder Elfridens, dem jungen Doctor Ernst Hallenstein, em­pfing. Der Gymnasialdirector hatte ihm mitgetheilt, daß fein Sohn vor Kurzem die ärztliche Staatsprüfung bestanden habe und gegenwärtig als Volontär-Arzt am städtischen Kranken­hause thätig sei; in dem Wesen des jungen Mediciners aber war noch viel mehr von dem flotten Corpsstudenten, au> von dem ernsthaften, zum Helfer und Tröster im menschlichen Leiden berufenen Arzte. Wie er die Narben von einigen tüchtigenSchmissen" mit sichtlichem Stolz auf feinen Wangen | trug, so warf er auch beständig mit studentischen Ausdrücken

nach einem zweiten Ausgang des Hauses führte und gewann > so, von Niemanden gesehen, das Freie. Ich vermag Ihnen nicht zu schildern, meine Herren Richter, welche Qualen ich während der nächsten Stunden und Tage ausgestanden! | Hundertmal war ich auf dem Wege, mich selbst den Behörden anzugeben, und jedesmal hielt mich doch meine Feigheit und die Liebe zum Leben davon zurück. Ich las in den Zeitungen, daß man jenen Bettler als des Mordes verdächtig verhaftet habe und ich begann neue Hoffnung zu schöpfen. Mein Ge« wiffen regte sich wohl, aber ich tröstete mich mit der Zuver­sicht, daß man einen Unschuldigen am Ende doch nicht ver- urtheilen würde und daß ich durch diesen Mißgriff der Polizei vorläufig jedenfalls vor Entdeckung gesichert sei. Auch gab mir der Besitz des großen Vermögens, das man mir anstands­los ausgehändigt hatte, ein Gefühl der Sicherheit, durch das die Selbstvorwürfe, mit denen ich mich anfänglich gepeinigt hatte, mehr und mehr erstickt wurden. Als ich dann wahr­nahm, daß man dennoch einen Verdacht gegen mich zu schöpfen begann, hatte ich mich, wie ich glaubte, mit mir selber über meine unselige That bereits vollständig abgefunden und ich war trotzig entschlossen, mich bis auf das Aeußerste zu vertheidigen. Darum, meine Herren Richter, leugnete ich so lange und so beharrlich meine Schuld. In der Einsamkeit des Gefängnisses freilich stellten sich nach und nach die schrecklichen Vorstellungen wieder ein, unter denen ich unmittelber nach dem Morde ge­litten hatte. Ich war zuweilen dem Wahnsinne nahe und eine innere Stimme rief mir unaufhörlich zu, meine Schuld zu be­kennen und freiwillig die Strafe auf mich zu nehmen für das, was ich gethan- Auch glaubte ich wahrzunehmen, daß es um meine Sache schlecht bestellt sei und ich würde darum wohl schon früher ein Geständniß abgelegt haben, wenn nicht"

Er hielt inne, als ob es ihm schwer würde, den begon­nenen Satz zu vollenden; als aber der Vorsitzende in gütig mahnendem Tone fragte, wodurch er von einem Bekenntniß zurückgehalten worden sei, da warf er entschlossen den Kopf zurück und sagte mit fester Stimme:Durch den Rath meines Vertheidigers, Herr Präsident! Er glaubte meine Freisprechung erwirken zu können und er hinderte mich deshalb daran, mein Verbrechen zu gestehen."

Das heißt Sie wollen damit sagen, daß Sie auch | Ihren Herrn Vertheidiger getäuscht haben, wie Sie uns zu täuschen versuchten. Sie haben den Glauben an Ihre Unschuld in ihm zu erwecken gewußt."

Nein, meine Herren Richter! Ich hatte Herrn Rechts­anwalt Stirner auf sein dringendes Vorhalten schon bei dem ersten Besuch, den er mir im Untersuchungsgefängniß abstattete, meine That eingeräumt; aber ich hatte ihm allerdings gleich­zeitig eine Belohnung von dreißigtausend Mark versprochen, wenn es ihm durch seine Vertheidigung gelänge, meine Frei­sprechung herbeizuführen."

Von allen Ueberraschungen dieser an dramatischen Zwischen­fällen so überreichen Gerichtsverhandlung war jedenfalls keine gleich sensationell und Aussehen erregend gewesen, als diese mit dem Ausdruck der vollsten Wahrhaftigkeit vorgebrachte Erklärung des Angeklagten. Unter den Zuhörern wurden Rufe des Unwillens und der Entrüstung laut, sodaß der Präsident mit allem Nachdruck eine Räumung der Zuschauerplätze an­drohen mußte, um Ruhe zu erzielen.

Sie haben gehört, Herr Rechtsanwalt," wandte er sich an den Vertheidiger,welche Beschuldigung der Angeklagte gegen Sie erhebt. Ohne Zweifel sind Sie gewillt, dieselbe auf der Stelle als eine grobe Unwahrheit zu bezeichnen."

Doctor Julius Stirner hatte sich in seinen Stuhl zurück­gelehnt; ein höhnisches Lächeln war auf seinem farblosen Ge­sicht, und indem er den langen Schnurrbart durch die Finger gleiten ließ, sagte er, ohne sich zu erheben, in spöttisch heraus­forderndem Tone:Wenn ich eine solche Absicht gehabt hätte, Herr Präsident, so würde es Ihrer besonderen Aufforderung nicht erst bedurft haben. Ich glaube zu wissen, was ich mir und meiner Standesehre schuldig bin. Mich über die letzte Bemerkung des Angeklagten zu äußern, habe ich vorläufig keine Veranlassung. Ich bin über die Rathschläge, welche ich meinem